Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 427 Spielen Männer besser Schach als Frauen?

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Begeistert nur wenige Frauen: Mehr als 90 Prozent der Mitglieder in deutschen Schachvereinen sind männlich.

imago/Science Photo Library

Sie heißen Kasparow, Karpow und Lasker, gelten als die berühmtesten Schachspieler überhaupt – und sind männlich. Die beste Frau im Schach belegt aktuell Platz 73 der internationalen Rangliste. Spielen Männer wirklich besser?

Man hört so selten von Spitzenspielerinnen im Schach. Warum? Können sie mit den Männern nicht mithalten oder gibt es andere Gründe? (fragt Florian W. aus Berlin)

Hou Yifan – diesen Namen können Sie sich neben Kasparow und Karpow merken. Immerhin ist Hou Yifan aktuell die beste Schachspielerin der Welt. Die Chinesin erreichte eine Elo-Zahl von 2686. Das ist der Wert, der ihre Spielstärke in Turnieren beschreibt. Zum Vergleich: Die Weltmeisterinnen aus den Vorjahren - Marija Musytschuk, Anna Uschenina und Alexandra Kostenjuk - kamen auf 2563, 2502 und 2557 als beste Elo-Zahlen.

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Sie ist die aktuelle Schachweltmeisterin und war es auch schon von 2010 bis 2012 und 2013 bis 2015: die 22-jährige Hou Yifan aus China.

(Foto: Federació d'Escacs Valls d'Andorra/Wikipedia/CC BY 2.0)

Hou Yifan ist also richtig gut. Und doch belegt sie in der Rangliste aller Schachspieler weltweit, der männlichen und weiblichen zusammen, nur den 73. Platz. "Zum Kreis der wirklichen Topspieler um die Weltspitze herum gehört Hou Yifan nicht", sagt Frank Neumann vom Deutschen Schachbund (DSB). Magnus Carlsen, Schachweltmeister seit 2013, wartet mit einer Bestmarke von 2882 auf. "Betrachtet man die Elo-Zahlen, muss man feststellen, dass sich Frauen nicht gegen Männer durchsetzen", so Neumann.

Nur sieben Prozent Frauen

Dennoch hält der Sprecher des DSB nichts von der Schlussfolgerung, dass Männer womöglich grundsätzlich die besseren Schachspieler sind. Neumann weist vielmehr darauf hin, dass ein objektiver Vergleich gar nicht gelingen kann – denn nur sehr wenige Frauen begeistern sich überhaupt für Schach. "Von den rund 90.000 Mitgliedern, die der Deutsche Schachbund zählt, sind nur sieben Prozent weiblich", betont Neumann.

Dass das der Knackpunkt ist, untermauert eine 2009 veröffentlichte Studie. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die vermeintliche Überlegenheit der Männer im Schach ein statistisches Phänomen ist. Je größer eine Gruppe von Menschen, desto mehr Ausreißer gibt es unter ihnen - in diesem Fall also besonders gute Spieler. Da sehr viel mehr Männer im Schach aktiv sind als Frauen, sind die besten von ihnen die extremen Ausreißer. Gäbe es mehr schachbegeisterte Frauen, wären auch unter ihnen Weltklassespielerinnen.

Mit dem bestehenden Missverhältnis argumentiert auch Tanja Kraus, 1. Vorsitzende des Schachvereins Wattenscheid 1930, als sie von unserer Leserfrage hört. "Dass Männer die besseren Schachspieler sind, kann ich nicht bestätigen", sagt sie. "Um das wissenschaftlich seriös vergleichen zu können, spielen viel zu wenige Frauen."

"Ein Kampfsport, der im Kopf stattfindet"

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Eine von wenigen: Tanja Kraus, 1. Vorsitzende des Schachvereins Wattenscheid 1930, spielt seit ihrer Kindheit Schach.

(Foto: Tanja Kraus)

Kraus selbst ist seit 32 Jahren im Schachverein. Mit dem Nordrhein-Westfalen-Team wurde sie 2015 Deutsche Frauenmannschaftsmeisterin der Bundesländer. Im Team spielt Kraus am liebsten. "Auch wenn jede ihre eigene Gegnerin hat – Schach ist eben eine Einzelsportart –, kann ein Team mit gutem Mannschaftsklima sogar gegen nominell bessere Teams gewinnen", erzählt Kraus. Sie ist begeistert vom Schach, einem "Kampfsport, der aber nur im Kopf stattfindet", wie sie sagt. Doch warum schreckt das anspruchsvolle Brettspiel so viele andere Frauen ab oder zieht sie zumindest nicht an?

Da haben Neumann und Kraus mehrere Theorien. Neumann hat im Schachverein die Beobachtung gemacht, dass das "sehr rationale und mehr oder weniger freudlose Ambiente", das Schachpartien ausstrahlen, viele Mädchen und Frauen davon abhält, intensiver in den Sport einzusteigen. In einer solchen Umgebung fünf Stunden ruhig dazusitzen, sei für Frauen vielleicht nicht so attraktiv, vermutet der Freizeit-Spieler.

