Wirtschaft

Turbulenzen am Rohstoffmarkt Warum spielt der Nickelpreis verrückt?

2022-03-08T111704Z_1767749336_RC2BYS9JIB0Z_RTRMADP_3_UKRAINE-CRISIS-LME-NICKEL.JPG

Die russische Firma Nornickel exportiert weltweit am meisten Nickel. Bereits vor der russischen Invasion in die Ukraine herrschten Engpässe, jetzt kommen noch Spekulationen auf einen Ausfall russischer Lieferungen hinzu.

(Foto: REUTERS)

Der Ukraine-Krieg sorgt für Ausnahmezustände am Rohstoffmarkt. Nach einer Preisexplosion von 400 Prozent in wenigen Tagen stoppt die Metallbörse LME den Handel mit Nickel auf unbestimmte Zeit. Sorgen vor Lieferengpässen sind nur ein Grund für diese irre Preisrally.

Es sind turbulente Zeiten: Der Nickelpreis ist innerhalb von Tagen von durchschnittlich 25.000 US-Dollar die Tonne auf bis zu 100.000 Dollar pro Tonne angestiegen, ehe er dann auf rund 50.000 Dollar absackte - das ist ein Kursanstieg von bis zu 400 Prozent. Die Londoner Metallbörse LME setzte deshalb am Dienstag den Handel mit Nickel aus und annullierte nachträglich alle Transaktionen des Tages. Es handele sich um einen "noch nie da gewesenen" Preisanstieg, schrieb die LME in einer Mitteilung.

Warum spielt der Nickelpreis verrückt?

Der derzeit anhaltende Angriffskrieg Russlands in der Ukraine und die damit zusammenhängenden Sanktionen haben Auswirkungen auf den Nickelpreis: Laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe ist Russland nach Indonesien und den Philippinen der weltweit größte Exporteur für Nickel. Das Unternehmen, das weltweit am meisten exportiert, ist die russische Firma Nornickel. Bereits vor der russischen Invasion herrschten Engpässe, am Wochenanfang kamen zahlreiche Spekulationen auf einen Ausfall russischer Lieferungen hinzu.

Wofür wird Nickel gebraucht?

Nickel wird zum Großteil für die Produktion von nichtrostenden Stählen und Nickellegierungen eingesetzt. Dazu gehören Edelstahl, Münzen oder auch E-Gitarrensaiten. Einen kleinen Teil macht zudem die Herstellung von Batterien für Elektroautos aus. Laut der US-Behörde United States Geological Survey wurden 2018 rund 2,4 Millionen Tonnen an Nickel gefördert.

Wie funktioniert der Nickelmarkt?

Nickelproduzenten gehen häufig short (wetten also auf fallende Kurse), damit sie kommende Wertverluste ihrer physischen Bestände absichern können. Am Ende steht ein Nullsummenspiel: Preisbewegungen bei physischen Beständen und Short-Positionen sollen sich in Schach halten.

Die Metallmärkte sind derzeit allerdings fragil, weil viele Lagerbestände wegen der Spekulationen um einen Lieferausfall für viele Metalle aufgekauft worden sind. An den Märkten wird mehr Material gehandelt als physisch vorrätig, weshalb es bei den jetzigen Lagerbeständen zu hohen Margins kommen kann.

Ein Margin ist eine Art Kaution, die für die Absicherung notwendig ist. Wer nicht mitgehen kann, muss die Short-Position aufgeben, auch "Short Squeeze" genannt. Das wiederum führt zu noch mehr Belastung für den Markt.

Warum schloss die LME den Handel?

Der Londoner Nickelmarkt befand sich in einem massiven Short Squeeze. Besonders schlimm betroffen war der chinesische Nickelgigant Tsingshan, der große Produktionsstätten in Indonesien und China besitzt. Die Holding hält eine massive Short-Position im Wert von 100.000 Tonnen auf dem Nickelmarkt der LME.

Weil der Preis in einer solchen Situation immer weiter steigt, standen immer mehr Spekulanten wie Tsingshan unter Druck. Diese kauften Nickel nach, um die Positionen auszugleichen und ihren Einstiegskurs nach oben zu korrigieren. Das wiederum führte zu einem noch höheren Preis. Das Handelssystem an der LME geriet außer Kontrolle, die Börse zog die Notbremse und setzte den Handel mit Nickel aus.

Gab es schon einmal eine ähnliche Situation?

An der LME ist bereits im vergangenen Oktober eine solche Preisexplosion passiert. Allerdings war es dort der Kupferpreis, der in die Höhe schoss. Ein Händler hatte damals die physische Lagerstätte leergekauft und damit viele Short-Positionen und den Kupferpreis in die Höhe gebracht.

Was sind die Auswirkungen der Preisexplosion?

Insbesondere die E-Auto-Branche leidet unter den steigenden Nickelpreisen. Die britische Marktforschungsgesellschaft Globaldata hat vorgerechnet, dass Deutschland daher sein Ziel von 15 Millionen Elektroautos im Jahr 2030 verfehlen könnte. Entwarnung gibt es aber von der Commerzbank: Ihr Analyst Daniel Briesemann sagte gegenüber der dpa, er erwarte eine Beruhigung des Handels, sobald der Short Squeeze durchgelaufen sei. "Dann sollte der Nickelpreis auch wieder deutlich tiefer notieren."

Wie geht es weiter?

Bis Freitag war nicht klar, wann der Handel mit Nickel wieder losgeht. Tshingshang hat sich ein Paket von Krediten gesichert, um Nachschussforderungen begleichen zu können. Damit soll der aktuelle Liquiditätsengpass ausgeglichen werden. Tshinghan-Chef Xiang Guangda sagte, dass ein möglicher Ausstieg aus Wetten gegen Nickel in Erwägung gezogen würde. Dies würde eine komplette Strategieänderung bedeuten, schließlich ist das Shorten im Nickel-Business bislang überaus üblich. Dem Unternehmen drohen selbst bei einem Preis von rund 50.000 Dollar pro Tonne Milliardenverluste.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen