Leben

"Umwege sind auch Wege" Stark, stärker, Annabelle Mandeng

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Geht ihren Weg: Annabelle Mandeng. Film, Synchron, Moderation - was macht sie eigentlich nicht? Singen - noch nicht.

(Foto: imago images/Future Image)

Wer die Lebensgeschichte von Annabelle Mandeng liest, bekommt ein Gefühl dafür, was unermüdlicher Kampfgeist bedeutet. Ihre Stärke, Disziplin und die Eigenschaft, immer einen Schritt nach dem anderen zu gehen, ohne sich aufzugeben, sind inspirierend. Geprägt von drei Kulturen, hat sie einen klaren, weiten Blick auf die Welt. Es gelingt ihr nach diversen Steinen, die ihr vom Schicksal in den Weg gelegt wurden, schließlich, einen Fuß in die Fernsehwelt zu setzen. 1994 wird sie die erste deutsche Schwarze Moderatorin im deutschen Fernsehen. Doch wer denkt, dass ihr das reichen würde, der irrt: Für die Allrounderin ist Abwechslung das A und O. Sie verkauft ihre Bilder auf Ausstellungen, gründet ein Modelabel und wird Synchronsprecherin. Über Rassismus, Talent und Kampfgeist spricht sie mit ntv.de.

ntv.de: Wenn man denkt, dass es einem ganz dreckig geht - wenn man zum Beispiel eine Erkältung hat, so einen richtig amtlichen Schnupfen, so wie ich gerade, und schrecklich leidet, und dann dein Buch liest - dann ist das irre hilfreich, weil es die Dinge mal wieder geraderückt: Es ist nur ein Schnupfen. Andere, wie du, haben viel Schlimmeres erlebt und erlitten.

Annabelle Mandeng: (lacht) Naja, ich hoffe aber, dass da nicht die ganze Zeit ein erhobener Zeigefinger mitschwingt und das Lesen trotzdem ein bisschen Spaß gemacht hat.

Absolut. Es liest sich rasant, wie du schauspielerst, modelst, malst, moderierst. Meine Frage jetzt wäre: Wann fängst du an zu singen?

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(lacht) Ohne Witz, das habe ich tatsächlich noch vor! Ich habe auf der Reeperbahn früher in "Angies Nightclub" im Background geträllert. Und ich denke auch, meine Sprechstimme - die ja total trainiert ist durch das Synchronsprechen, das in den letzten Jahren auch immer mehr wurde - würde es wahrscheinlich hergeben, zu singen. Aber irgendwie habe ich den Schritt noch nicht gewagt.

Auf Seite 118 habe ich mir jedenfalls den besonders bemerkenswerten Satz "Ich war angekommen in meinem Unstetsein" unterstrichen …

Ja, da musste ich auch lange drüber nachdenken. Aber das bin ich. Ich habe das Buch ja ganz alleine geschrieben, mit Lektorin natürlich für den Feinschliff, aber das ist meine Sprache, das sind original meine Sätze, und deswegen stimmt es auch, dass 'mich nicht zu entscheiden' meine Entscheidung ist. Ich brauche die Abwechslung zwischen Schauspiel, inzwischen auch auf internationaler Ebene, ausgewählten Moderationen und Synchron. Das finde ich perfekt für mich.

Du strahlst eine irre positive Energie aus - man kaum fassen, dass du all das, was in deinem Buch steht, tatsächlich erlebt hast.

Es steckt tatsächlich auch eine Menge Arbeit dahinter. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich reflektiert, was tut mir gut, was tut mir nicht gut. Das hat mich gestärkt. Ich wusste immer, dass ich da rauskomme, auch wenn es mir noch so schlecht ging. Ich lasse aber trotzdem zu, dass ich auch mal schwach werde, ich bin ja kein Super-Hero. Meine Super-Hero-Kraft ist, dass ich Schwäche zulassen kann. Und dass ich aus Rückschlägen, seien sie psychischer, physischer oder wirtschaftlicher Natur, lerne. Aber natürlich denke ich auch mal, dass ich etwas nicht schaffen kann. Doch dann habe ich meine Leute um ich. Allen voran natürlich mein Mann, meine engsten Freunde, die ich zwischen 20 und 47 Jahren kenne, und meine Leute von der Agentur, die ebenfalls seit Jahren an meiner Seite sind. Die wissen auch ganz genau, wann sie mich mal in Ruhe lassen müssen (lacht).

Du wirkst meist sehr tough …

… ja, und das stimmt dann auch so. Aber ich kann auch sehr fragil sein, wenn man mich im entsprechenden Moment erwischt. Und dann heule ich auch mal wie ein Schlosshund. Ich habe die Energie ja nicht einfach so, die erarbeite ich mir. Zum Beispiel war ich heute laufen, auch wenn ich gar nicht viel Zeit habe, und auch, wenn ich mein Asthmaspray vorher benutzen muss, weil der Wetterwechsel mir ganz schön auf die Lunge geht - ich brauche meine Bubble, meinen Ausgleich. Wenn ich den nicht bekomme, dann haut es mich früher oder später um.

Sport brauchst du zum Leben, ist mein Eindruck. Du bist in manchen Phasen deines Lebens sogar deine eigene Physiotherapeutin gewesen ...

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Sie hat ganz schön was hinter sich, aber noch viel mehr vor.

