Leben

Jenseits von Klischees Liebeskummer braucht Zeit

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Das Ende einer Liebe ist immer schmerzhaft.

(Foto: imago images/Steinach)

Was tun bei Liebeskummer? Der vorwiegend an Frauen gerichtete Ratgeber-Markt bietet allerlei seichte Titel voller Klischees. Die Journalistin und Autorin Michèle Loetzner ärgerte das - sie hat ein feministisches Gegenstück verfasst, das auch Männern hilft.

"Schreibe seinen Namen mit einem Lippenstift auf ein Stück Papier und verbrenne es!" - derart absurde Tipps las die Journalistin und Autorin Michèle Loetzner in den gängigen Ratgebern für Liebeskummer, ein Thema, mit dem sie sich viele Jahre journalistisch beschäftigte. "Ich war verwundert, dass es zwar so viel Forschung gibt, aber kaum jemand darüber spricht. Die wenigen Bücher, die dazu existieren, mäandern an zwei Polen: Entweder hochwissenschaftlich, wie die von Soziologieprofessorin Eva Illouz, oder schrottig."

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Liebeskummer ist auch für Erwachsene heftig, sagt Michèle Loetzner.

(Foto: Christian Brecheis)

Das liegt vermutlich auch daran, dass der deutsche Buchmarkt hauptsächlich von Käuferinnen geprägt ist. Frauen kaufen grundsätzlich mehr Bücher als Männer, bei Ratgebern ist das Gefälle noch höher. Das heißt, die meisten dieser Bücher sind auf Frauen zugeschnitten, beziehungsweise so, wie Verlage denken, dass sie Frauen am besten ansprechen: pink, mit Herzchen, inhaltlich schlicht. "Da fragt man sich doch: Hallo, ich habe ein gebrochenes Herz, kein gebrochenes Hirn, was soll das?", sagt Autorin Loetzner.

In ihrem Buch "Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen" hat sie ein Programm zusammengetragen, das Frauen mit gebrochenen Herzen ermächtigt, sie ernst nimmt und eben nicht für dumm verkauft. Gegliedert ist der Titel in drei Teile, analog zu den drei Phasen des Liebeskummers: Zurückerinnern, Kompensieren und Loslassen. Das Buch bietet für jeden der 99 Tage einen kurzen Text sowie einen Fragebogen.

Ergänzend gibt es Buchtipps und Erklärungen, zum Beispiel zum Thema "Wie viele Schnäpse hat er getrunken: Warum Frauen anders leiden als Männer". Dabei war Loetzner auch ein feministischer Ansatz wichtig. Sie betont, dass es bei der Wahrnehmung von Feminismus allzu oft das Missverständnis gebe, dass alles, was für Frauen gut sei, für Männer im Umkehrschluss schlecht sein müsse. Das sei Unsinn. "Was für Frauen gut ist, ist meistens auch für Männer gut. An der Art und Weise, wie sich heteronormative Männer und Frauen nach einer Trennung verhalten sollen, sieht man das ganz klar", sagt Loetzner.

Liebeskummerstrategien der Geschlechter

So werde von Frauen gemeinhin erwartet, still zu trauern, Männer hingegen sollten am besten direkt in eine Bar gehen und sich die Nächste aufreißen. "Macht das eine Frau, gilt sie als leicht zu haben. Trauern Männer in Isolation, sind sie Weicheier. Das ist eine direkte Konsequenz des Patriarchats", sagt die Autorin. Das unterschiedliche Verhalten der Geschlechter bei Liebeskummer belegt auch eine Studie der Binghamton University New York mit über 5000 Teilnehmern und Teilnehmerinnen, die im Buch zitiert wird.

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Diese bestätigt: Frauen leiden nach einer Trennung intensiver, dafür kürzer. Männer verdrängen und kompensieren anfangs, gehen dem Schmerz aus dem Weg und schlittern so häufiger in schlimmere Probleme wie beispielsweise Depressionen. "Da, muss man sagen, hat sich das Patriarchat mit seinem Starker-Mann-Getue ordentlich selbst ein Bein gestellt. In der Konsequenz gibt es nämlich mehr männliche Langzeitsingles und Männer mit Bindungsschwierigkeiten", sagt Loetzner.

Auch wissenschaftlichen Fakten zu Liebeskummer gibt die Autorin Raum. Traumapatienten weisen ähnliche körperliche Reaktion auf wie Menschen, die ein gebrochenes Herz haben, fand der Psychiater Günter H. Seidler heraus. Er war früher Leiter der Sektion Psychotraumatologie im Zentrum für Psychosoziale Medizin am Universitätsklinikum Heidelberg und benennt unter anderem Schlafprobleme, mangelnden Appetit und Gedanken, die immer um das Gleiche kreisen.

"Herzschmerz ist brutal"

Forscher stellen immer wieder fest, dass sich soziale und physische Schmerzen im Hirn überlappen. So gibt es viele Studien, die belegen, dass Schmerzmedikamente wie Paracetamol oder Ibuprofen auch bei Liebeskummer wirken können. Denn Schmerztabletten schränken die neuronale Aktivität im limbischen System ein - in dieser Funktionseinheit des Gehirns werden Emotionen verarbeitet, auch Triebverhalten entsteht hier. Loetzner betont, dass sie nicht dazu rät, Ibuprofen oder Ähnliches gegen Liebeskummer zu nehmen. "Im Gegenteil: Das ist gefährlich. Aber ich kann verstehen, dass sich Menschen mit Liebeskummer eine Pille wünschen, die diesen grausamen Zustand erleichtert. Die gibt es aber nicht", so die Autorin.

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Viel zu oft werde Liebeskummer noch bagatellisiert. Schon die Bezeichnung klinge eher nach einem Teenagerleiden als nach einem Zustand, der selbst Erwachsene zeitweise völlig aus der Bahn werfen kann. Wieso reden wir ihn also klein? "Das ist eine Schutzreaktion. Herzschmerz ist so brutal, damit wollen wir nichts mehr zu tun haben, sobald er uns nicht mehr betrifft. Liebeskummer anderer erinnert uns an unseren eigenen, davon wollen wir uns direkt distanzieren", so Loetzner. "Dabei ist nichts an Liebeskummer klein und albern. Das darf man sich nicht einreden lassen."

Wer übrigens hofft, die 99 Tage im Buch an einem Wochenende durchzuarbeiten, muss leider enttäuscht werden: Ein klassischer Liebeskummer dauert ungefähr drei Monate, so die Autorin: "Auch wenn das eine sehr unsympathische Feststellung ist: Liebeskummer braucht ein bisschen Zeit."

Quelle: ntv.de