Leben
Kelsang Wangmo ging mit 18 Jahren nach Indien und lebt seitdem als buddhistische Nonne in Indien.
Kelsang Wangmo ging mit 18 Jahren nach Indien und lebt seitdem als buddhistische Nonne in Indien.(Foto: imago stock&people)
Donnerstag, 22. März 2018

Buddhas erste weibliche Gelehrte: "Für die Tibeter war ich die weiße Krähe"

Kerstin Brummenbaum reist als junge Frau um die Welt und landet letztlich in einem buddhistischen Kloster im indischen Dharamsala. Dort beginnt sie das Studium des Buddhismus und ist fasziniert. Die junge Frau legt das Nonnengelübde ab und nennt sich fortan Kelsang Wangmo. Jahre später wird ihr der Titel eines Geshe verliehen. Sie ist damit die erste weibliche Gelehrte im tibetischen Buddhismus. Mit n-tv.de spricht sie über ihr Leben als Nonne, über Verzicht und Feminismus.

n-tv.de: Wie leben Sie als buddhistische Nonne?

Kelsang Wangmo: Ich stehe sehr früh auf und gehe sehr früh ins Bett. Das Bewusstsein ist dadurch klarer und die Meditation gelingt besser. Tagsüber übersetze ich buddhistische Schriften ins Englische oder unterrichte. Häufig lese ich bereits Gelerntes erneut, um mich wieder daran zu erinnern. In dieser Zeit sitze ich meistens in meinem Zimmer und habe nicht sehr viele soziale Kontakte.

Sie haben Deutschland als 18-Jährige verlassen. Wie kam es dazu?

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Ich bin nach meinem Abitur viel gereist und wollte herausfinden, was ich studieren möchte. Zunächst war ich in Israel, dann in Asien und bin letztlich nach Dharamsala gekommen. Dort habe ich begonnen, mich für den Buddhismus zu interessieren. Ich wollte mich intensiver mit der Religion beschäftigen und habe in einem langen Findungsprozess beschlossen, Nonne zu werden. Als mir aber das erste Mal der Gedanke dazu kam, hatte ich große Zweifel.

Hatten Sie religiöse Zweifel, weil Sie eigentlich als Christin erzogen wurden?

Ich bin zwar zum Religionsunterricht und zur Kommunion gegangen, habe mich aber schon als Teenager nicht mehr dafür interessiert. Das Christentum ergibt für mich keinen Sinn. Beim Buddhismus ist das ganz anders, denn Dinge werden für mich sinnvoll erklärt. Er ruft dazu auf, kein Vertrauen in Bestehendes zu haben und stattdessen selber zu analysieren. Für mich gibt es sehr große Ähnlichkeiten zwischen den klassischen Naturwissenschaften und dem Buddhismus. Deshalb bezeichne ich den Buddhismus als Wissenschaft des Bewusstseins. Ich würde aber nicht behaupten, der Buddhismus ist die bessere Religion.

Für viele Menschen sind Familie und Partnerschaft das Lebensglück. Als Nonne leben Sie im Zölibat und verzichten darauf.

Vermutlich hätte ich eine Familie, wenn ich keine Nonne wäre. Aber mein Leben fühlt sich erfüllt an. Es ist weder einfach, eine Familie zu haben noch ein spirituelles Leben zu führen. Wer aber dafür die richtige Motivation mitbringt, wird die Erfüllung erleben. Glück ist etwas sehr individuelles.

Wollten Sie Karriere im Buddhismus machen? Immerhin sind sie die erste weibliche Gelehrte überhaupt.

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Ursprünglich wollte ich nur zwei Jahre studieren und tibetisch lernen, um die Texte lesen zu können. Mir waren die Themen immer wichtig und nicht der berufliche Aufstieg zur Geshe. Ich selbst habe wenig damit zu tun, dass mir der Titel verliehen wurde. Für mich gibt es viel wichtigere Dinge als eine steile Karriere oder viel Geld. Das ist alles bedeutungslos, weil es so temporär ist und man letztlich nicht viel davon hat. Stattdessen sollte man sein eigenes Bewusstsein schärfen und schauen, wie man an seinen Schwächen arbeiten kann. Das Lernen und Debattieren während meines Studiums hat meiner Psyche sehr geholfen: Es ist spannend, sich mit seinen eigenen Problemen und Ängsten auseinanderzusetzen.

Empfinden Sie mit ihrem Lebensstil ein Gefühl von Verzicht?

