Wirtschaft

Interview zum Shutdown Reitzle fordert Hochfahren Ende April

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"Es gibt viele Verlierer und wenige Gewinner", sagt Wolfgang Reitzle.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Aufsichtsratsvorsitzende von Continental und Linde, Wolfgang Reitzle, warnt eindringlich vor "irreparablen Schäden" für die Wirtschaft" durch die Kontakteinschränkungen, die über April hinausreichen könnten. "Viele kleinere Firmen werden sterben und nicht mehr wiederzubeleben sein", sagt er Capital.de. Auch große Konzerne seien bedroht. Spätestens am 27. April müsste die Wirtschaft wieder hochgefahren werden. Der Manager rät, Japan zum Vorbild zu nehmen.

ntv.de: Herr Reitzle, die Gesellschaft wird seit einigen Wochen zwangsstillgelegt. Nun mehren sich die Stimmen, dass der Schaden für die Wirtschaft zu groß wird, wenn dieser Shutdown zu lange anhält. Was denken Sie?

Wolfgang Reitzle: Soll ich das wirklich sagen? Wir schauen jeden Tag auf Italien und Spanien und geraten in Panik. Wir wollen mit allen Mitteln verhindern, dass es auch bei uns zu dieser Überforderung des Gesundheitssystems kommt. "Flatten the Curve" ist der Fokus. Deshalb der Shutdown, wie vorher auch schon in Teilen Chinas und vielen anderen Ländern. Weshalb aber schauen wir nicht nach Japan? Auch dort wurde durch eine Million Touristen aus China das Virus eingeschleppt. Da aber dort ohnehin fast jeder Chinese immer zur Grippezeit eine Maske trägt, hat offensichtlich das Coronavirus nicht näherungsweise zu einer Tragödie geführt. Die Zahl der Infizierten und Toten ist gering. Masken schützen zwar nicht den Gesunden vor der Infektion, wohl aber verhindern sie, dass ein Infizierter über Tröpfchen andere ansteckt. Weshalb orientieren wir uns nach den Ländern mit dramatischem Verlauf und lernen nicht von denen, die ihre Wirtschaft weiterlaufen lassen und dennoch kein Problem haben? Denn der Schaden des Shutdowns kann für uns zu unvorstellbaren Kosten und nachhaltigen wirtschaftlichen Schäden führen. Das Ifo-Institut hat ja die Szenarien bewertet und kommt auf Zahlen von 250 bis 730 Milliarden Euro.

Halten Sie diese Berechnungen für realistisch?

Ja, das ist realistisch. Vor allem aber befürchte ich, dass etwas passiert, was in diesen Zahlen noch gar nicht abgebildet ist: Mit jeder weiteren Woche werden irreparable Schäden für unsere Wirtschaft entstehen. Viele kleinere Firmen werden sterben und nicht mehr wiederzubeleben sein. Aber auch Konzerne sind bedroht. Und ich halte es für eine Illusion, anzunehmen, dass alle vom Staat gerettet werden können. Wie wird denn der Staat die Umsatzausfälle ersetzen? Das Virus hat das Potenzial, unsere gesamte Wirtschaft umzupflügen. Deshalb darf dieser Shutdown nicht zu lange dauern.

Sie sind Aufsichtsratschef von Continental, dem größten, börsennotierten Autozulieferer der Welt und des Industriegaseherstellers Linde - und Sie sind bestens vernetzt in der deutschen Wirtschaft. Fürchten viele Konzernchefs derzeit dieses Risiko?

Alle Konzerne rechnen derzeit, wie lange ihr Cash noch reicht. Continental ist zum Glück ein gut durchfinanziertes Unternehmen mit einer geringen Verschuldung. Da haben wir schon früh drauf geachtet. Wir wollten vorbereitet sein auf eine Rezession, da der Boom des vergangenen Jahrzehnts durch das billige Geld der EZB künstlich verlängert wurde. Aber natürlich waren wir nicht auf so etwas vorbereitet. Auch ein Unternehmen wie Continental kann das nicht länger als einige Monate durchhalten. Ich denke allerdings, dass vielen Politikern das auch klar ist.

Die Autoindustrie war ohnehin in einer Strukturkrise - der Corona-Schock trifft die Hersteller und Zulieferer jetzt zusätzlich.

