Wirtschaft

Spieltheoretiker zu Meme-Aktien "Die anderen sind auch nicht dumm"

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Der Gamstop-Hype hat Leerverkäufer viel Geld gekostet.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

An der Börse sorgen Meme-Aktien für jede Menge Wirbel. Dabei verabreden sich Kleinanleger zum kollektiven Kauf einer Aktie und treiben dadurch den Kurs in die Höhe. Das wohl bekannteste Beispiel: der Gamestop-Hype zu Beginn des Jahres. Aktuellere Fälle sind die rasanten Kursanstiege der Kinokette AMC oder von windeln.de.

Christian Rieck, Ökonom und Professor an der Frankfurt University of Applied Sciences, analysiert im Gespräch mit ntv.de das Phänomen der Meme-Aktien - und nutzt dabei die Spieltheorie. Diese versucht unter anderem, optimale Entscheidungen in verschiedensten Situationen abzuleiten - zum Beispiel, ob sich der Kauf einer Aktie lohnt, oder nicht. Außerdem erklärt Rieck, was Anleger von der Spieltheorie lernen können und warum ein Einstieg in den Hype um Meme-Aktien durchaus sinnvoll sein kann.

ntv.de: Sie sind promovierter Spieltheoretiker. Was ist Ihr Lieblingsspiel?

Christian Rieck: Das Lustige ist: Ich spiele gar nicht gerne. Früher habe ich mich sehr viel mit Brettspielen und solchen Dingen beschäftigt, aber ich glaube, man wird durch die Wissenschaft dahinter etwas verdorben. Wenn man sich zu viel mit der Theorie von Brettspielen beschäftigt, verliert man leider irgendwann den Spaß daran.

Die erste Börse hat vor etwa 600 Jahren in Brügge eröffnet. Die Spieltheorie hingegen gibt es seit ungefähr 50 Jahren. Beschäftigen Sie sich als Spieltheoretiker mit dem Thema?

In der Spieltheorie modellieren wir Entscheidungen, in denen mehrere Beteiligte miteinander interagieren. An Aktienmärkten handeln Millionen Entscheider, die gemeinsam ein Resultat beeinflussen. Aus diesem Grund ist die Börse ein sehr spannendes Forschungsfeld für die Spieltheorie. Aber das war nicht schon immer so. Lange Zeit hat man so getan, als sei die Börse ein reines Glücksspiel.

Niemand weiß, wann Kurse steigen oder fallen. Das ist ein Argument dafür, dass die Börse sehr wohl ein Glücksspiel ist.

Sie hat natürlich einige Zufallselemente. Aber rein konzeptionell ist sie kein Glückspiel, sondern ein strategisches Spiel. Dabei geht es vor allem darum, Risiken zu bewerten und zu managen. Mit einer durchdachten Strategie können Anleger Wahrscheinlichkeiten für sich arbeiten lassen oder auch Wahrscheinlichkeiten als strategische Variable einsetzen. Wir nennen das "gemischte Strategien".

Was kann ein Anleger denn aus der Spieltheorie für sein eigenes Anlageverhalten lernen?

Das Wichtigste ist, sich immer klarzumachen, dass die anderen auch nicht dumm sind. So kurios das klingt: Das wird von Anlegern oft übersehen oder vergessen. Als Privatanleger verfügt man in der Regel nicht über exklusive Informationen. Bei vielen habe ich jedoch manchmal der Eindruck, dass sie glauben, diese doch zu haben. Die Argumentation, einen Schritt weiter zu denken als alle anderen, ist an der Börse sehr weit verbreitet. Praktisch überall erklären Ihnen Anleger: "Ja, ich habe das jetzt verstanden und ich bin der Einzige, der das verstanden hat und deswegen werde ich dadurch reich". Diese Fälle gibt es, sie sind aber sehr selten.

Die Spieltheorie wird oft kritisiert, weil sie von zu unrealistischen Annahmen ausginge. Zum Beispiel, dass Akteure rein rational handeln. Handeln Anleger rational?

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Christian Rieck ist Ökonom und Professor an der Frankfurt University of Applied Sciences.

Natürlich spielen auch andere Faktoren eine Rolle - insbesondere bei eher unerfahrenen Investoren. Aber: Diejenigen, die sich permanent von dem loskoppeln, was wir in der Rationaltheorie als "rational" beschreiben, verlieren auf lange Frist Einfluss auf den Markt. Wer zu oft oder zu große Fehler macht, verliert Geld und wird damit immer unwichtiger. Wer hingegen erfolgreich ist, gewinnt immer mehr Einfluss. Deshalb verbreitet sich rationales Verhalten stärker als das abweichende Verhalten.

An der Börse geraten aktuell immer häufiger sogenannte Meme-Aktien in den Fokus. Das sind Aktien, die vor allem durch soziale Medien gepusht werden. Ist es denn rational, als Anleger bei diesem Hype mitzumachen?

