Wirtschaft

Böses Erwachen für junge Anleger "Kursverluste führen nicht zu Telekom-artigem Schock"

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Mit Börsen-Apps wie Robinhood ist der Zugang zum Aktienmarkt so leicht wie nie.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Dank Neo-Brokern ist der Zugang zum Aktienmarkt so leicht wie nie. Gerade junge Menschen lockt seit dem Corona-Crash das schnelle Geld. Doch Investitionen in Hype-Aktien seien wie ein Besuch im Casino, sagt Finanz-Blogger Thomas Kehl im Interview.

ntv.de: Auf den Corona-Crash im März 2020 folgte eine Goldgräberstimmung, die gerade auch junge Menschen an die Börse gelockt hat. Kursverluste sind für sie eine völlig neue Erfahrung. Wie reagieren Ihre Follower darauf?

Thomas Kehl: Dass ausgerechnet Anfang 2020 so viele Menschen an den Aktienmarkt gegangen sind, war schon ziemlich erstaunlich. Eigentlich halten Crashs die Leute eher davon ab, an die Börse zu gehen. Die anfängliche Panik ist aber schnell in Optimismus umgeschlagen. Auch viele junge Menschen haben die Gelegenheit genutzt, um zu günstigen Kursen in Aktien zu investieren. Das ging sogar so weit, dass Broker teilweise völlig überfordert waren, weil zu viele Menschen ein Depot eröffnen wollten. Seitdem kannten die Kurse nur eine Richtung: nach oben. Als sie im vergangenen Monat wieder heruntergingen, haben wir schon gemerkt, dass sich die neuen jungen Anleger kritisch mit dem Thema auseinandersetzen. Denn gerade die Aktien, die im vergangenen Jahr so viel dazugewonnen haben, nämlich überwiegend die Technologie-Werte, haben teilweise mit bis zu 40 Prozent überproportional viel verloren. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass diese Entwicklung für einen Telekom-artigen Schock sorgt.

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Das heißt, die Verunsicherung ist gar nicht so groß?

Es herrscht schon ein bisschen Verunsicherung, so wie ich das mitbekomme. Aber nicht in der Größenordnung, dass es Leute abschreckt oder dass massenweise junge Leute den Kapitalmarkt wieder verlassen.

Gerade bei den 14-29-Jährigen gab es einen großen Zuwachs unter den Neuanlegern. Was wollen die jungen Anleger am Aktienmarkt?

Dasselbe wie die Alten: Rendite erwirtschaften und möglichst langfristig ihre Altersvorsorge aufbauen. Am Anfang mag der Einstieg in den Aktienmarkt durch Broker wie Robinhood oder Trade Republic noch vom Spieltrieb dominiert worden sein, die ihre Kunden dazu animieren, am Kapitalmarkt teilzunehmen. Gleichzeitig steckt aber natürlich auch ein langfristiger Nutzen dahinter, wenn junge Leute sich ein Vermögen aufbauen.

Mit Börsen-Apps ist der Zugang zum Aktienmarkt so leicht wie nie. Verbraucherschützer warnen vor einem spielerischen Charakter, der zum Zocken verleitet. Zu Recht?

Neo-Broker haben analog zu Social Media Sucht fördernde Mechanismen, die das Bedürfnis schüren, immer wieder in die App zu schauen. Die Kritik ist absolut gerechtfertigt. Früher konnte man sein Depot nur am PC checken, heute können Anleger über das Smartphone an der Bushaltestelle ihr Depot prüfen und mit ein paar Klicks neue Aktien kaufen. Die Broker leben davon. Je häufiger man handelt, desto mehr verdienen Robinhood oder Trade Republic. Das sollte man nicht vergessen.

Welche Gefahren birgt der Aktienmarkt gerade für Anleger unter 30?

Insgesamt nicht mehr Gefahren, als für Leute, die später einsteigen. Grundsätzlich ist eine Investition in Aktien immer risikobehaftet. Das verstehen viele leider nicht. Wenn wir sagen: Im Durchschnitt bieten Aktien zwischen sechs und acht Prozent Rendite nach Inflation, gelten diese Angaben nur für eine langfristige Anlage. Aktienmärkte schwanken eben extrem.