Die Autoindustrie war im Grunde schon seit über einem Jahr in der Rezession. Der Peak war 2017 mit 95 Millionen Einheiten, ab 2018 wurde das Geschäft schon schwächer, 2019 betrug der Rückgang nochmals zehn Prozent, weil der Handelskrieg zwischen den USA und China eskalierte. Die Margen sind alle um die Hälfte oder mehr gesunken, statt zwischen acht und zehn verdienen die meisten zwischen drei und fünf Prozent. Deshalb waren die Ergebnisse und der Cashflow der Autobranche und ihrer Zulieferer ohnehin etwas ramponiert. Zu dieser Schwäche kam die Umstellung zu neuen Technologien, zum autonomen Fahren und der E-Mobilität. Das sind Milliardenaufwendungen, für die Umsätze erst zeitversetzt fließen. Und genau in dieser doppelten Schwächephase treffen uns das Virus und der Shutdown. Das ist auch anders als 2009, damals brachen zwar die Umsätze ein, aber es wurde ja weiter produziert. Jetzt aber sind wir auf null!

Viele haben gesagt, dass dieses Runterfahren von Fabriken höchst gefährlich ist. Warum ist das so?

An der Autoindustrie kann man gut verdeutlichen, was derzeit das Problem ist. Nach so einem ungeplanten Shutdown dauert es ja länger, die Produktion wieder hochzufahren. Keine andere Industrie integriert so viele Teile, Einzelkomponenten und Werkstoffe. Schon Betriebsurlaube werden in unserer Branche ein Jahr vorher festgelegt. Für solche Phasen hat jeder seine Pipeline gefüllt. Wenn man nach einem Betriebsurlaub zurückkommt, drücken die Fabrikleiter auf einen Knopf und das Ganze geht wieder von null auf 100. Nun war es so, dass alle Unternehmen versucht haben, so lang wie möglich zu produzieren und die Lieferketten aufrechtzuerhalten, obwohl schon wichtige Komponenten aus der chinesischen Region Wuhan gefehlt haben. Allein bei Continental haben 21 Krisenteams wochenlang Tag und Nacht die Komponenten verfolgt: Wo fehlt etwas, wo gibt es noch etwas, wo liegt vielleicht ein Teil in einem Lager auf der Welt, wie können wir es ersetzen? Somit haben wir verhindert, dass die Fabriken der Autohersteller schon früher schließen mussten.

Nun haben Daimler, BMW und Volkswagen selbst ihre Fabriken runtergefahren.

Das ging dann ziemlich schnell. Aber es war ja notwendig und richtig. Das Problem ist nur, wenn alle ihre Fabriken wieder hochfahren, sind diese Pipelines eben nicht überall gefüllt. Dieses Virus läuft zeitlich versetzt um die Welt und deswegen sind die Zulieferer weltweit unterschiedlich betroffen: China fährt schon wieder hoch, in Europa sind wir noch vor dem Höhepunkt und in den USA geht es gerade erst richtig los. Wenn ein Zulieferer also die Produktion hochfährt, rumpelt es bei ihm, weil er vielleicht keine Komponenten von einem anderen Zulieferer bekommt, der noch im Shutdown ist. Und je länger der Shutdown dauert, desto mehr Unternehmen gehen vielleicht insolvent. Das ist ein komplexes, weltweit verästeltes und aufeinander abgestimmtes System - das kann man in so einer Situation nicht per Knopfdruck einfach wieder hochfahren. Deshalb sollte der Shutdown nicht zu lange dauern - und man muss dazu noch einige Wochen reduzierter Produktion in der Hochlaufphase mitberücksichtigen.

Darf man denn eine solche Rechnung aufmachen? Schließlich geht es ja um die Gesundheit von Millionen Menschen.

Das ist schon richtig, und die Politiker sagen es uns jeden Tag. Gesundheit hat Vorrang. Das versteht ja auch jeder. Nachdem aber derzeit unser Land auf Empfehlung von Virologen regiert wird, muss es schon erlaubt sein, dass sich auch die Wirtschaft zu Wort meldet. Jeder muss wissen, dass ein längerer Shutdown langfristig strukturellen Flurschaden anrichtet. Ein spürbarer Verlust an Wettbewerbsfähigkeit droht, Wohlstandsverluste wären die Folge. Und denken Sie nicht nur an die Industrie. Gerade auch der Handel ist stark betroffen. Während die Geschäfte geschlossen haben, schafft Amazon traumhafte Marktanteilsgewinne. Alles, was Amazon jetzt dazu gewinnt, kann der Einzelhändler später nicht mehr so leicht zurückgewinnen. Diese Krise ist eine besondere und verschiebt die Struktur der Wirtschaft. Es gibt viele Verlierer und wenige Gewinner.

Aber unsere Regierung hat versprochen, dem Handel zu helfen.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat versprochen, dass kein Arbeitsplatz verloren geht. Das ist eine Illusion. Dieser Shutdown wird zu einem immensen nachhaltigen Wohlstandsverlust für ganz viele Menschen führen, wenn er länger als vier, fünf Wochen andauert.

Was heißt das konkret? Muss es nach Ostern wieder losgehen?

