Wirtschaft

Mehr als 400.000 Beschäftigte Kurzarbeit in Kliniken und Praxen überrascht

Die Hohe Zahl an Kurzarbeiter im Gesundheitssektor kommt laut den Grünen überraschend.

Die hohe Zahl an Kurzarbeitern im Gesundheitssektor ist laut den Grünen überraschend.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ärzte und Klinken melden Hunderttausende Beschäftigte zur Kurzarbeit an. Ein Grund für den starken Anstieg ist die Konzentration auf die Bekämpfung der Corona-Pandemie und dadurch verschobene Behandlungen. Die Grünen fordern nun eine Nachbesserung des Corona-Schutzschirms für den Gesundheitssektor.

Weil sich Kliniken auf die Coronakrise und die Pandemie-Bekämpfung konzentrierten und Patienten nicht unbedingt notwendige Arztbesuche verschoben haben, ist Kurzarbeit auch im Gesundheitswesen verbreitet. Wie aus der dem "Handelsblatt" vorliegenden Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine schriftliche Frage der Grünen hervorgeht, haben in den Monaten März bis Mai bundesweit rund 1200 Krankenhäuser und 48.300 Arzt- oder Zahnarztpraxen Kurzarbeit für insgesamt rund 410.000 Beschäftigte angemeldet.

Demnach stammen fast 80 Prozent des Personals, für das Kurzarbeit angemeldet wurde, aus Praxen niedergelassener Ärzte. Wie viel Kurzarbeit tatsächlich realisiert werde, würde aber erst mit zeitlicher Verzögerung feststehen. Ende Mai hatte CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn Bürger zu Arztbesuchen aufgerufen, nachdem bei Beginn der Corona-Pandemie diese drastisch zurückgegangen waren - mitunter aus Angst vor einer Ansteckung im Wartezimmer.

Die hohe Zahl an Kurzarbeit sei überraschend, schließlich habe die Bundesregierung doch umfangreiche Hilfen beschlossen, um etwa Umsatzausfälle in Arztpraxen oder durch verschobene Operationen auszugleichen, betont Kirsten Kappert-Gonther, Obfrau der Grünen im Gesundheitsausschuss des Bundestags. "Es war richtig, sehr schnell einen Schutzschirm für Krankenhäuser und ärztliche Praxen aufzuspannen. Nun muss der Corona-Schutzschirm für das Gesundheitswesen gründlich evaluiert werden", sagte Kappert-Gonther dem "Handelsblatt". Für vergleichbare Situationen müsse die Bundesregierung sicherstellen, dass die Unterstützung aus Steuermitteln passgenau sei und nicht womöglich an den tatsächlichen Bedarfen vorbeigehe.

Vereinfachter Zugang zur Kurzarbeit soll wohl bestehen bleiben

SPD-Bundesarbeitsminister Hubertus Heil kann sich "vorstellen, dass wir die erweiterten Möglichkeiten für Kurzarbeit verlängern. Diese Möglichkeit habe ich per Rechtsverordnung. Darüber werden wir im September entscheiden", sagte er in Berlin. Die Hürden dafür waren im März im Zeichen der Corona-Krise gesenkt worden.

Zuletzt waren mehr als 6,83 Millionen Menschen in Kurzarbeit. Im März waren es erst 2,49 Millionen. Heil will nun über die Ausgestaltung der Kurzarbeit im Jahr 2021 reden. "Wir wollen Anreize setzen, dass für diejenigen, die länger in Kurzarbeit sind, die Zeit sinnvoll mit Weiterbildung genutzt wird." In der ersten Phase des konjunkturellen Einbruchs sei dies auch deshalb nicht gegangen, weil Weiterbildung aus Gründen des Infektionsschutzes nicht habe angeboten werden können.

"Von den Unternehmen erwarte ich die Bereitschaft, in Weiterbildung zu investieren", sagte Heil. "Wir werden eine Zeit nach Corona haben, in der die Wirtschaft wieder in Gang kommt." Dann dürfte der Fachkräftemangel wieder in den Fokus rücken, erwartet Heil. Unternehmen, die in Weiterbildung investierten, würden auch unterstützt. "Da, wo Personal abgebaut wird, gibt es die Möglichkeit, mit Transfergesellschaft auch Qualifizierung zu verbinden und so neue Beschäftigungschancen zu sichern." Kurzarbeit sei für die Bundesagentur für Arbeit teuer, sagte Heil, Massenarbeitslosigkeit aber wäre für Gesellschaft und Staat viel teurer.

Bis der deutsche Arbeitsmarkt sich von der Corona-Krise erholt, wird es bis zu drei Jahre dauern, so die Prognose des Vorstandsvorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg, Detlef Scheele. Er sagte kürzlich "bis wir wieder auf Normalmaß sind, das wird sicherlich bis 2022 oder 2023 dauern". "Aber wir glauben, dass das wieder gelingen kann."

Quelle: ntv.de, ysc/dj/dpa