Wirtschaft

Psychologe zu Corona-Erschöpfung "Täglicher Einkauf ist Highlight geworden"

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Trotz konstant hoher Infektionszahlen und Hygienevorschriften haben die Menschen eine "Corona-Alltagsroutine" entwickelt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Corona-Krise nimmt kein Ende. Was macht die ständige Bedrohung und Unsicherheit mit unserer Gesellschaft? Im Podcast "Die Stunde Null" spricht der Psychologe Stephan Grünewald über die zunehmende "Corona-Korrosion" der Deutschen und wie sich das Verhalten seit dem ersten Lockdown verändert hat.

Seit fast einem Jahr ist das Coronavirus Dauerthema in Politik, Medien und Alltag. Während zu Beginn der Pandemie vor allem über direkte gesundheitliche Bedrohung und wirtschaftliche Folgen diskutiert wurde, rückten mit der Zeit auch die psychologischen und soziologischen Auswirkungen in den Fokus. "Es ist so ein Ermüdungs-, ein Zersetzungsprozess", sagt der Psychologe Stephan Grünewald im Podcast "Die Stunde Null".

"Beim ersten Lockdown gabs noch eine Endlichkeitshoffnung. Und jetzt merkt man: Man hat nicht die Erfolgserlebnisse. Die Zahlen waren lange Zeit relativ stabil auf einem hohen Niveau und man hatte den Eindruck, man schränkt sich ein, aber das hat überhaupt keine Auswirkung."

Der Gründer des Rheingold-Instituts, der sich in seiner Arbeit schon lange mit der Gefühlslage der Deutschen befasst, hat untersucht, wie sich die gesellschaftliche Stimmung seit dem vergangenen Frühjahr verändert hat. Anders als während des ersten Lockdowns, der noch "den Charakter eines abenteuerlichen Einbruchs in eine gewohnte Wirklichkeit" hatte, mache sich nun zunehmend Erschöpfung und Resignation breit. "Die Menschen in unseren Interviews beschrieben uns, wie akribisch sie damals auf Abstände geachtet haben, wie stark sie sich nach jedem Einkauf die Hände desinfiziert haben. Jetzt ist es eine andere Situation."

Trotz konstant hoher Infektionszahlen und Hygienevorschriften hätten die Menschen eine "Corona-Alltagsroutine" entwickelt, so der Psychologe im Gespräch mit Horst von Buttlar. Viele hätten wieder angefangen, ihre Freunde zu treffen und zu umarmen. Statt einem großen Wocheneinkauf sei der Einkauf für viele nun das tägliche Highlight, um dem immer gleichen Corona-Alltag wenigstens kurz zu entkommen.

Selbst Gruppen, die sich im Frühjahr noch über die Entschleunigung und das "kollektive Innehalten" freuten, klagen nun nach fast einem Jahr Corona über Erschöpfung und Mutlosigkeit. Dennoch seien manche Gruppen von der Pandemie besonders schwer betroffen. "Jugendliche fühlen sich viel stärker stillgelegt als die älteren Semester." Und: Es sei ein Unterschied, "ob ich jetzt auf zwei Zimmern stillgelegt bin oder ob ich ein großes Haus habe und alimentiert bin und dann relativ sorgenfrei zurückschalten kann." Entgegen der von Politikern gerne postulierten Solidarität und dem Zusammenhalt in der Krise, beobachtet der Psychologe eine zunehmende gesellschaftliche Spaltung.

Für die Zukunft wünscht sich Grünewald mehr langfristige Strategien. "Viele Fragen sind noch nicht geklärt. Wenn wir da noch viel mehr Forschungsgeld investieren würden, wären wir auch in der Lage, effizienter einzugreifen." Regeln könnten konsequenter umgesetzt werden. "Ein Großteil der Bürger sagt: Noch weitere Verschärfungen, das macht überhaupt keinen Sinn, weil die bestehenden Regeln werden überhaupt nicht monitored und sanktioniert", so Grünewald im Gespräch.

Die Diskussionen über einen noch schärferen Lockdown oder gar einen No-Covid-Ansatz sieht er kritisch. Er sei besorgt über einen neuen Fundamentalismus, über Probanden, die nach einem "China Diktat" riefen. Trotz allen gesellschaftlichen Herausforderungen kann er der Zeit auch Positives abgewinnen: "Als Psychologe merke ich, dass ich auch in einem ganz anderen Maße als Forscher gefragt bin und Zeuge werde einer Entwicklung, die einerseits beängstigend, andererseits auch faszinierend ist."

Hören Sie in der neuen Folge von "Die Stunde Null":

  • Welche drei Verhaltensmuster der Psychologe und sein Team bei den Befragten identifiziert haben.
  • Was die derzeitige Situation mit der Lage in der DDR zu tun hat.
  • Wie Stephan Grünewald die Zeit des Lockdowns persönlich erlebt.

Alle Folgen finden Sie direkt bei Audio Now, Apple oder Spotify oder via Google.

Quelle: ntv.de, jki

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