Direkt nach Ostern ist vermutlich unrealistisch. Aber im Grunde müsste ab dem 20. April oder spätestens am 27. April wieder hochgefahren und produziert werden. Das wäre schon hart genug, aber viele Unternehmen würden das noch hinbekommen. Ich finde es moralisch richtig, dass wir vor allem die älteren Menschen schützen - ich zähle ja selbst auch dazu. Aber es wird ein Punkt kommen, wo es schwierig werden wird, abzuwägen was richtig ist. Die Politiker kommen um dieses Dilemma nicht herum. Im Moment heißt es überall, Gesundheit hat Priorität. Je länger es dauert, desto schwieriger wird diese Prioritätensetzung.

Nun ist der Shutdown keine spezielle deutsche Erfindung oder Strategie, alle Länder haben so reagiert. Wie könnte denn ein Exit aussehen?

Am wichtigsten ist ein statistisch abgesichertes Testverfahren, wie bei Meinungsumfragen. Nur so erhält man eine saubere Datenbasis für alle wichtigen Entscheidungen. Also, testen, testen, testen. Dann könnte man folgenden groben Ansatz verfolgen. Es wird verordnet, dass bis auf Weiteres jeder außer Haus diese einfache Maske trägt, dass Ältere und Gefährdete mit Vorerkrankung mit besonderen Restriktionen belegt werden und dass möglicherweise über Mobile Tracking das Bewegungsprofil transparent gemacht wird - und dann lässt man die Wirtschaft wieder hochlaufen. Bestimmt gibt es noch bessere Pläne, aber so eine Art der Vorgehensweise ist die einzige, um ein Desaster für die Wirtschaft zu verhindern.

Diese Krise trifft nicht nur Deutschland, sondern auch andere Länder, die USA, unsere Nachbarn Frankreich und Großbritannien. Wird jede Volkswirtschaft gleich leiden oder sind andere Länder besser gerüstet?

Meine Befürchtung ist, dass wir in einigen Jahren zurückschauen und sehen: Der große Gewinner ist China und Europa ist der Verlierer. Allein Italien wird über Jahre dreistellige Milliardensummen brauchen, denn das Land war ja schon seit Jahren nur durch die EZB über Wasser gehalten worden und hat schon vor Corona gerade mal wieder das Niveau von 2006 erreicht. Italien hat keinerlei Strukturreformen durchgeführt und ist nicht mehr wettbewerbsfähig. Die ohnehin schon hohe Verschuldung wird nun weiter rapide steigen. Auch die Amerikaner laufen Gefahr, dass dies die erste Krise werden könnte, die sie richtig durchschüttelt, dass auch sie zumindest zu den temporären Verlierern zählen werden. Während wir noch unsere Wunden lecken, können die Chinesen produzieren und Marktanteile gewinnen. Aus dieser Krise könnte also eine tektonische Plattenverschiebung im weltweiten Kräfteverhältnis die Folge sein.

Auch Deutschland verliert innerhalb kurzer Zeit nun die Anstrengungen eines Jahrzehnts, die Verschuldung war nach der Krise von über 80 auf 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesunken, nun wird sie rapide steigen, wieder auf 80 Prozent.

Wenn der Shutdown länger dauert, kann es auch über 80 Prozent hinausgehen, vielleicht sogar über 100 Prozent. Die Krise könnte allein Deutschland eine Billion kosten. Wir können uns unsere Rettung allerdings leisten, weil es sich auszahlt, dass wir über Jahre Haushaltsdisziplin geübt haben. Aus der Rettung Europas wird dann allerdings noch ein heftiger Betrag dazukommen.

Einige erwarten, dass die Stimmung in ein, zwei Wochen kippen könnte. Weil wir ja nicht nur Leben schützen müssen, sondern auch unsere Existenzen. Diese Debatte führen aber nur vereinzelte Stimmen. Was denken Sie?

Ja, es sind vereinzelte Stimmen, aber diese Debatte ist wichtig und notwendig. Die meisten wagen sich derzeit noch nicht aus der Deckung. Es wird aber kommen.

Was ist eigentlich mit den Klimaauflagen der Autoindustrie? Die müssen doch die 95 Gramm im Schnitt in ihrer Modellpalette erreichen, sonst drohen Strafen.

Das ist eine gute Frage. Wenn diese immensen Kosten und Belastungen aus dem New-Green-Deal jetzt auch noch dazukommen, dann kann es sein, dass wir wirtschaftlich lange, lange leiden. Wenn wir durch diese einzigartige Krise mal durch sind und Bilanz ziehen, wird man sehen, ob es nicht klüger ist, Greta ein bisschen warten zu lassen.

Mit Wolfgang Reitzle sprach Horst von Buttlar

Das Interview erschien am 30. März 2020 bei Capital.de.

Quelle: ntv.de