Wirtschaft

1200 Jobs pro Tag verloren Lehren aus Australiens hartem Lockdown

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Am Mittwoch wurde in einigen Bars gefeiert, wobei die Sekunden bis Mitternacht wie zu Silvester heruntergezählt wurde. Dann durften immerhin bis zu 20 Kunden durch die Türen strömen – begrüßt von Jubel und Konfetti.

(Foto: picture alliance/dpa)

Während viele Länder in der Pandemie ihre Volkswirtschaften erneut runterfahren, meldet sich Melbourne nach vier Monaten strikten Lockdowns zurück - gesund, das Virus scheint besiegt. Hat die australische Metropole der Welt eine Lektion erteilt?

Nach vier Monaten Stillstand ist die australische Metropole Melbourne am Mittwoch aus ihrem langen selbst verordneten Dornröschenschlaf wieder erwacht. Es war der längste und strengste Lockdown, den die Welt in der Pandemie bislang gesehen hat. Die Belohnung für die fünf Millionen Bewohner: Die Infektionskurve tendiert gen null. Im August waren es noch 700 Corona-Fälle, jetzt nur noch zwei.

Da die Fallzahlen in vielen Ländern der Welt wieder dramatisch steigen und neue Einschränkungen verkündet werden, stellt sich die Frage, ob das Beispiel Schule machen könnte? Sind Teil- oder Wellen-Lockdowns vergeudete Zeit und verlängern nur die Qualen für Menschen und Wirtschaft? Oder sind die Folgen verkraftbar, wenn man dann wieder fast ohne Infektionen wieder durchstarten kann?

Eine erste Bilanz nach vier Monaten zeigt: Was sich märchenhaft anhört, hatte einen hohen Preis. Die komplette Isolation und der Stillstand haben den Menschen und der Wirtschaft viel abgenötigt. Seit Beginn des zweiten Lockdowns am 7. Juli waren die Bürger angehalten, sechs Wochen lang zu Hause zu bleiben. Erlaubt waren lediglich notwendige Arbeitswege, Dienstleistungen, Wege zum Arzt oder zur Schule. Darüber hinaus war eine Stunde Bewegung pro Tag vorgesehen. Als die Fallzahlen in den Wochen danach weiter stiegen, wurden die Beschränkungen auf den gesamten Bundesstaat Victoria ausgedehnt. Für Melbourne wurde gleichzeitig eine komplette nächtliche Ausgangssperre erlassen, Schulen und große Teile des Einzelhandels, der Produktion und des Gastgewerbes wurden geschlossen.

Australier zahlen einen hohen Preis

Seit Mittwoch dürfen die Bürger zumindest wieder ohne größere Auflagen ihre Häuser verlassen. Für die Bürger der Hauptstadt Melbourne gilt das zunächst eingeschränkt: Statt fünf Kilometer dürfen sie sich in einem Radius von 25 Kilometern um ihr Zuhause bewegen. Diese Beschränkung soll am 8. November aufgehoben werden.

Zum Feiern war dem Premierminister des Bundesstaates Victoria, Daniel Andrews, am Dienstag, als er die von vielen Einwohnern sehnlichst erhoffte Aufhebung des Lockdowns verkündete, nach diesem Kraftakt nicht zumute. Es sei ein "sehr schwieriges Jahr" für die Menschen in dem Bundesstaat gewesen und er sei stolz "auf jeden einzelnen von ihnen", sagte er. Seine Stimme bebte bei diesen Worten. Erst Ende vergangener Woche hatten Hunderte Menschen in Melbourne gegen die Einschränkungen protestiert. Dabei kam es auch zu Zusammenstößen mit der Polizei.

Melbourne hat das Ausmerzen des Virus teuer erkauft. Zu den Schattenseiten gehört, dass der Bundesstaat Victoria, der etwa ein Viertel des Bruttoinlandsproduktes des Landes erwirtschaftet, im Schnitt umgerechnet 71 Millionen US-Dollar an Wirtschaftskraft pro Tag eingebüßt hat. Durchschnittlich 1200 Arbeitsplätze seien pro Tag vernichtet worden, zitiert die US-Finanzagentur Bloomberg Angaben des Finanzministeriums. Die Nachfrage nach psychiatrischen Diensten sei gleichzeitig um mehr als 30 Prozent gestiegen.

Dass der Lockdown die erste Rezession in Australien sei fast 30 Jahren verschärft hat, hat kaum Modellcharakter. Ein Teil-Lockdown wie ihn Deutschland jetzt für den Monat November praktizieren will, in dem kein Kontakt- oder Ausgangsverbot gilt, sondern lediglich Beschränkungen - durch Schließung von Bars, Restaurants und Freizeiteinrichtungen - soll genau solche Extreme verhindern.

Auch aus einem anderen Grund taugt das australische Beispiel nicht als Blaupause: Die Ausgangslage in Melbourne ist eine völlig andere, als zum Beispiel in Europa. Australien als abgegrenzter und viel dünner besiedelter Kontinent ist besser durch die Krise gekommen als andere Länder oder Kontinente. Bisher gab es lediglich rund 27.500 Corona-Infektionen und 905 Todesfälle bei einer Einwohnerzahl von 25 Millionen Menschen.

Zu Weihnachten "ein Blutbad"?

Zudem waren die Grenzen der Provinz Victoria aufgrund der geografischen Lage am Meer leichter zu schließen, als es anderswo möglich wäre. Und selbst trotz dieser guten Ausgangsbedingungen hat der Kampf gegen das Virus immer noch deutlich länger gedauert, als die Regierung in Melbourne es erwartet hatte.

Das Beispiel Australien ist somit kein Vorbild, sondern gibt vielmehr einen Anhaltspunkt, dass eine länger anhaltende Abschottung und ein totales Runterfahren der Wirtschaft einen noch sehr viel größeren Schaden anrichten kann, vor allem, wenn die Ausgangslage schlechter ist. Australische Wirtschaftsexperten warnen, dass es Jahre dauern könnte, bis sich die heimische Konjunktur von diesem strikten Lockdown erholt hat. Viele Restaurants und Cafés werden vermutlich nach Ende der Corona-Hilfen in die Pleite rutschen. Vielleicht schon zu Weihnachten oder im Januar werde es "da draußen ein Blutbad" geben, zitiert Bloomberg den Melbourner Chefkoch Scott Picket, dem das Bistro Estelle gehört.

Die Lehre aus dem Lockdown in Australien kann nur sein, dass ein komplettes langfristiges Herunterfahren der Wirtschaft unbedingt vermieden werden muss. Aber das setzt eine niedrigere Ansteckungsrate voraus, als sie in Europa derzeit existiert.

Quelle: ntv.de