Wirtschaft

Corona setzt Airlines zu Lufthansa in Schwierigkeiten

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Der Großteil der Lufthansa-Maschinen fliegt derzeit nicht.

(Foto: REUTERS)

Die Luftfahrt ist wegen der Ausbreitung des Coronavirus so gut wie zum Erliegen gekommen. Für die Lufthansa ist die Situation bedrohlich. Hinter den Kulissen laufen intensive Verhandlungen. Es geht um die Frage, welche staatlichen Hilfen sinnvoll sind.

Auf die Frage, wie es denn gerade so geht, antwortet der Lufthansa-Sprecher, dass es ihm lieber wäre, er könnte wieder Flugzeuge am Himmel sehen, wenn er aus dem Fenster schaut. Doch der Himmel bleibt zunächst sehr viel leerer als sonst: Das Coronavirus und die Maßnahmen zur Eindämmung haben dazu geführt, dass die Luftfahrt weltweit fast zum Erliegen gekommen ist. Im gesamten Konzern hat die Lufthansa für 87.000 Mitarbeiter Kurzarbeit beantragt oder wird dies noch tun. Etwa 700 der rund 760 Maschinen sind am Boden.

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Matthias von Randow, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), beschreibt die aktuelle Lage so: "Das ist im weltweiten Maßstab definitiv die schwerwiegendste Krise der gewerblichen Luftfahrt seit ihrem Bestehen." Über 800.000 Arbeitsplätze in Deutschland gehören direkt oder indirekt zu der Branche. Darunter Fluggesellschaften, Flughäfen oder die Flugsicherung. Die Zukunft: ungewiss.

Die mitunter wichtigste Frage: Wie geht es mit der größten deutschen Airline weiter? "Noch haben wir einen Liquiditätspuffer. Natürlich sind wir auch mit der Bundesregierung im Austausch, welche Maßnahmen vorstellbar sind, um diese Liquidität weiter zu stützen", sagte Helmut Tolksdorf, Konzernsprecher der Lufthansa, zur RTL/ntv Redaktion. Auch mit den Herstellern wie beispielsweise Airbus sind die Airlines im Austausch. Hier geht es etwa um das Aussetzen von Übernahmen neuer Maschinen. Eigentlich bekäme die Lufthansa alle zehn Tage ein neues Flugzeug geliefert - in der aktuellen Lage eine utopische Vorstellung. "Das sind schwierige Verhandlungen, die man aber aktuell führen muss", so Tolksdorf.

Gutscheine statt Rückzahlungen?

Ein Thema, das die Airlines besonders belastet: die stornierten Tickets. Die Passagiere haben Anspruch auf die Rückzahlung ihres Geldes - die gebuchten Flüge finden ja derzeit nicht statt. Das Problem: Müsste die Lufthansa diese Tickets alle sofort ausbezahlen, dann wären die Liquiditäts-Reserven aufgebraucht. "Wir haben die Rückzahlungen nicht abgeschafft. Aufgrund der Masse an Anfragen haben wir allerdings die automatische Rückerstattung abschaffen müssen, weil wir sonst nicht nachkommen", sagt Tolksdorf.

Auch der BDL warnt: "In der derzeitigen prekären Lage würde die EU-rechtliche Vorgabe zur Rückerstattung im Fall einer Stornierung beziehungsweise Annullierung zu einem massiven Liquiditätsabfluss führen und bedroht damit unsere Unternehmen mit der Zahlungsunfähigkeit." Es sei deswegen "dringend erforderlich", dass die EU und die deutsche Bundesregierung "die Entscheidung treffen, dass die Rückzahlungspflicht vorübergehend nicht greift und die Unternehmen Gutscheine an die Kunden ausstellen können", betont von Randow.

Hinter den Kulissen heißt es, es gebe für die nächste Zeit mehrere Szenarien, auf die man sich vorbereite. Ab sechs Monaten ohne Flugverkehr könnte es dazu kommen, dass die Lufthansa die Krise nicht mehr ohne staatliche Hilfen bewerkstelligen kann. Arbeitsplätze abzubauen wolle man vermeiden. Vereinzelte Rufe nach einer Verstaatlichung der Lufthansa gibt es bereits, doch ist das womöglich nicht die sinnvollste Lösung. Hier stünde die Konzernstruktur im Weg: Die Tochterunternehmen Austrian Airlines und Swiss sitzen in Österreich und der Schweiz. Die Regierungen der beiden Länder hätten wohl ein Wort mitzureden. Ein ähnliches Problem hätte die angeschlagene Fluggesellschaft Condor, die eigentlich von der polnischen Airline Lot übernommen werden sollte - Beihilfen des deutschen Staates könnten den Prozess komplizierter machen.

Als realistischer, auch bei der Lufthansa, gelten sogenannte stille Einlagen. Das sind Liquiditäts-Spritzen des deutschen Staates, ohne dass dieser dabei Anteile am Unternehmen erwirbt. Am Gewinn wäre der Bund zwar beteiligt, die Lufthansa hätte aber weiterhin komplette Handlungsfreiheit.

Handlungsbedarf bei Staatshilfen

Oliver Luksic, verkehrspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, schätzt die aktuelle Lage der deutschen Luftfahrtunternehmen derweil als dramatisch ein. Es müsse daher über alle Optionen nachgedacht werden. "Staatliche Beteiligungen sind die letztmögliche Option und könnten unmittelbar vor der wirtschaftlichen Zahlungsunfähigkeit Anwendung finden", so Luksic im Gespräch mit der RTL/ntv Redaktion. "Unter den gegebenen Umständen sind solche Maßnahmen in Form stiller Beteiligungen denkbar, auch weil die Unternehmen ihre kritische Situation nicht selbst zu verantworten haben." Es müsse jedoch von vornherein eine Exit-Strategie für die Zeit nach der Krise mit einkalkuliert werden, um staatliche Eingriffe in den Markt zu minimieren, so Luksic.

Außerdem müssten die bereits angebotenen Hilfen des Staates noch verfeinert werden, fordert BDL-Hauptgeschäftsführer von Randow. Derzeit haben zum KfW-Sonderkreditprogramm nur Unternehmen Zugang, die mehrheitlich in Privatbesitz sind. Dadurch ist die Inanspruchnahme dieser Liquiditätshilfen für die meisten Flughäfen nicht gegeben: "Hier müssen also andere Stützungsmaßnahmen gefunden werden." Auch müsse man nach der Krise aufpassen, dass der anlaufende Flugbetrieb nicht sofort von der Last der Steuern und Gebühren erdrückt werde. "Deswegen gilt es jetzt, Vorkehrungen zu treffen. Dazu gehört, dass der Staat vorübergehend auf die Erhebung dieser Abgaben verzichtet und ein entsprechendes Moratorium verfügt", so von Randow.

Quelle: ntv.de