Kraus allerdings ist sich sicher, dass es zumindest nicht die Ruhe und Stille sein kann, die Frauen andere Hobbys als Schach wählen lässt. "Dass Frauen lieber reden, als beim Schach stundenlang zu schweigen, ist meiner Meinung nach falsch", sagt sie. "Frauen sind kommunikativer, das stimmt. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es beim Schach eher die Männer vermissen, sich verbal zu äußern und ihre Anspannung loszuwerden."

Abschreckende Atmosphäre?

Eine "eher nüchtern abschreckende Atmosphäre in vielen Vereinen" führt aber auch Kraus an. Sie geht davon aus, dass diese durch die jahrelange Abwesenheit von Spielerinnen entstanden ist. Und tritt einmal eine Frau einem Verein bei, "bleibt sie meist allein unter Männern", so Kraus. "Das gefällt nicht jeder Spielerin."

Gibt es also so wenige Schachspielerinnen, weil es so wenige Schachspielerinnen gibt? Da scheint sich die Katze in den Schwanz zu beißen. Und offenbar ist es auch nicht in jeder Altersklasse so. In jungen Jahren, so Neumanns Beobachtung, sind noch sehr viele Mädchen im Verein aktiv. "Sie spielen genauso gut wie die Jungen und messen sich auch mit ihnen", sagt Neumann. "Aber im Alter zwischen 14 und 18 Jahren verlieren sie dann oft das Interesse am regelmäßigen Training. Sie kommen immer noch, aber nicht mehr so stetig. Wenn man allerdings nicht kontinuierlich trainiert, verbessert sich die Spielstärke nicht und lässt sogar nach. Das demotiviert dann zusätzlich."

Mädchen seien eben sehr vielseitig interessiert, meint Kraus. Meist würden sie mehrere Sportarten und Hobbys betreiben. Das sehr zeitintensive Schach zieht dann offenbar in vielen Fällen den Kürzeren. "Neben den Spielen – das sind an einem Tag sechs bis acht Stunden – kommen noch die Vorbereitung und das Einzeltraining hinzu. Je nach Spielniveau und Ehrgeiz beansprucht das bis zu neun weitere Stunden die Woche", berichtet Kraus.

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Magnus Carlsen ist seit 2013 Schachweltmeister. Seine beste Elo-Zahl: 2882

(Foto: picture alliance / dpa)

Aber intensives, zeitaufwendiges Training ist auch für andere Sportarten nötig – und dennoch ist der Frauenanteil dort oft deutlich höher als beim Schach. Die Zeit also wird nicht das Hauptkriterium sein, das für Mädchen und Frauen gegen das Brettspiel spricht. Doch es gibt noch einen weiteren Aspekt, mit dem das weibliche Desinteresse am Schach zusammenhängen könnte: dem Mangel an Idolen. "In der Schachgeschichte sind die Großen allesamt Männer", sagt Neumann. "Und auch die Lehrbücher wurden von Männern veröffentlicht. Da fehlen den Mädchen und Frauen die Vorbilder."

Dem Phänomen auf die Schliche zu kommen, ist nicht leicht. Und ebenso herausfordernd ist es, etwas dagegen zu tun. Schachvereine entwickeln unterschiedliche Strategien, um die Frauenquote zu steigern. Neumann setzt darauf, den Mädchen ein anderes Ambiente zu bieten. "Wir machen Grillfeste, viele Events außerhalb des Schachs, einfach, damit es geselliger wird und wir das Miteinander fördern." Seiner Erfahrung nach kommt das bei den Mädchen und Frauen gut an. Kraus plädiert dafür, mehr Trainingsmöglichkeiten für reine Mädchen- und Frauengruppen zu schaffen. "Frauen trainieren wohl lieber in Gruppen mit anderen Frauen", meint sie. Auch wäre die bessere Förderung bereits erkannter Talente im Einzeltraining wünschenswert.

Warum Frauen selten gegen Männer antreten

So dient auch die eigentlich nicht nachvollziehbare Trennung von Frauen und Männern bei Turnieren vor allem der Motivation: "Gäbe es lediglich 'offene' Turniere, wo Frauen und Männer gemeinsam spielen, hätten die wenigen Frauen gegen die breite Phalanx von im Schnitt besser spielenden Männern kaum eine Chance auf die vorderen Plätze und die Wahrnehmung von guten Partien ginge unter", sagt Neumann. Deshalb also gibt es eine Frauenbundesliga im Schach, und auch die weibliche Weltspitze tritt überwiegend gegen andere Frauen an.

Das muss nicht so bleiben. Sobald mehr Frauen vom Kindesalter an kontinuierlich und intensiv Schach spielen, können sie die Männerdomäne ordentlich aufmischen. "An Kampfgeist oder Siegeswillen mangelt es Frauen nicht", betont Kraus. Beides ist, ebenso wie Geduld und Konzentration, über Stunden hinweg gefragt beim Schachspiel. Und wer glaubt, dass Schach eine ganz und gar dröge Veranstaltung ist, wird von Kraus eines Besseren belehrt: "Man lernt dabei auch viel über sich selbst: nicht nur, dass eigene oder fremde Fehler spürbar negative Konsequenzen haben können, sondern auch, dass ein schon verloren geglaubtes Spiel auf einmal eine positive Wendung nehmen kann. Beim Schach", so das Fazit der passionierten Spielerin, "ist alles wie im richtigen Leben."

Quelle: n-tv.de

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