Wirtschaft

Datenkrake oder Tech-Perle? "Palantir ist einfach großes Kino"

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Palantir-Software unterstützt Militäraktionen. Der Konzern will die Welt sicherer machen, sagt er. Er gilt als notorischer Geheimniskrämer. Der Grund sind die Kunden, zu denen die CIA und andere Geheimdienste zählen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die US-Datenanalysefirma Palantir gibt ihr Börsendebüt. Die Software, die von Geheimdiensten und Militär genutzt wird, ist umstritten. Aber das Unternehmen strotzt vor Selbstbewusstsein. "Liebe es oder lass es", heißt es im Ipo-Prospekt. "Palantir zieht sein Ding durch, die Meinung anderer ist uninteressant", sagt Investor Thomas Rappold ntv.de.

ntv.de: Palantir hat unter den Techfirmen den Ruf weg, auf der dunklen Seite der Macht zu stehen. Das Unternehmen war bislang notorisch verschlossen, man weiß wenig. Was ist dran an dem bösen Image der "Datenkrake"?

Thomas Rappold: Datenkrake ist ein komplett missverständlicher Ausdruck, weil Palantir auf Daten zurückgreift, die ihm die Kunden freiwillig geben. Viele denken, Google und Facebook seien die Guten. Und Palantir wird sofort in Zusammenhang mit Geheimdiensten und Militär gebracht. Menschen geben Facebook und Google all ihre Daten, die diese dann für Werbung weiterverkaufen. Wichtig ist: Palantir verkauft keine Daten, sondern Software. Die Daten bekommen sie freiwillig bereitgestellt. Deshalb "versklaven" sie die Menschen auch nicht. Das muss man gelten lassen. Zum Glück sind wir ein paar Mal aufgewacht und haben gesehen, dass es bei Google und Facebook doch nicht ganz so rosig ist, wie immer getan wird.

Palantir scheint nicht viel daran gelegen, mit dem Image aufzuräumen?

Palantir fördert und pflegt bewusst diesen Ruf des Geheimnisumwitterten. Die Gründer wollten ursprünglich Geldwäsche verhindern, sie kamen von Paypal, sie haben Algorithmen entwickelt. Ihr Selbstverständnis lautet bis heute: "Wir sind für großes Kino da." Das ist nicht Indie, sondern Roland Emmerich, wenn sie so wollen. Palantir will die Premiumklasse bedienen. Das heißt, es soll sich gar nicht jeder Palantir leisten können. Das kann man arrogant nennen. In Bayern sagt man dazu schlicht, "mia san mia".

Wie ist daraus ein richtiges Geschäftsmodell geworden?

Am Anfang war es eine Reaktion auf 9/11. Der Gründer und Hauptanteilseigner Peter Thiel wollte eine Software entwickeln, die es uns ermöglicht, uns gegenseitig zu trauen, ohne die Grundrechte einzuschränken. Bildlich gesprochen: eine Alternative zum dauernden Durchfilzen und Röntgen an Flughäfen. Wenn man so will, ist die Corona-Warn-App eine sehr aktuelle und bildliche Ausprägung dessen, was die Palantir-Software in vielen Einsatzbereichen auch leisten kann.

Und wie funktioniert die Software konkret?

Palantir

Palantir hat sich darauf spezialisiert, große Datenmengen zu analysieren. Seine Software verkauft der Big-Data-Konzern zwar auch an die freie Wirtschaft (Airbus), hauptsächlich sind die Kunden aber Geheimdienste, Behörden und das Militär. Mitgegründet wurde Palantir 2003 von dem in Deutschland geborenen Finanzinvestor Peter Thiel. Für das Gesamtjahr stellt das Management einen Umsatzsprung um bis zu 43 Prozent auf über eine Milliarde Dollar sowie ein operatives Ergebnis von bis zu 126 Millionen in Aussicht. Experten trauen der Firma einen der größten Börsengänge in der Corona-Krise zu. Wegen des besonderen Börsengangs ("direct listing") fließt kein einziger Cent ins Unternehmen, sondern alles auf die Konten der Altaktionäre.

Apple-Gründer Steve Jobs hat das einmal "connecting the dots" genannt. Viele Datenpunkte werden zu einem Gesamtbild verbunden. Im Zuge der Terrorismusbekämpfung in den 1970er Jahren hatten wir das schon mal: Rasterfahndung nannte man das. Palantir hat sich in den ersten Jahren mit den Behörden und dem Militär angeschaut, wo strukturierte und unstrukturierte Daten liegen. Letztere machen übrigens fast 95 Prozent davon aus. Stichwort soziale Medien, E-Mails, Dateien, die irgendwo abgelegt werden, Pdf-Dokumente. Ziel von Palantir war es, diese vielen Informationspunkte logisch zu verknüpfen, damit Menschen - auch in Extremstsituationen - auf dieser Basis eine Entscheidung treffen können.

