Wirtschaft

WeWork-Gründer Adam Neumann Vom Genie zum Maskottchen

Einst als Genie gefeiert, nun als CEO geschasst: WeWork-Gründer Adam Neumann.

Einst als Genie gefeiert, nun als CEO geschasst: WeWork-Gründer Adam Neumann

(Foto: REUTERS)

Drogenskandale, Größenwahn und vergangene Woche dann der erzwungene Rücktritt als Firmenchef. Der einst als Genie gefeierte WeWork-Gründer Adam Neumann hat sein schillerndes Image ordentlich ramponiert. Wie konnte es soweit kommen?

Drogenschmuggel, Alkoholexzesse im Büro, Selbstbereicherung auf Kosten der Firma: Adam Neumanns Skandalliste ist lang. Dennoch galt er vielen bis vergangene Woche als das aktuell größte Business-Genie Amerikas. Sein Startup WeWork, ein Anbieter für geteilte Büroflächen, wurde vor einem  Börsengang auf den astronomischen Wert von 47 Milliarden Dollar geschätzt. Da schauten die Investoren gerne über die Eskapaden des Gründers hinweg.

Doch vergangene Woche folgte der Absturz. Unregelmäßigkeiten im Börsenkatalog sorgten dafür, dass verschiedene Banken den Wert seiner Firma um 30 Milliarden Dollar nach unten korrigierten. Und damit war das Vertrauen in das vermeintliche Genie Neumann auch bei den Investoren endgültig aufgebraucht. Am Dienstag erzwangen sie seinen Rücktritt als Firmenchef und degradierten ihn zum Verwaltungsratsvorsitzenden. Zudem reduzierten sie das Stimmgewicht seiner Aktien, womit er auch seine Mehrheit im Aufsichtsrat verlor. Nur seinem Charme hat er es zu verdanken, dass er als eine Art Maskottchen überhaupt noch in der Firma bleiben darf. Wie konnte er so tief fallen?

In 30 Minuten zu drei Milliarden

Einst als Genie gefeiert, nun als CEO geschasst: WeWork-Gründer Adam Neumann.

Neumann bei einer Rede in Shanghai 2018.

(Foto: REUTERS)

Adam Neumanns Geschichte bis zum September 2019 liest sich wie das Musterbeispiel des modernen American Dreams. Mit 22 Jahren kommt er 2001 aus Israel nach New York. Nach zwei gescheiterten Versuchen - er wollte faltbare Absätze für Schuhe und Babykleidung mit Polstern an den Knien verkaufen - gründet er mit Anfang 30 das Unternehmen, das ihn zum Multimilliardär machte: WeWork. Das Konzept: WeWork mietet Büroimmobilien langfristig an, renoviert sie und richtet sie in einem modernen, wiedererkennbaren Stil ein. Dann vermietet es einzelne Schreibtische, kleine Büros oder ganze Etagen an Freiberufler oder Firmen weiter. Coworking nennt sich das Ganze.  

Mit einer aggressiven Wachstumsstrategie entwickelt Neumann das Unternehmen zum größten Anmieter von Büroflächen in New York City. Er expandiert ins Ausland, mietet Immobilien in heute 29 Ländern. Und er lockt äußerst erfolgreich Investoren an.

Wegbegleiter schwärmen immer wieder von Neumanns Charme. Der 1,92-Meter-Mann mit wallender Haarpracht brenne so sehr für seine Sache, dass bei seinem Gegenüber nie auch nur der Hauch von Zweifel an seiner Mission aufkomme. Den japanischen Großinvestor Masayoshi Son soll er so in nur 30 Minuten überzeugt haben, über drei Milliarden Dollar in sein Unternehmen zu investieren. Son ist der Gründer des Tech-Konzerns SoftBank und gilt als ähnlich verrückter und risikofreudiger Investor wie Neumann.

Verluste, so groß wie sein Ego

Dank Neumanns Charisma und ansteckenden Begeisterung scheinen viele Analysten und Experten über das riskante Geschäftsmodell von WeWork hinweggesehen zu haben. Zwar wuchs mit jedem Jahr der Umsatz, aber proportional stiegen auch die Verluste. Im vergangenen Jahr stand am Ende ein Minus von knapp zwei Milliarden Dollar. Dennoch stieg der geschätzte Wert von WeWork jedes Jahr auf neue Rekordwerte-– zuletzt auf fast 50 Milliarden Euro.

Doch mit jeder Milliarde, die WeWork an Wert gewann, verlor Adam Neumann ein Stück mehr den Bezug zur Realität. Bekannte berichten davon, dass er ernsthaft das Ziel verfolgt, erster Billionär der Welt zu werden. Zur Einordnung: Jeff Bezos, Amazon Gründer und aktuell reichster Mensch der Welt, verfügt über ein geschätztes Vermögen von etwa 111 Milliarden Dollar. Auch in politischen Sphären ist Neumann ähnlich ambitioniert. Erst wollte er "nur" israelischer Ministerpräsident werden. Dann ließ er verlautbaren: "Wenn ich je für ein Amt antrete, dann für das des Weltpräsidenten!"

