Leben

Von Tabus und "Das ist pervers!" Wie redet man als Paar über Sex?

imago0099168567h.jpg

Es ist wichtig, sich als Paar über seine Sexualität auszutauschen - dabei geht es nicht in erster Linie um Fantasien wie Dreier oder Blowjob-Techniken, sondern um das, was einem Spaß macht und was nicht.

(Foto: imago images/macniak)

In Filmen wird es ständig getan, in Songs auch. Aber selbst mit dem Partner über Sex reden? Das fällt vielen schwer. Dabei kann Sex besser werden, wenn man drüber spricht. Etwa, worauf man steht und worauf überhaupt nicht. Aber wie, wann und wo? Im Bett selbst jedenfalls auf keinen Fall, sagt eine Psychologin.

Paare, die über ihren gemeinsamen Sex sprechen und eventuelle Wünsche und Vorlieben artikulieren, sind erfüllter. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Schließlich ist es wie fast überall im Leben: Wer über seine Wünsche spricht, hat größere Chancen darauf, dass sie erfüllt werden. Aber warum fällt den meisten Menschen das vor allem dann schwer, wenn es um Sex geht?

Die Hamburger Psychologin Nele Sehrt sieht hier vor allem das Risiko als Grund, das man mit einem solchen Gespräch eingeht: "Es kann eine ganz schöne Herausforderung sein, mit jemandem über Sex zu sprechen, mit dem ich mich verbunden fühle", sagt sie. "Immerhin riskieren wir ja auch viel - beispielsweise Zurückweisung, Ablehnung oder Disharmonie."

Über Sex reden - für viele ein Tabu

Auch Carsten Müller, Sexual- und Paartherapeut aus Duisburg, erlebt es oft, wenn Menschen in seine Praxis kommen. Sex ist für sie gleich einem Tabu-Thema. "Sexualität ist immer noch etwas, das Scham auslöst. Dabei ist sie, für viele Menschen, ein Grundelement für eine dauerhafte Zufriedenheit in der Partnerschaft." Und deswegen muss über sie gesprochen werden, sagt Sexualmediziner Georg Pfau aus Linz in Österreich: "Tatsächlich beruhen viele sexuelle Störungen auf einem Kommunikationsdefizit", sagt er und geht sogar noch weiter: "Erst, wenn man darüber reden kann, ist Sexualität möglich."

Redetabus seien somit auch Handlungstabus. Pfau nennt zugleich Gründe dafür, warum es einigen Menschen nicht leichtfällt, über ihre sexuellen Wünsche und Sex im Allgemeinen zu sprechen: Das liege vor allem an einer sich verändernden Wahrnehmung über Sexualität: "Wir leben in einer übersexualisierten Welt. Sex ist immer und überall."

Jedoch gleichzeitig auch in einer untererotisierten und unteremotionalen Welt. Das heiße, dass es vielen Menschen relativ leichtfalle, über technische Abwicklung von Sexualität zu reden. "Über Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen, fällt hingegen schwer. Vor allem dann, wenn der Verdacht besteht, sie seien außergewöhnlich."

Porno-Fantasien? Es geht eher um Art der Berührung

imago0115986118h.jpg

Manche mögen es, etwas härter angefasst zu werden, andere überhaupt nicht - das sollte man auf jeden Fall vorher klären.

(Foto: imago images/Westend61)

Dabei sei es so wichtig, sich als Paar über seine Sexualität auszutauschen, findet Sehrt. "Damit meine ich gar nicht plakativ Porno-Fantasien wie Dreier oder bestimmte Blowjob-Techniken." Laut ihr gehe es oft erstmal darum, was miteinander Freude bereitet und dazu führt, dass das Gemeinsame intensiviert wird. "Das fängt schon bei der Art der Berührung an, bei dem Zauber des ersten Blicks und beim Thema Verführung."

