Leben
Wer sich nur mit dem umgibt, was ihn glücklich macht, findet innere Ruhe - so die Theorie.
Wer sich nur mit dem umgibt, was ihn glücklich macht, findet innere Ruhe - so die Theorie.(Foto: imago/Westend61)
Mittwoch, 18. April 2018

Innere Ruhe durch äußere Ordnung: Entrümpele dein Leben!

Von Lisa Schwesig

Es ist nicht jedermanns Lieblingsdisziplin, aber oft unumgänglich: Aufräumen. Mithilfe der japanischen Ordnungsexpertin Marie Kondo kann das Entrümpeln aber nicht nur Spaß, sondern auch langfristig glücklich machen. Ein Selbstversuch.

"Ordnung ist das halbe Leben", spricht der deutsche Volksmund. Dass diese jedoch selten ein dauerhafter Zustand ist, weiß das Volk ebenso. Aufräumen kostet viel Energie, Ordnung halten meist noch viel mehr. Glaubt man Marie Kondo, ist der Wunsch nach einem dauerhaft ordentlichen Zuhause aber realisierbar. In ihrem Bestseller "Magic Cleaning" predigt die japanische Aufräumpäpstin das richtige Entrümpeln mit der Konmari-Methode, durch das sich angeblich das "Leben verändert". Doch wie funktioniert das, was sich zunächst simpel und genial anhört, in der Praxis? Der Selbstversuch gibt Antworten.

Die Theorie

Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert
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Das Konmari-Grundprinzip besteht darin, sich in der eigenen Wohnung nur mit Dingen zu umgeben, die einen glücklich machen und sich aller anderen Gegenstände zu entledigen. Dabei ist es nicht leicht, bei Alltagsobjekten wie Rührgeräten oder Verlängerungskabeln über den Glückseffekt zu entscheiden. Je öfter jedoch eine Entscheidung getroffen wird, desto geübter wird der Konmari-Praktizierende. Löst der Anblick der Waage im Badezimmer jeden Morgen Unbehagen aus, gehört sie auf den Wegwerfstapel - Gewichtskontrolle ade! Zaubern die quietschgelben Gummistiefel ein Lächeln auf das Gesicht, auch wenn sie nur selten getragen werden, wandern sie in den Schrank zurück.

Um den Abschied vom eigenen Sammelsurium zu erleichtern, rät Kondo dazu, nach bestimmten Kategorien und mithilfe eines strengen Ablaufplans zu entrümpeln. Alle Dinge einer Gattung gehören auf einen Stapel, um dem Ordnungssuchenden ein aktuelles Bild seines Gesamtbesitzes zu liefern und Entscheidungen über Verbleib oder Rauswurf zu erleichtern. Jedem entrümpelten Gegenstand sollte dabei die gebührende Ehre zuteilwerden: ein Dankeschön für die gemeinsame Zeit. Und weg damit.

Schon ihr Leben lang hat Marie Kondo eine Leidenschaft für Ordnung. Daraus hat sie eine Philosophie gemacht.
Schon ihr Leben lang hat Marie Kondo eine Leidenschaft für Ordnung. Daraus hat sie eine Philosophie gemacht.(Foto: imago/Kyodo News)

Den Anfang machen Kleidungsstücke, da ein Urteil in dieser Gattung meist am leichtesten fällt. Neben den Grundfragen zu Passform, Zustand und Stilidentität steht der Konmari-Leitsatz im Fokus: Macht dieses Kleidungsstück glücklich? Spätestens beim übrig gebliebenen Pullover des Ex-Partners kann die Antwort auf diese Frage knifflig werden.

Abhilfe beim Pullover-Dilemma schafft der Ablaufplan für richtiges Aufräumen. Nach dem Entrümpeln des Kleiderschranks folgen die Privatbibliothek, dann Papiere und Kleinkram und zuletzt Fotos und Erinnerungsstücke. Der Pullover des Ex-Partners könnte daher auch letzter Kategorie zugeordnet werden. Denn wer als Ordnungshüter schon etwas geübter ist, dem fällt die Entscheidung vielleicht leichter. Der Trick sollte allerdings nicht allzu oft angewandt werden - sonst wird das Entrümpeln schnell ad absurdum geführt.

Der Nebeneffekt

Wer seinen Wohnraum entrümpelt, räumt seine Psyche auf. Die Trennung vom Pullover des Ex mag schwerfallen, ist aber möglicherweise notwendig, um Platz für einen neuen Menschen zu schaffen. Ein dauerhaft ordentliches Zuhause mit wenigen ausgewählten Lieblingsgegenständen kann dabei helfen: Denn die Einladung auf einen spontanen Kaffee nach dem ersten Date kommt leichter über die Lippen, wenn die eigene Wohnung kein Tohuwabohu ist. Kondor behauptet, dass sich das Leben ihrer Klienten nach der Aufräumaktion deutlich verbessert hat: Sie seien nicht nur selbstbewusster und entschlossener, sondern hätten auch zu sich selbst gefunden.