Reichtum, Macht - fehlt nur noch das ewige Leben. Neumann träume davon, "eine Zukunft zu erschaffen, in der altersbedingter Verfall nicht über dein Leben bestimmt", sagte er Freunden. Dazu investierte er auch in das Start-Up "Life Biosciences".

Drogen und Missmanagement

Schlagzeilen machte Neumann auch mit einem Ausflug nach Tel Aviv im Sommer 2018. Mit einigen Freunden flog er in einem gemieteten Privatjet aus New York nach Israel. Die lange Flugzeit versüßte sich die Reisegruppe offensichtlich mit jeder Menge Marihuana. Eine ganze Cornflakes-Schachtel voller Gras fand die Crew nach der Landung im Flugzeug. Aus Angst, wegen Drogenschmuggels angeklagt zu werden, rief der Besitzer das Flugzeug umgehend zurück. Neumann und seine Reisegruppe mussten sich selbst um eine Rückreise kümmern.

Dem Wall Street Journal zufolge soll Alkohol eine ähnlich große Rolle in Neumanns Leben und Unternehmensführung spielen. Vor allem sein Lieblingsgetränk Tequila soll im Büro allgegenwärtig gewesen sein. Mitarbeiter berichten von Exzessen am Morgen und von alkoholreichen Ausflügen für Mitarbeiter auf Musikfestivals. Als Neumann 2016 eine massive Kündigungswelle vor der versammelten Belegschaft rechtfertigte, ließ er nach der Rede Tabletts mit massenhaft Tequila bringen, um die Stimmung aufzubessern. Kurz danach trat ein Mitglied der Hip-Hop-Gruppe Run-DMC für die Belegschaft auf. Augenzeugen berichten von skurrilen Szenen.

Adam Neumann und seine Frau, Rebekah Paltrow Neumann

Adam Neumann und seine Frau, Rebekah Paltrow Neumann

(Foto: imago/ZUMA Press)

Für seine Investoren das Schlimmste waren Neumanns Managementskandale. So sicherte er sich privat die Markenrechte an dem Namen "We", um sie anschließend für knapp sechs Millionen Dollar an seine eigene Firma zu verkaufen. Auch vermietete er eigene Immobilien überteuert an WeWork.  Außerdem soll er 13 Millionen Euro in eine Firma investiert haben, die eine Surfanlage in den Keller des WeWork-Hauptsitzes bauen sollte.

Er gründete weitere Marken unter dem Namen We, zum Beispiel seine eigene Privatschule "WeGrow". Geleitet wird die von seiner Frau, Rebekah Paltrow Neumann. Ihr wird - ebenso wie ihrer Cousine, der Schauspielerin Gwyneth Paltrow - ein Hang zur Esoterik nachgesagt. Rebekah Neumann besaß bis zum vergangenen Dienstag eine enorme Machtfülle im We-Konzern. Sie war unter anderem als Markenmanagerin tätig und besaß das Recht, im Falle von Adams Tod über dessen Nachfolger als Firmenchef zu bestimmen. Mit dessen Absetzung verlor aber auch sie an Einfluss.

Erste Experten sprechen von Betrug

All das war schon lange bekannt. Bisher jedoch taten Investoren die Skandale als Ausdruck des Wahnsinns ab, der sehr eng mit Genie verbunden zu sein scheint. In einem Interview sagte Neumann einmal über seien Großinvestor Son: "Als wir uns das erste Mal trafen, sagte er zu mir: Ich bewundere, wie verrückt du bist - aber du musst noch verrückter werden!" Doch selbst Son wurde es mit Neumann am Ende zu heiß.

Er ließ ihn fallen, als die US-Börsenaufsicht in den ersten nach Börsenkriterien veröffentlichten Geschäftsberichten zahlreiche Ungereimtheiten fand. Von verschleierten Verlusten und dubiosen Transaktionen ist die Rede. Erste Börsenexperten sprechen bereits von Betrug. Deshalb musste Neumann als Firmenchef zurücktreten.

An seiner Stelle wird nun eine Doppelspitze mit reichlich Erfahrung in etablierten Unternehmen übernehmen. Doch ganz verzichten will man auf den Gründer nicht, denn er bleibt Vorsitzender des Verwaltungsrats. Seine Ausstrahlung und sein Charisma sind scheinbar zu wichtig für den We-Konzern. So darf er nun als Maskottchen weitermachen. Der Weg bis zum Billionär und Weltpräsidenten ist von dieser Position ein kleines bisschen länger geworden.

Quelle: ntv.de