Wirtschaft

Öl und Gas für Europa Steigt Afrika zur neuen Energiedrehscheibe auf?

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Bislang entfallen etwa acht Prozent der weltweiten Ölförderungen auf Afrika.

(Foto: imago stock&people)

Während dem Aggressor Russland Embargos drohen, wird darüber spekuliert, inwiefern Afrika das Zeug zum Öl- und Gaslieferanten hat. Der Kontinent bringt sich bereits in Stellung.

Somalia gilt als gefährlicher Ort und gescheiterter Staat: geprägt von Stammesfehden, Dürre und dem Terror der islamistischen Miliz al-Shabaab. Eine instabile Regierung versucht dennoch die Rückkehr zur Normalität und will Unternehmen an das Horn von Afrika locken - neuerdings wieder zur Erschließung fossiler Bodenschätze.

Im Ogaden-Becken und vor der somalischen Küste schlummern reiche Öl- und Gasvorkommen, sagt Ölminister Abdirashid Mohamed Ahmed. Beim nächsten großen Branchentreffen, der African Energy Week in Kapstadt im Oktober, will er "globale Investoren treffen, um dem Hochpotenz-Sektor entscheidende Impulse zu geben".

Der rechtliche Rahmen sei geschaffen, das Somalia Petroleum Law, eine Ölbehörde und eine Somali National Oil Company - alles, um internationalen Ölgesellschaften den Standort schmackhaft zu machen. Bei einer ersten Vergaberunde von Lizenzen waren die Erdölvorkommen vor einigen Jahren auf bis zu 30 Milliarden Barrel geschätzt worden, die Erdgasreserven auf 5,7 Milliarden Kubikmeter. Shell und ExxonMobile hatten sich Blöcke gesichert, beuten sie aber wegen "höherer Gewalt" nicht aus.

Zwischen Hype und überzogenen Erwartungen

Somalia ist besonders - aber ein Einzelfall ist das Land in Afrika derzeit nicht. Auf dem ganzen Kontinent wird gerade spekuliert, ob Afrika zur neuen Energiedrehscheibe für Europa aufsteigen kann, während dem Aggressor Russland Embargos drohen - oder westliche Abnehmer schlicht kein Öl und Gas von mutmaßlichen Kriegsverbrechern beziehen wollen. Manche schüren den Hype, andere warnen vor überzogenen Erwartungen. Sicher haben Öl- und Gasstaaten aber Interesse daran, ihre fossile Infrastruktur noch auszubauen, bevor die grüne Transition beginnt - zumal weite Teile der Bevölkerung noch energiearm sind.

Denn Afrikas Bevölkerung nimmt rapide zu. Heute stehen auf dem Kontinent ein Sechstel der Weltbevölkerung für nur sechs Prozent des globalen Energiekonsums und bis zu drei Prozent aller klimaschädlichen Emissionen. Gute 600 Millionen Afrikaner sind noch ohne Strom, und voraussichtlich ebenso viele Bewohner - einmal ganz Europa - werden in den nächsten 20 Jahren in die Städte strömen. Der Kontinent steht vor der doppelten Herausforderung, mehr Energie zu produzieren, ohne dem Klima zuzusetzen. Nicht nur Klimaschützer schauen deswegen gespannt nach Afrika.

"Welchen Energiepfad Afrika nimmt, ist von globaler Bedeutung", sagt der Chef der Internationalen Energieagentur IEA, Fatih Berol. "Afrika kann eine führende Rolle in der Transition der Energiesysteme der Welt in das Zeitalter der Erneuerbaren spielen", betont die IEA. Es sei "herzzerreißend" zu sehen, sagt Birol, dass in ganz Subsahara-Afrika trotz des hohen Bedarfs gerade ein Drittel der Sonnenenergie von Großbritannien produziert werde.

Nigeria und Angola spielen nur untergeordnete Rolle

Industrieländer fördern daher vor allem Afrikas großes Potential für erneuerbare Energien - für Wind- und Solarkraft und zuletzt auch für grünen Wasserstoff. Diverse Initiativen von Entwicklungsbanken, Staaten und auch der IEA, darunter "Desert to Power", bemühen sich um Finanzhilfen, Technologietransfer und Investoren, denn Kapital kostet auf dem Kontinent siebenmal mehr als in Europa oder Nordafrika, und die Risikowahrnehmung bleibt hoch. Aber seine Grundversorgung - und wesentliche staatliche Einnahmen - zieht Afrika zunächst weiter aus Kohle, Öl, Gas und Wasserkraft.