(Foto: imago images/Future Image)

Ich habe das Buch ja vor allem deswegen geschrieben, weil ich zeigen wollte, dass man auch aus der schlimmsten Situation wieder hinauskann. Vorausgesetzt natürlich, es stehen dem keine chronischen medizinischen Umstände im Weg. Ich weiß, dass es viel schlimmere Schicksale als meines gibt! Aber für mich persönlich war vieles, was mir zugestoßen ist, dennoch traumatisch. Trotzdem habe ich mich da rausgeboxt und würde es auch immer wieder tun. Ich versuche daher auch immer wieder, Menschen in meinem Dunstkreis zu motivieren, etwas für sich zu tun, denn es wäre wirklich schade, wenn man irgendwann merkt, dass man einiges nicht mehr machen kann, bloß weil man zu faul war. Es ist ein Geschenk, agil sein zu können, das wählen zu können. Selbstbestimmt zu sein gibt einem die Möglichkeit und die Macht, seine Fitness und Gesundheit eigenständig zu steuern. Durch meine Krankheiten und Operationen habe ich - offen gesagt - bereits in meinen Zwanzigern angefangen, auf mein Alter hinzuarbeiten. Aber es ist nie zu spät, Muskeln wachsen zum Beispiel auch noch mit 90, nur eben langsamer.

Dir wurde bereits mit Ende 20 gesagt, dass der Zug in Sachen Schauspielerei abgefahren ist …

(lacht laut) Ja, unglaublich oder? Stell dir mal vor, ich hätte das geglaubt. Aber tatsächlich wurde Frauen damals noch mit auf den Weg gegeben, dass sie es nicht mehr schaffen werden, wenn sie nicht mit 30 als Schauspielerin etabliert sind. Das hat sich zum Glück geändert mittlerweile. Es werden unterschiedlichste Besetzungen gebraucht, die Branche ist endlich im Umbruch, und davon profitiere ich. Wenn es noch so wäre wie vor 20 Jahren, als mir das gesagt wurde, dann hätte ich umsatteln müssen. Ich habe mir immer gedacht, dass ich einfach ein bisschen länger brauche. Aber dafür eben aus eigener Kraft. Und immer mit dem Anspruch, mir selbst treu zu bleiben.

Du machst anderen mit diesem Buch sicher Mut …

Das war die Intention! Und auch der Zeitpunkt war so gewählt, da ich jetzt 50 bin. Als Frau hat man in dem Alter einfach ein anderes Standing. Man ist glaubwürdiger. Davor hätte ich so ein autobiografisches Buch ein bisschen peinlich gefunden - auch, wenn ich schon vorher immer viel zu erzählen hatte (lacht).

Du schreibst: "Ich definiere mich nicht über meine Hautfarbe." Eigentlich logisch, ich ja auch nicht. Aber ich lebe in Deutschland und nicht in beispielsweise Ghana. Dennoch - unvorstellbar, dass einige Menschen immer noch meinen, andere aufgrund ihrer Hautfarbe runtermachen zu können. Die Entwicklung in Richtung "kleingeistiges Arschloch" scheint ungebremst voranzuschreiten …

Das ist leider so, tatsächlich. Da habe ich in letzter Zeit echt ein paar unschöne Diskussionen gehabt. Denn ja, es ist nicht möglich, dass eine weiße Frau wirklich wissen kann, wie sich eine Schwarze Frau in bestimmten Situationen fühlt. Einfach aufgrund dessen, dass Weiße Menschen global privilegiert sind und Schwarze Menschen nun einmal nicht. Es geht nicht darum, Weiße Menschen auszuschließen, wenn wir uns in der Community treffen und austauschen. Viele Schwarze Frauen haben Diskriminierungen in einer Form erfahren und tun es noch, sodass sie das Bedürfnis haben, sich austauschen zu können, ohne sich erklären oder rechtfertigen zu müssen. Das muss einfach akzeptiert und respektiert werden. Es geht nicht um einen Wettbewerb, darum, dass Weiße Menschen auch viel Schlimmes erfahren können. Seine Hautfarbe kann man nicht ablegen. Das ist der Unterschied. Wir sind hier in Deutschland - beziehungsweise in allen Weiß-dominierten Gesellschaften - immer sichtbar. Das muss unbedingt verstanden werden. Dennoch gehören wir alle gemeinsam in die jeweilige Gesellschaft und müssen einen Weg finden, dass wir harmonisch und respektvoll koexistieren. Daran arbeiten wir alle, das ist deutlich. Und das ist super! Und sollte es dazu Fragen geben, egal auf welcher Seite, dann sollte man einfach fragen oder sagen: "Ich bin unsicher, was dies und das betrifft, kannst du mir helfen?"

Für wen ist dein Buch?

Für Menschen in meinem Alter, aber vor allem auch für die, die zwischen 20 und 30 sind und nicht genau wissen, wohin sie mit sich sollen. Denen möchte ich Mut machen und sagen, es ist egal, wie alt du bist, du kannst es schaffen. Und: Du kannst auch mit 80 noch anfangen, etwas zu verändern. Ich lerne jetzt Kickboxen und Martial Arts, das macht erstens Spaß und zweitens kann ich es auch in meinen Rollen gebrauchen.

Mit Annabelle Mandeng sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de, Annabelle Mandeng

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