Und wo wurde die Software bereits eingesetzt?

Nehmen Sie den Syrien-Konflikt: Wer ist gut, wer böse? Palantir hat eine Karte entwickelt, die zeigt, welche Militäreinheiten sich wo bewegen. Wenn die Johns-Hopkins-Universität eine Karte mit Corona-Fällen veröffentlicht, wird das klaglos hingenommen. Die sitzen in den USA, wieso wissen die besser über die Covid-19-Zahlen Bescheid als wir? Fakt ist: Die arbeiten nach ähnlichen Prinzipien und mit ähnlichen Datenrobotern. Palantir muss immer mit dieser Ambivalenz der Datenkrake leben.

Das heißt, die Kritik hat mit der Nähe zu den Geheimdiensten zu tun?

Ja, es ist eine verkürzte Darstellung. Keiner hat anfangs einen Business Case in Palantir gesehen. Thiel hat das Unternehmen vorfinanziert. Aber der Risikoableger vom US-Geheimdienst hat investiert. Übrigens war das bei Siri von Apple auch der Fall. Hier haben die US-Behörden im Afghanistan-Krieg investiert, um die Sprachkommunikation der Soldaten zu verbessern. Das weiß nur keiner, weil sich niemand damit auseinandersetzt.

Mit der Konkurrenz im Silicon Valley steht Palantir auf Kriegsfuß. Der Firmensitz wurde sogar jüngst nach Denver verlegt. Was unterscheidet das Unternehmen von den anderen Hightechfirmen?

Palantir macht die Sachen einfach anders. Denen ist die Meinung der anderen wurscht, sie ziehen ihr Ding durch. "Love it or leave it", sagen sie. Im Ipo-Prospekt kann man es nachlesen: Du musst wissen, auf welcher Seite du stehst, heißt es da. Wie gesagt, Palantir ist da einfach richtig großes Kino. Amazon und Microsoft stehen auf beiden Seiten. Sie liefern Cloud-Lösungen, arbeiten fürs Militär und zapfen auf der anderen Seite auch noch Kundendaten ab. Palantir hat sich für eine Seite entschieden, damit sind sie viel transparenter, weil sie nicht rumeiern. Wichtig ist eben eine 360-Grad-Sicht auf die Dinge.

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Thomas Rappold ist Investor, Fintech- Unternehmer und Autor ("Silicon Valley Investing", "Peter Thiel")

(Foto: Thomas Rappold)

Eigentlich hatte der CEO Alex Karp 2013 einem Börsengang eine Absage erteilt. Das Unternehmen sei kein Anwärter für die Börse, weil es "das Führen eines Unternehmens, wie es das unsere ist, sehr schwierig gestalten würde". Warum jetzt doch, was hat sich geändert?

Das ist richtig, mit knapp 20 Jahren seit der Gründung ist unverhältnismäßig viel Zeit zwischen Gründung und Ipo vergangen. Das ist bei Silicon-Valley-Unternehmen ungewöhnlich. Dort liegt der Schnitt bei fünf Jahren. Palantir ist insofern ein überreifes Unternehmen, wenn sie so wollen. Palantir musste erst ein skalierbares Geschäftsmodell und eine Softwareplattform entwickeln. Als Karp das Ipo im Mai offiziell bestätigte, hat er das genau so gesagt: Wir sind jetzt reif, weil wir ein skalierbares Geschäftsmodell haben.

Unterm Strich stand bei Palantir 2019 gut eine halbe Milliarde Dollar Miese. Warum sollten Anleger beim Börsengang trotzdem in das Unternehmen investieren?

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Als Peter Thiel Alex Karp als CEO an Bord holte, sagte er ihm: "Wir sind nicht das wertvollste Unternehmen, aber wir sind das wichtigste." Heute steht Palantir für alle Megathemen, die augenblicklich überall hochpoppen: Migration, Flüchtlingsströme, Kriege, Klimaerwärmung, Stichwort Corona, E-Government. Unsere dysfunktionale Welt, in der wir leben, ist jetzt prädestiniert für die Software. Wir haben in Deutschland noch nicht einmal eine Patientenakte. Alle haben sich dagegen gewehrt. Wie es scheint, müssen es wohl Google oder Apple machen - unter Umgehung der Interessens- und Lobbyverbände.

Mit Thomas Rappold sprach Diana Dittmer

Quelle: ntv.de