So entfallen heute auf Afrika etwa acht Prozent der weltweiten Ölförderung, verglichen mit 12,4 Prozent aus Russland und 31 Prozent aus Nahost, so die IEA. Als Nettoexporteure spielen die Ölstaaten Nigeria mit 99 Millionen Tonnen und Angola mit 63 Millionen Tonnen 2019 nur eine untergeordnete Rolle, verglichen mit den Weltmarkführern Saudi-Arabien (352 Millionen) und Russland (269 Millionen). Weitere Ölproduzenten sind Libyen, Algerien, Ägypten und Sudan, kleinere Bohrungen und Vorkommen gibt es in Ghana, Kongo, Uganda, Gabun oder im Tschad. Zuletzt feierte Namibia die Entdeckung beachtlicher Öl- und Gasfelder durch Total und Shell, die drei Milliarden Barrel Öl in Aussicht stellen.

Auch im afrikanischen Gassektor machen einige ernstzunehmende Akteure heute sechs Prozent der globalen Gasproduktion aus, allen voran Algerien mit 2,3 Prozent - verglichen mit einem russischen Weltanteil von 18 Prozent (USA 23,6, Nahost 16, OECD 38). Mit Nettoexporten von 41 Milliarden Kubikmetern aus Algerien und 27 Milliarden Kubikmetern aus Nigeria (2020) kommt Afrika jedoch nicht entfernt in die Nähe der US-amerikanischen (77 Milliarden) oder russischen (230 Milliarden) Nettoexporte.

Wie schnell können Förderländer Kapazitäten steigern?

Ausbaufähig sind diese Mengen angesichts üppiger Vorkommen allemal. Dem Kontinent werden Erdgasreserven von knapp 13 Billionen Kubikmeter zugeschrieben. Die nachgewiesenen Erdölvorkommen umfassten 2021 ganze 125 Milliarden Barrel. Die Frage ist jedoch, zu welchen Bedingungen und in welchem Tempo sie erschlossen werden können. "Afrika hat sicher großes Potenzial, eine leistungsfähige Energiedrehscheibe zu werden", sagt der Ökonom Thomas Scurfield vom Natural Resource Governance Institute in London. "Aber es hat keine reifen Projekte, die einen schnellen Produktionsstart ermöglichen würden. In einer Studie hatte Scurfield errechnet, dass seit den 1960er Jahren die durchschnittliche Entwicklungsdauer von der Entdeckung von Vorkommen zur tatsächlichen Förderung in Afrika zwölf Jahre betrug.

Um die Energieversorgung Europas unabhängiger von Russland zu machen, hat die EU bereits in ihrem Plan REPowerEU angekündigt, Afrika stärker einbinden zu wollen. Ägypten, Algerien und Nigeria seien sehr verlässliche Lieferanten, sagt EU-Energiekommissarin Kadri Simson. "Wir wollen den Handel steigern."

Ungewiss ist jedoch, wie stark Öl und Gas hier ins Spiel kommen - und vor allem, inwieweit führende Förderländer überhaupt schnell ihre Kapazitäten steigern können. Marktbeobachter weisen vor allem bei Öl darauf hin, dass weder Nigeria noch Angola heute genug pumpen, um auch nur annähernd ihre OPEC-Quoten zu erreichen. Investitionen zur Steigerung von Kapazitäten blieben auch in vergangenen Jahren in einem politisch labilen und von Korruption geplagten Umfeld eher gering, so Marktberichte.

Was eine rasche Verfügbarkeit von Erdgas angeht, so sehen die Rohstoffexperten vom NRGI Europa besser beraten, in Nordamerika oder anderswo nach Ersatz für Versorgungslücken zu suchen. Für größere Exportvolumina wären riesige Investitionen in LNG-Terminals oder Pipelines erforderlich, die nur in geringem Maß vorhanden sind. "Das sind langfristige Investitionen, und die brauchen sehr viel mehr Sicherheiten für Banken, als sie heute absehbar sind, um einmal Profit zu versprechen", mahnt Scurfield. Schließlich steuere der globale Norden auf das Zeitalter der erneuerbaren Energien zu.