Über Sex zu sprechen, findet Müller immens wichtig: "Man redet doch auch über andere Wünsche wie Urlaube oder so. Erst einmal ist Sex ein reines Sachthema, wenn es darum geht, darüber zu sprechen." Aber wie stellt man das als Paar am besten an, ohne dass das Gespräch komisch, erniedrigend oder gar peinlich wird? Hier setzt Müller zum Beispiel darauf, Druck rauszunehmen: "Sex muss gar nicht immer etwas Besonderes sein." Aber er sei eben besser, wenn man darüber spricht.

Den benannten Druck nehme man heraus, wenn man ganz offen über seine Wünsche spricht. Und das sollte im besten Fall so sein, wie man es bei anderen Dingen auch tut. Bei der Wahl des Essens etwa: "Wenn ich zum Beispiel weiß, dass mein Partner Spaghetti Bolognese super findet, dann werde ich das vielleicht auch mal zwischendurch kochen. Auch, wenn ich selbst gar keine Lust darauf habe. Ich koche es aber dennoch, weil ich meinem Partner etwas Gutes tun möchte." Und so sei das bei Sexualität im besten Falle auch.

Im Bett über Sex reden? Auf keinen Fall

Den Vergleich zum Lieblingsessen zieht auch Sehrt: "Sexualität ist etwas ganz Natürliches, was ebenso kommuniziert werden kann und sollte wie die eigenen Vorlieben beim Essen." Und wo spricht man als Paar am besten über Sex? Am Ort des Geschehens, also im Bett? Auf keinen Fall, da sind sich die Experten einig. "Ein solches Gespräch sollte am besten außerhalb der sexuellen Aktion stattfinden", sagt zum Beispiel Nele Sehrt.

Georg Pfau hält aber auch den Frühstückstisch für einen schlechten Ort: "Da sind die meisten Leute nicht bereit, über Sex zu reden." Und unmittelbar vor dem Sex sei eben auch nicht gut. Das sieht auch Carsten Müller so: "Es ist wichtig, dass ein solches Gespräch an einem neutralen Ort und in einer neutralen Situation stattfindet."

Nicht jede Fantasie raushauen, die man hat

Dafür könne das Paar vielleicht sogar einen Termin ausmachen. Dann finde ein bewusstes Erleben von Partnerschaft statt. Und das schaffe Nähe. "Dabei geht es aber nicht darum, jede Fantasie rauszuhauen, die man hat. Es darf auch Dinge geben, die ich dem anderen nicht erzähle."

Pfau rät, vorher dafür zu sorgen, ungestört zu sein und ein erforderliches Ambiente zu schaffen. Und dann geht es darum, die richtigen Worte zu finden: Eine Idee sei laut Müller, dem Partner vorzuschlagen, drei Fragen zu entwickeln, die wechselseitig beantwortet werden können. "Zum Beispiel: Wie benennen wir unsere Geschlechtsteile? Welche Orte mögen wir? Lassen wir lieber das Licht an?" Ein solches Gespräch sollte nicht nur einmal stattfinden.

"Das ist ja pervers" ist eine Killerphrase

"Sexualität ist etwas, womit man nie fertig ist", sagt Carsten Müller. Und es ist etwas, was immer wertschätzend kommuniziert werden sollte, sagt Nele Sehrt: "Das ist wesentlich, damit man einander auch zuhören kann." Georg Pfau warnt vor Killerphrasen bei Gesprächen über Sex: "Das ist ja pervers" zu sagen, wenn der andere einem über seine Wünsche erzählt, sei mehr als kontraproduktiv. Eine bessere Aussage wäre hier: "Steh ich nicht so drauf."

Schaffe man es, mit seinem Partner offen, ehrlich und vor allem wertschätzend über Sex zu sprechen, dann bringe das eine Menge Vorteile mit sich, sagt Nele Sehrt. "Aber es ist eben auch eine Herausforderung. Es erfordert eine gewisse Selbstreflexion, sich mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzen. Es erfordert Mut, über die eigenen Bedürfnisse zu sprechen."

Und man müsse auch Ängste überwinden, eventuell in seiner Sexualität nicht angenommen zu werden. Aber das sei ein wesentlicher Teil einer Partnerschaft: Die Nichterfüllung - und die biete auch große Entwicklungschancen.

Quelle: ntv.de, Suria Reiche, dpa

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.