Sind junge Leute risikofreudiger? Viele von ihnen investieren in Trend-Themen wie Krypto oder Meme-Aktien.

Junge Leute können es sich zunächst wegen ihres längeren Anlagehorizonts erlauben, risikofreudiger zu investieren. Schließlich können sie mögliche Crash-Phasen länger aussitzen. Die hochgradige Spekulation rund um Gamestop erwecken vielleicht den Anschein, junge Leute seien risikofreudiger. Belegen lässt sich das nicht. Was man aber sagen kann: Der Prozentsatz an Kryptowährung im Depot von jungen Leuten ist viel, viel höher als bei Anlegern, die schon 20 Jahre an der Börse sind.

Sind Kryptowährungen für junge Anleger geeignet?

Eine Investition in Kryptowährung hat wenig mit dem Alter, sondern mehr mit dem Verständnis zu tun. Anleger sollten generell in nichts investieren, was man selbst nicht versteht. Das System hinter Kryptowährungen ist komplex und hinzukommt, dass ein Großteil entweder Scam oder von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Entweder, weil sie eine zu kleine Community haben oder weil sie technisch schwach aufgestellt sind. Es gilt zu entscheiden: Was ist sinnvoll, was hat einen wirklichen Nutzen und was eben nicht. Wenn man sich für Kryptoinvestitionen entscheidet, sollte man sehr viel Zeit und Recherche investieren. Wer Vermögen aufbauen will, muss allerdings nicht zwangsläufig in Krypto investieren. Das ist eine komplett optionale Assetklasse.

Wie hoch ist das Risiko, wenn gerade junge Menschen ohne Erfahrung etwa in Hype-Aktien wie die des US-Videospieleanbieters Gamestop investieren?

Investitionen in Hype-Aktien sind wie ein Besuch im Casino. Ab dem Moment, in dem ich einen Fuß in das Casino setze, muss mir klar sein: Die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen, ist sehr gering. Wenn mir das bewusst ist, können Hype-Aktien in der Anlageentscheidung berücksichtigt werden. Dafür sollte allerdings nur Spielgeld benutzt werden - also Geld, auf das problemlos verzichtet werden kann. Eine kluge Anlageentscheidung wäre es, die Finger davon zulassen. Allerdings weiß ich auch, dass manchmal der Spieltrieb überwiegen kann.

Was empfehlen Sie jungen Anlegern noch, damit sie sich nicht die Finger verbrennen?

Spekulationen sollten nie den langfristigen Vermögensaufbau gefährden. Ein zweites Depot kann verhindern, dass man sich selbst belügt und erlaubt es, die tatsächliche Performance von Spekulationen immer im Blick zu behalten.

Seit der Corona-Krise erfreuen sich Finanz-Influencer eines enormen Zulaufs. Wie können Neu-Börsianer schwarze Schafe erkennen?

Was zu gut klingt, um wahr zu sein, ist es oft auch. Wenn jemand verspricht, mit meinem Geld deutlich mehr zu verdienen als ich, wäre ich sehr skeptisch und die Frage stellen: Wie macht er das? Ansonsten kann man sich vor Betrug nur mit Bildung schützen. Bitcoin, als Beispiel für eine Kryptowährung, ist extrem komplex. Alleine die Verwahrung von Bitcoins ist kompliziert, deswegen sollte man ganz genau verstehen, wann setze ich meine Bitcoin einem Risiko aus und wann bin ich wirklich Herr über die Sache. Wenn ich das nicht kann, ist die Gefahr zu hoch, dass mein Geld einfach weg ist. Es gibt zu viele technische Fallstricke.

Welche Verantwortung haben Finanz-Influencer inzwischen?

Wir wollen unserer Community die Werkzeuge an die Hand geben, selbst finanzielle Entscheidungen treffen zu können. Die Leute sollen eigenständig analysieren können, welches Finanzprodukt ist sinnvoll und wovon lass ich lieber die Finger. Andere Influencer geben konkrete Empfehlungen, davon distanzieren wir uns aber.

Mit Thomas Kehl sprach Juliane Kipper

Quelle: ntv.de

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