Mosambik hegt große Pläne für Bau von LNG-Terminals

Der BP-Konzern erwartet dennoch, dass die Gasförderung in Afrika bis 2035 um 80 Prozent zulegen wird. Auch die African Energy Chamber geht in ihrem Ausblick davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren von den fossilen Ressourcen zu mehr als 60 Prozent Gasfelder entwickelt werden. Die meisten Gasvorkommen hat Nigeria, das westafrikanische Land produziert aber nur halb so viel wie Algerien und weniger als Ägypten. Ein neuerdings politisch wiederbelebter Plan, über eine "Trans-Sahara"-Pipeline via Niger und Algerien 30 Milliarden Kubikmeter pro Jahr nach Europa zu pumpen, lag Scurfield zufolge auch "schon Jahre in der Schublade".

Algerien ist Europa geografisch am nächsten und will die Erschließung von Gasfeldern und Förderung in den nächsten fünf Jahren verdoppeln. Vor allem Italien und Spanien setzen darauf, bestehende Pipelineverbindungen stärker auszulasten oder zu ergänzen. Aber mit Spanien hat die Regierung in Algier tiefgreifende diplomatische Zerwürfnisse über den umstrittenen Status der Westsahara. Rom könnte somit bessere Karten haben. Nach Italien ist eine 2000 Kilometer lange Transmed-Röhre geplant, die 2027 fertiggestellt werden soll.

Im Südosten des Kontinents brüstet sich Mosambik mit größeren Gasvorkommen als Ägypten und Libyen und hegt seit Jahren große Pläne für den Bau eines LNG-Terminals. Aber Unruhen im Land haben die Förderung nicht einmal über ein Anfangsstadium hinauskommen lassen, mit realen Fortschritten wird frühestens 2025 gerechnet. Das im Norden angrenzende Tansania, wo neben Senegal und Mauretanien ebenfalls in jüngerer Zeit Vorkommen entdeckt wurden, will dagegen schneller durchstarten.

Tansania ist einer der Staaten, die laut dem optimistischen US-Institut Brookings "die langfristigen Wachstumschancen aus dem Konflikt zwischen Russland und der Ukraine erkannt haben" - und zu Europas Unabhängigkeit von Moskau beitragen wollen. Präsident Samia Suluhu Hassan hält die Hand über die sechstgrößten Gasreserven des Kontinents mit 1,6 Billionen Kubikmetern, wie er sagt. Bisherige Streitereien mit Energieunternehmen sollen der Vergangenheit angehören, und Offshore-Projekte bis 2023 wiederbelebt werden.

Hype oder realer Ausblick?

Es herrsche eine gewisse Aufregung auf afrikanischer Seite, sagt der Energieexperte Silas Olang vom Ressource Governance Institute. Aber sie passe nicht zu der Risikoabwägung, die Unternehmen in einer langfristigen Perspektive vornehmen. Die Perspektiven seien nicht deckungsgleich Eine mögliche Steigerung der Energielieferungen aus Afrika ist aus seiner Sicht Jahre entfernt - und es stelle sich auch die grundsätzliche Frage, ob Europa sich angesichts seines geplanten Übergangs von fossilen auf erneuerbare Träger überhaupt auf neue langfristigen Verpflichtungen für Öl und Gas in Afrika einlassen wolle.

Wenn Europa aber den Kontinent wirklich als Energielieferant aufwerten wolle, dann sollte es auch gezielt auf eine bessere Regierungsführung dringen, mahnt Olang: damit in den Präsidentenpalästen auch Rechenschaftspflichten einkehrten, zugleich die Energiearmut der Bevölkerung bekämpft werde - und mittelfristig ein Weg zu nachhaltiger Energieversorgung auch in Afrika eingeschlagen werde. "Dann könnte eine Win-Win-Situation daraus werden."

Andernfalls, gibt sein Kollege Scurfield zu bedenken, "könnte der gegenwärtige Hype in Enttäuschung und schlimmen Konsequenzen enden" - nämlich dann, wenn Regierungen ihren Bürgern überschwänglich Reichtümer in Aussicht stellen, sich selbst aber übernehmen mit neuen Schulden zum Bau von Infrastruktur und Versorgungsnetzen, und diese dann nicht bezahlen können, wenn es Probleme gibt. So ähnlich sei es in den vergangenen Jahren in Ghana gewesen.

Dieser Text ist zuerst bei Capital erschienen.

Quelle: ntv.de

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