Wirtschaft

Twitter kündigt Klage an Musk droht Milliarden-Katastrophe

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Will Twitter nicht mehr haben: Elon Musk.

(Foto: via REUTERS)

Elon Musk will Twitter nicht mehr kaufen. Doch das Unternehmen könnte ihn zwingen, den Deal trotzdem durchzuziehen. Den Tesla-Gründer könnte das viele Milliarden Dollar kosten.

Elon Musk hat die Twitter-Übernahme abgeblasen. Doch er könnte dennoch gezwungen werden, das Unternehmen für die vereinbarten 44 Milliarden Dollar zu kaufen. Zur Einordnung: Derzeit wird Twitter an der Börse mit rund 28 Milliarden Dollar bewertet.

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Das Twitter-Management wird sich nicht mehr mit der Vertragsstrafe von einer Milliarde Dollar zufriedengeben, die Musk zahlen muss, wenn er den Deal platzen lässt. Um nicht selber von Twitter-Aktionären verklagt zu werden, bleibt ihm nichts anderes übrig, als vor Gericht zu ziehen. Man halte daran fest, den Verkauf zu dem vereinbarten Preis abzuschließen und werde Rechtsmittel einlegen, twitterte Verwaltungsratschef Bret Taylor. "Wir sind zuversichtlich, vor dem Delaware Chancery Court erfolgreich zu sein", ergänzte er.

Dieser demonstrative Optimismus ist nicht unbegründet. Experten zufolge hat Twitter gute Chancen, sich durchzusetzen. Denn die Gerichte im US-Bundesstaat Delaware, wo der Streit ausgetragen werden dürfte, haben die Messlatte sehr hoch gelegt für den Rückzug aus Übernahmen.

Musks Schritt hatte sich abgezeichnet. Im April hatte der reichste Mensch des Planeten mitgeteilt, er habe für knapp 3 Milliarden Dollar 9,2 Prozent der Twitter-Anteile gekauft. Er wurde damit auf einen Schlag der größte Aktionär des Unternehmens. Kurz darauf startete Musk den Versuch einer feindlichen Übernahme. Er kündigte an, alle Aktien zu einem Stückpreis von 54,20 Dollar zu kaufen und die Plattform von der Börse zu nehmen. Das Management von Twitter kündigte erst an, sich gegen den Kauf zu wehren. Doch Ende des Monats akzeptierte es das Angebot.

Aktienkurs rauscht in den Keller

Dann bekam Musk offensichtlich kalte Füße. Mitte Mai kündigte er an, der Deal sei auf Eis gelegt. Er wolle die Details kennen, wie Twitter die Zahl der Spam- und Fake-Konten berechne. Musk stellte infrage, dass diese wirklich - wie von Twitter angegeben - weniger als fünf Prozent aller Konten ausmachen. Dabei geht es um sogenannte Bots: Computerprogramme, die mittels Algorithmen mit Nutzerinnen und Nutzern interagieren und dabei vorgeben, echte Menschen zu sein.

Musk versicherte zwar, er sei weiter an Twitter interessiert. Doch Fachleute zweifelten daran. Social-Media-Berater Thomas Knüwer etwa sagte ntv, Musk suche "offensichtlich nach einer Ausrede, aus dem Deal noch rauszukommen". Derweil stürzte die Aktie ab. Vor der Kaufofferte kostete sie noch knapp 50 Dollar, derzeit sind es rund 37 Dollar.

Twitter ermöglichte Musk daraufhin den Zugang zum gesamten "Firehouse" genannten Datenstrom - das sind mehr als eine halbe Milliarde Tweets pro Tag mit uneingeschränkten Suchmöglichkeiten. Trotzdem begründeten Musks Anwälte den Rückzug damit, die Informationen zur Zahl der Fake-Accounts reichten nicht aus. Twitter habe damit gegen eine Vereinbarung verstoßen.

Musks Anwälte argumentieren, die von Twitter genannte Zahl von 5 Prozent Fake-Konten sei falsch - damit sei eine "wesentliche nachteilige Auswirkung" (englisch: material adverse effect, MAE) für den Käufer gegeben, der deshalb vom Geschäft zurücktreten könne.

In Delaware dürfte es Experten zufolge aber schwierig sein, mit dieser Begründung durchzukommen. Denn Gerichte in diesem Bundesstaat würden MAEs als dramatische, unerwartete Ereignisse definieren, die einem Unternehmen langfristig schaden. Und ob das bei der möglicherweise ungenauen Zahl der Twitter-Bots zutrifft, ist zweifelhaft. Verträge wie der zwischen Musk und Twitter sind so gestaltet, dass bei solchen Rechtsstreitigkeiten bislang nur einmal dem Käufer recht gegeben wurde.

Käufer haben es vor Gericht schwer

Dabei ging es um den deutschen Gesundheitskonzern Fresenius Kabi, der 2018 vom Kauf des US-Unternehmens Akorn zurückgetreten war. Damals hatte ein Gericht festgestellt, dass Akorns Zusicherungen an Fresenius nicht stimmten, wonach Akorn seine regulatorischen Verpflichtungen eingehalten hatte. Zudem hatte Akorn dem Richter zufolge Fakten über eine Verschlechterung seiner Lage zurückgehalten. "Wenn es vor Gericht geht, muss Musk mit hoher Wahrscheinlichkeit beweisen, dass die Spamkonto-Nummern nicht nur falsch waren, sondern dass sie so falsch waren, dass sie erhebliche Auswirkungen auf die künftigen Einnahmen von Twitter haben werden", sagte Ann Lipton, Vize-Dekanin an der Tulane Law School in Louisiana.

Musk hat auch kritisiert, Twitter habe gegen Vereinbarungen verstoßen, indem es zwei hochrangige Mitarbeiter ohne seine Zustimmung entlassen habe. "Das ist wahrscheinlich der einzige Punkt, der Bestand haben wird", sagte Brian Quinn, Professor an der Boston College Law School. Er bezweifele aber, dass die Entlassungen so schwerwiegend seien, dass sie das Geschäft von Twitter beeinträchtigten.

In den meisten Fällen entscheiden die US-Gerichte zugunsten der Unternehmen, die gekauft werden sollten. Sie ordnen dann an, dass die Käufer ihre Geschäfte abschließen müssen. So war es auch im Jahr 2001. Damals wollte der größte Verarbeiter von Hühnerfleisch in den USA, Tyson Foods, den größten Fleischverpacker IBP nicht mehr kaufen. Ein Richter entschied aber, dass das Geschäft vollzogen werden musste.

Möglich ist auch, dass sich Musk und Twitter-Führung vor Gericht auf einen Vergleich einigen - und der Tesla-Chef einen geringeren Kaufpreis oder eine höhere Entschädigung zahlt. Doch ob das gelingt, ist nicht abzusehen.

Twitter sei in einer schwierigen Lage, sagte Jura-Professorin Lipton. "Sie können nicht einfach sagen: Ok, sparen wir uns den Stress. Elon, wir lassen Dich den Preis auf 20 Dollar pro Aktie drücken oder akzeptieren die Vertragsstrafe von einer Milliarde Dollar". Denn dann bestehe für die Twitter-Manager das Risiko, von den eigenen Aktionäre vor Gericht gezerrt und auf Schadenersatz verklagt zu werden. Das heißt: Wenn es schlecht für Musk läuft, muss er sehr viel Geld versenken.

Quelle: ntv.de, mit dpa/rts

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