Leben

Sütterlin lesen und schreiben Wenn Schnörkel plötzlich Sinn ergeben

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Alte Rezepte, zum Beispiel für Zimtsterne, sauber aufgezeichnet in Sütterlin.

(Foto: imago/Westend61)

Auf Dachböden oder in Kellern stehen bei vielen Menschen Kartons mit Schriftstücken ihrer Vorfahren. Viele dieser Zeugnisse, Briefe oder Rezeptbücher sind noch gut erhalten, lesen kann sie aber kaum einer. Um das zu ändern, bietet Gesa Füßle Kurse an, in denen man die Sütterlinschrift lernen kann.

Das Papier ist schon vergilbt, die Schrift verblasst. Aber daran allein liegt es nicht, dass viele alte Dokumente unleserlich sind. Der Grund ist vielmehr, dass sie in den alten deutschen Schriften Sütterlin oder Kurrent verfasst wurden. Und das kann heute kaum noch jemand lesen oder gar schreiben. Gesa Füßle gehört zu denen, die die Schriften beherrschen, und bringt anderen vor allem Sütterlin bei.

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Bei ihr melden sich immer wieder Menschen, die auf den Dachböden ihrer Großeltern alte Briefe, Dokumente oder Rezepte finden und ratlos auf diese Papiere schauen, erzählt Füßle ntv.de. Schon als Kind hat sie sich mit Schriften beschäftigt, am liebsten mit Geheimschriften. "Ich war noch in der Schule, als mir ein Sütterlin-Lehrbuch in die Hände fiel. Damit habe ich mir das beigebracht, einfach so aus Spaß." Später studierte sie Mediävistik und entzifferte isländische Handschriften und Runen. "Schriften waren einfach schon immer mein Ding."

Aus ihrem privaten Bekanntenkreis kam immer öfter die Bitte, Sütterlingeschriebenes zu "übersetzen". Also entschloss sich die 44-Jährige, Kurse anzubieten. Normalerweise kommen Interessierte für einen Tag oder ein Wochenende in Füßles Haus an der Elbe. In Corona-Zeiten hat sie ihre Lehreinheiten auf ihren Blog und den Instagram-Account verlegt. Das Vorgehen beim Schreibenlernen bleibt jedoch das gleiche.

"Meine Erfahrung ist, dass das Lesen leichter fällt, wenn man es selbst schreiben kann", sagt Füßle. "Deshalb fange ich damit an, den Leuten das Schreiben beizubringen." Wie die ABC-Schützen schreiben die Kursteilnehmenden Buchstaben, kleine und große, nach Vorlage. Später dürfen alle Gegenstände im Haus mit Post-its beschriftet werden. Dann werden kleine Briefe geschrieben, um mehr Gefühl für die Schrift zu entwickeln und erste Sätze zu lesen.

Erleichterungen für ABC-Schützen

Ihren Namen verdankt die Schrift dem Grafiker Ludwig Sütterlin, der 1911 vom preußischen Kultusministerium den Auftrag bekam, die bis dahin gebräuchliche und schwer zu schreibende Kurrentschrift zu "modernisieren". Das Problem, das sich Kinder mit dem Schreiben schwertaten, gab es offenbar damals schon. Die neue Schrift wurde gerader, weniger verschnörkelt, das Verhältnis der Ober- zu den Unterlängen war nun 1:1:1 statt bisher 3:1:3.

Ab 1915 war Sütterlin in Preußen verbindlich die Schrift, die in den Schulen gelehrt wurde. Nach und nach zogen bis zum Ende der 1920er-Jahre die anderen Kleinstaaten nach. 1941 verboten die Nationalsozialisten die gebrochenen Schriften, darunter auch Sütterlin. Von diesem Zeitpunkt an wurde die deutsche Normalschrift gelehrt.

Bisher hat Füßle ihr Wissen vor allem auf Tagungen weitergegeben. "Je nach Schwerpunktthema ist es da nicht nur ein privates Interesse, sondern ein echter Bedarf." Viele HistorikerInnen lernen die Schrift nicht mehr an der Uni, brauchen sie aber, um historische Quellen lesen zu können. Das fehlende Wissen können regionale Sütterlin-Sprechstunden oder einzelne ehrenamtliche Helfer in Bibliotheken kaum ausgleichen.

"Wenn man es erstmal kann, ist der Unterschied zur jetzigen Schreibschrift nicht so groß", meint Füßle. Das Schriftbild sei einfach ungewohnt. "Das geht damit los, dass die kleinen runden Buchstaben, also a und o, oben offen sind. Vieles ist verschnörkelter, das H hat zum Beispiel sehr viele Kringel nach oben und unten. W, M und N sehen einfach anders aus als unsere jetzige Schreibschrift." Es gebe aber auch viele Buchstaben, die identisch sind, L und I beispielsweise. Nur, wenn man die Schrift noch nie gesehen hat, erschließt sie sich eben nicht von allein.

Unleserliche Dokumente

Bei Füßle melden sich vor allem Menschen, die tiefer in die eigene Familiengeschichte eintauchen wollen. "Viele haben Dokumente zu Hause und sagen, da ist irgendwas und ich würde gern wissen, was da steht, aber ich kann es nicht lesen", erzählt die Lektorin und Übersetzerin. Bei einem Rezeptbuch mag es noch gehen, dass sich jemand Fremdes in den Text vertieft, "aber Briefe aus dem Zweiten Weltkrieg möchte man vielleicht lieber allein lesen". Denn man wisse ja nicht, was einen erwartet.

"Eine Teilnehmerin hatte die Liebesbriefe von ihren Urgroßeltern, und zwar beide Seiten." Das sei sehr anrührend gewesen, als die Frau diesen Briefwechsel endlich lesen konnte. Je privater die Aufzeichnungen sind, umso unleserlicher wird es meist. "Du brauchst Zeit und Geduld und musst manchmal auch einfach nur 20 Minuten auf einen Text starren", ist die Erfahrung von Füßle. "Sobald man ein Gefühl dafür bekommen hat, fügt sich der Rest wie von selbst zusammen."

Sie selbst hat einen großen Vorrat an alten Dokumenten, die zum Teil sehr gut zu lesen sind. Darunter sind auch Briefe, die sich ihre Großmutter und deren Bruder geschrieben haben. Der Bruder hatte gerade Abitur gemacht und war zum Studium von zu Hause weggegangen. Mit diesen Briefen kann Füßle heute in den Alltag vor fast 100 Jahren eintauchen. "Dass man mit dem Flugzeug 1927 von Freiburg nach München fliegen konnte, war mir neu."

Wahrscheinlich sei von der Nachkriegsgeneration viel weggeworfen worden, weil man sich damit gar nicht beschäftigen wollte, meint Füßle. Was heute noch auf den Dachböden oder in Kisten liegt, hielt also jemand für aufschreibenswert und ein anderer für aufhebenswert. Trotzdem ist nicht immer interessant, was man schließlich lesen kann.

Füßle findet es dennoch lohnend. "Ein Teilnehmer brachte ein Kochbuch von 1909 mit, die Rezepte waren selbst nach dem Entziffern kaum verständlich, weil wesentliche Informationen fehlten." Letztlich waren dort unter der Überschrift: "Bester Gugelhupf!!" die Mengen der meisten Zutaten angegeben, aber keinerlei Temperaturangaben. Beim Zucker stand lapidar: "nach Geschmack". Ob das so der beste Gugelhupf wird, ist die Frage, "aber es macht auch einfach Spaß zu gucken, was für Rezepte haben sie überhaupt benutzt und was fanden sie wichtig genug, um es aufzuschreiben".

Quelle: ntv.de