Unter Umständen, ja. Tatsächlich gibt es einige garnicht mal so komplizierte Modelle, die zeigen, dass sich bestimmte Aktien von ihrem fundamentalen Wert lösen können. So kann es zum Beispiel sein, dass sich ein gesamter Markt schlichtweg auf eine andere Bewertung eines Unternehmens einigt, als bestimmte Kennzahlen zunächst vermuten lassen. Klassische Bewertungsgrundlagen wie zum Beispiel Cashflow oder Umsatzrendite werden heute nicht mehr so stark beachtet, wie das das früher einmal der Fall war.

Bei vielen Meme-Aktien ist in der Tat nur sehr selten von Cashflow oder Umsatzrendite die Rede.

Genau. Es müssen sich nur viele Marktteilnehmer auf eine abweichende Bewertung einigen - dann kann es kurzfristig sogar vernünftig sein, sich dieser Bewertung anzuschließen, weil ein sich selbst verstärkender Prozess entsteht. Das ist dann eine Blase, von der man als Anleger zwar kurzzeitig profitieren kann, die allerdings irgendwann immer zusammenbricht. Im Schnitt verdient man hier allerdings nicht mehr als bei "normalem" Aktien, weil man nie genau weiß, wann die Blase beginnt und wann sie endet.

Die bekannteste Meme-Aktie ist Gamestop. Was ist da aus ihrer Sicht passiert?

Großinvestoren und Fonds haben in großem Stil gegen das Unternehmen spekuliert. Die machen das seit Jahren und haben sich gegenseitig nie weh getan. Jetzt kommen aber auf einmal kleine Investoren ins Spiel, die gemeinsam eine ähnliche Marktmacht wie die großen Hedgefonds entwickeln. Und die sind in diesem Gentlemans Agreement nicht mit drin und sagen: Wir pöbeln hier jetzt mal ein bisschen rum und sehen, wie lange die durchhalten. Heute weiß man: "Die" haben das nicht lange durchgehalten und dabei sehr viel Geld verloren.

Wie schaffen es Millionen von Kleinanlegern, die sich nicht kennen, massenweise die gleiche Aktie zu kaufen?

Durch moderne Kommunikationsmittel! Der Gamestop-Hype ist ein klassisches Koordinationsspiel - je besser die Kommunikation, desto besser auch die Koordination. Früher mit Telefonen wäre das natürlich nicht möglich gewesen. Jetzt trifft man sich auf Foren wie Twitter oder Reddit und kann dort nachlesen, was an den Märkten passiert. Wenn sich dann tatsächlich der Kurs der Aktie bewegt, springen immer mehr Leute auf den Zug auf. Und dann wurde eben eine Lawine losgetreten, die innerhalb kürzester Zeit gigantisch groß werden kann.

Moderne Kommunikationsmittel gibt es schon länger. Es muss noch weitere Gründe gegeben haben, dass so ein Hype entsteht.

Die Initiatoren haben einen alten und dennoch sehr effektiven Trick der Spieltheorie angewandt: Sie haben einen Fokalen Punkt gesetzt. Ein Fokaler Punkt stellt eine Lösung dar, welche die Spieler wählen, wenn sie nicht miteinander kommunizieren können. In Fall von Gamestop war das ein codiertes Kursziel, eine bestimmte Summe, zu der der Kurs hochgepeitscht werden sollte. Außerdem wurde mit den von vielen als "böse" empfundenen Hedgefonds ein Gegner geschaffen. Durch so ein Narrativ entsteht eine Teamdynamik auf der Kleinanlegerseite, die letztlich den Ausschlag für den Hype gegeben hat.

Haben Sie noch ein anderes Beispiel für ein Koordinationsspiel, beispielsweise aus dem Alltag?

Im Prinzip finden wir diese Koordinationseffekte überall. Zum Beispiel in einem Kaufhaus: Dort laufen Menschen auch nicht völlig konfus durch die Gegend, sondern es bilden sich mehr oder weniger regelmäßige Ströme. Manchmal steht da einfach nur ein kleiner Pfeil und der kleine Pfeil sorgt schon dafür, dass ganz viele Leute überhaupt erst mal anfangen, sich auf eine bestimmte Richtung zu koordinieren. Auch diese kleinen Zeichen sind Fokale Punkte, wie wir sie auch beim Gamestop-Hype beobachten konnten.

Glauben Sie, dass sich die Börse durch Neo-Broker und den damit einhergehenden Ansturm von Privatanlegern verändern wird?

Ich denke ja. Für viele finanzkräftige Leerverkäufer haben sich die Spielregeln ein Stück weit verändert. Meme-Aktien wie Gamestop oder AMC gab es bis zuletzt nicht und natürlich werden Hedgefonds nun auch anders mit dem Thema umgehen. Shortselling wird nun eindeutig gefährlicher.

Mit Christian Rieck sprach Jakob Schreiber

Quelle: ntv.de

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