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Doch auf die Schnelle ein paar ungeliebte Dinge loszuwerden und dadurch lebensverändernde Wunder zu erwarten, funktioniert nicht. Sechs Monate dauert das gründliche Aufräumen laut der Expertin. Wer sich Schritt für Schritt an die Anleitung hält, wohnt der Konmari-Theorie zufolge irgendwann in einer ruhigen Umgebung, in der alles seinen Platz hat. Denn neben dem richtigen Ablaufplan und dem Glücksprinzip ist das Geheimnis eines aufgeräumten Zuhauses ein festgelegter Ablageplatz: Was nach der Benutzung dorthin zurückkehrt, liegt nicht herum und verbreitet keine Unruhe.

Die Praxis

Sich sechs Monate Zeit zu nehmen und seinen kompletten Wohnraum zu entrümpeln, kostet enorm viel Energie. Das Aufräumen kann zur Herkules-Aufgabe werden, die die gesamte Freizeit in Anspruch nimmt und den Alltag bestimmt. Auszusortieren, wenn gerade Zeit dafür ist, bringt aber nicht den gewünschten Langzeiteffekt.

Wer nicht alleine wohnt, hat ein zusätzliches Problem, denn das eigenmächtige Entrümpeln für den Partner, die WG oder die Kinder ist nicht empfehlenswert. Spätestens bei der Musik- oder Büchersammlung kann man sich schnell uneins sein. Auch Überlegungen, ob das Rührgerät oder das Verlängerungskabel wirklich glücklich machen, können viel Zeit in Anspruch nehmen. Sie trainieren aber letztlich das Wegwerfverhalten.

Unliebsame Geschenke, die bisher nicht den Weg in den Müll gefunden haben, landen nun rasch nach Erhalt in der Tonne. Denn laut der Expertin besteht der Sinn eines Geschenkes darin, jemandem im Moment des Verschenkens eine Freude zu machen. Ist dieser Zweck erfüllt und wird der Gegenstand nicht mehr gebraucht, darf er weggeworfen werden. Das Konmari-Prinzip bereitet damit übelriechenden Kerzen, uninteressanten Büchern und blassmachenden Schals ein Ende - beschwört aber möglicherweise Streit mit dem Schenkenden herauf. Hier ist es Abwägungssache, ob das eigene Selbstbewusstsein für die Wahrheit über den Verbleib des Geschenks ausreicht oder Notlügen nötig werden.

Die Lösung

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Es ist nicht ganz im Sinn der Erfinderin, aber Kondos Methode kann auch in abgeschwächter Form Erfolge liefern. Wer nach und nach bestimmte Bereiche aussortiert, erzielt zwar nicht den Soforteffekt eines dauerhaft aufgeräumten Wohnraums, ist aber generell disziplinierter: Der Abwasch wird nicht erst am nächsten Tag erledigt und benutzte Gegenstände landen schneller wieder an ihrem angestammten Platz. Die bereits geordneten Schubladen, entrümpelten Bücherregale und der gut sortierte Keller steigern auch in kleinen Dosen das Glücksgefühl.

Hat der Konmari-Effekt vollständig eingesetzt und begonnen, die Gedanken um Einrichtung und Ordnung zu bestimmen, wirkt er sich auch auf das künftige Einkaufsverhalten aus: In der Umkleidekabine beherrscht das Glücksprinzip die Gedanken, wodurch die eigene Garderobe im Optimalfall ausgewählter wird und sich automatisch minimiert. Die Konmari-Falttechnik, bei der alle Kleidungsstücke hochkant in den Schränken und Schubladen verstaut werden, schafft zudem den optimalen Überblick.

Und auch mangelnder Stauraum ist laut Kondo kein Problem mehr: "Wenn wir gelernt haben, die Dinge auf die richtige Art und Weise auszuwählen und den Rest wegzuwerfen, bleibt wie durch Zauberhand nur das übrig, was wir mühelos im vorhandenen Stauraum unterbringen können", schreibt die 33-Jährige. Das sei das Prinzip von "Magic Cleaning".

Der Tipp

Ausreden wie "Das kann ich später noch gebrauchen!" lässt die Expertin übrigens nicht gelten. Diese Fälle treten zu selten ein, als dass es sich lohnen würde, dafür Stauraum zur Verfügung zu stellen. Wer beim Ausmisten bereits überlegt, an wem dieses oder jenes Kleidungsstück gut aussehen würde, ist ebenfalls auf dem Holzweg. Denn seine Sachen ohne ausdrücklichen Willen weiterzugeben, verlagert das Problem laut Kondo nur. Dennoch gehört nicht gleich alles Überflüssige auf den Müll: Verschenken (an Willige), verkaufen oder spenden ist ausdrücklich erlaubt.

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Quelle: n-tv.de