Im Deutschen Sprachgebrauch bedeutet Verzicht, etwas unfreiwillig abzugeben. Als Buddhistin gebe ich etwas ab, weil ich kein Interesse mehr daran habe. Ich darf mich zu nichts zwingen, sonst gibt es später Probleme. Alles muss wirklich Spaß machen. Ich persönlich habe anfangs zum Beispiel nur wenige Minuten meditiert, weil ich mich sonst beim Anblick des Meditationskissens direkt hätte übergeben müssen. Dennoch gibt es Situationen, in denen ich mich zu etwas überwinden muss. Das ist wie beim Sport: Ich habe zwar nicht andauernd Lust darauf, aber es macht Sinn und tut mir gut.

Was besitzen Sie eigentlich noch?

Meine Gewänder, Bücher, Hygieneartikel und elektronische Geräte wie Laptop, Telefon und iPad. Letzteres ist sehr wichtig, denn jemand hat ein Programm entwickelt, das die Übersetzungsarbeit erleichtert. Mein Zimmer in Dharamsala ist nur etwa zwölf Quadratmeter groß und dort sind beinahe alle meine Dinge untergebracht. Für mich ist Besitz eher eine Last. Erst kümmert man sich darum, etwas zu bekommen und dann sorgt man dafür, es nicht zu verlieren. Alle unsere Besitztümer nehmen sehr viel Zeit in Anspruch und das Verwalten hat mir einfach keinen Spaß gebracht. Ich kann nur ein Paar Schuhe tragen und deswegen muss ich auch nicht mehr besitzen. Das ist der Vorteil am buddhistischen Gewand: Es gibt nur eine Farbe und einen Schnitt - für Männer und Frauen. Das macht mein Leben sehr unkompliziert und gibt mir mehr Zeit, mich auf die Philosophie des Buddhismus zu konzentrieren.

Sie waren in Ihrer Buddhismus-Klasse die einzige Frau. War das schwer für Sie?

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Die Mönche waren zwar nett zu mir, wollten aber aufgrund ihres Zölibats nicht viel Kontakt haben. Da das Studium sehr intensiv war und wir viel Zeit in der Klasse verbrachten, war das emotional eine schwere Situation für mich. In der wenigen Freizeit war ich der Außenseiter. Im Tibetischen sagt man dazu "die weiße Krähe". Ich habe mich aber daran gewöhnt, auch weil das Studium mir so viel Spaß gemacht hat.

Lag die Ausgrenzung daran, dass Sie aus dem Ausland kommen oder daran, dass Sie eine Frau sind?

Darüber habe ich nicht nachgedacht. Die Tibeter sind generell sehr störrisch in Bezug auf ihre Kultur, auch wenn der Dalai Lama großen Einfluss auf sie hat und die Gleichheit aller betont. Ursprünglich sind die Tibeter eine Art Kriegervolk und lassen sich nicht gerne etwas sagen. Sie leben seit Jahren in einer schwierigen politischen Situation und die Angst ist bei Tibetern und Tibeterinnen gleichermaßen groß, dass mit Veränderungen viel von ihrer Kultur verloren geht.

Dennoch scheint die Frauenproblematik eine Rolle zu spielen. Im Buch wird beschrieben, dass Sie sogar über eine Geschlechtsumwandlung nachgedacht haben.

Das lag weniger an der Situation in meiner Klasse, sondern daran, dass Mönche ganz tolle Klosteruniversitäten im Süden Indiens besuchen dürfen. Ich hätte auch so gerne dort studiert, aber als Frau geht das nicht. Ich habe oft gedacht, dass ich als Mann dahingehend viel mehr Möglichkeiten gehabt hätte. Ich fühle mich aber dennoch dem weiblichen Geschlecht zugehörig.

Haben Sie einen Rat für Frauen, denen ebenfalls etwas verwehrt bleibt?

Mein Weg zeigt, dass eine Frau Dinge genauso gut kann wie ein Mann. Ich rate Frauen und Männern gleichermaßen dazu, Geduld zu haben und mit Achtsamkeit sowie einer entspannten Haltung am Ball zu bleiben. Bei den Tibetern habe ich gelernt, dass Konfrontation nicht immer der richtige Weg ist. Hätte ich mich in dieser Kultur über manche Dinge aufgeregt, hätte mir das Türen verschlossen. Ich habe gelernt, freundlich und bestimmt zu bleiben. Manchmal muss man abwarten und die Ruhe bewahren statt frustriert zu sein. Frauen sollten sich auch nicht zu sehr mit ihrem Geschlecht identifizieren, denn das schafft häufig eine Kluft zwischen den Geschlechtern. Wir müssen darüber hinaus schauen und jeden einzelnen als Menschen betrachten. 

Mit Kelsang Wangmo sprach Lisa Schwesig

Quelle: n-tv.de