Was läuft da falsch?28 Tote bei Ausbrüchen in Berliner Heimen

Immer wieder kommt es in Berliner Pflegeeinrichtungen zu tödlichen Corona-Ausbrüchen. Jetzt trifft es dort erneut drei Heime, 28 Bewohner sterben, mehr als 200 Menschen sind infiziert. Hygienekonzepte wurden angeblich eingehalten, aber nicht nur die Personalnot in den Häusern ist groß.
Die zweite Welle der Corona-Pandemie trifft in Berlin die Seniorenheime besonders hart. Immer wieder meldet die Hauptstadt seit Herbstbeginn neue verheerende Ausbrüche in ihren Pflegeeinrichtungen. Jetzt werden erneut Vorfälle in drei Heimen bekannt, denen bisher insgesamt 28 Menschen zum Opfer gefallen sind, mehr als 200 Bewohner und Mitarbeiter wurden infiziert.
Informationen des "Tagesspiegel" nach starben in einer Stiftung in Berlin-Wilmersdorf neun, in einer Mariendorfer Einrichtung sechs, in einem Heim in Marzahn-Hellersdorf sieben und in einem Reinickendorfer Heim sechs Bewohner. Die Betreiber beteuern, die Hygieneregeln eingehalten zu haben, müssen aber einräumen, zu wenig Personal für die Umsetzung oder andere Probleme zu haben.
Rückverfolgung schwierig
Der Charlottenburg-Wilmersdorfer Gesundheitsstadtrat Detlef Wagner ist Aufsichtsrats-Chef der Wilmersdorfer Stiftung. Er sagt, das Haus habe seit Beginn der Pandemie ein sehr strenges Hygienekonzept verfolgt. Wie das Virus letztlich doch ins Heim kam, sei bislang nicht geklärt - zuerst seien aber Mitarbeiter infiziert gewesen, so Wagner. Die Rückverfolgung gestalte sich schwierig, weil viel Fälle asymptomatisch verlaufen seien.
"Wenn wir glauben, dass jemand Corona hat, dann kriegen die Pfleger den Hinweis, dass sie höllisch aufpassen - sobald Atemwege oder Kreislauf angegriffen sind, wird die Feuerwehr für den Transport ins Krankenhaus gerufen", erklärt Wagner. Die Pflegekräfte hätten die Anweisung, Zimmer nur mit FFP2-Masken zu betreten, Hände würden beim Raus- und Reingehen in die Zimmer desinfiziert.
Große Personalnot
Wagner muss allerdings zugeben, dass die Personaldecke in der Seniorenstiftung "sehr dünn" ist und die Situation durch Quarantänemaßnahmen nochmals verschärft wurde. "Die Arbeitsbelastung und der Stress sind momentan sehr hoch - deshalb will ich nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass immer alle Regeln eingehalten wurden", so der Stadtrat. Der Geschäftsführer habe ihm geschrieben, man stehe "mit dem Rücken zur Wand", was die Personallage betreffe.
Auch der Leiter des Mariendorfer Seniorenheims, Ulf Scharnweber, kann sich nicht erklären, wie sich das Virus in seiner Einrichtung so stark ausbreiten konnte. Mitarbeiter hätten FFP2-Masken tragen und täglich Schnelltests machen müssen. Die Bewohner seien dreimal die Woche getestet worden.
Am 11. Dezember seien Tests bei einer Bewohnerin und einem Mitarbeiter positiv ausgefallen, sagte Scharnweber dem "Tagesspiegel". Trotz sofortiger Meldung ans Gesundheitsamt seien aber erst fünf Tage später in dem Heim PCR-Tests durchgeführt worden. Der zuständige Gesundheitsstadtrat sagt allerdings, es habe schon früher PCR-Tests gegeben.
Auch das Mariendorfer Heim kämpft durch die Quarantäne von Mitarbeitern mit massiven Personalproblemen. "Es knirscht überall, und wir hangeln uns von Schicht zu Schicht", sagt Scharnweber. Hinzu komme, dass viel Bürokratie erledigt werden müsse.
Mangelnde Koordination
Der Heimleiter spricht außerdem einen weiteren Missstand in der Hauptstadt an. Im Sommer habe Berlin versäumt, auf Landesebene ein einheitliches Verfahren zu vereinbaren und eine gemeinsame Plattform für die verschiedenen Ämter und Einrichtungen einzurichten. "Man hat uns Pflegeheime einfach vergessen", sagt Scharnweber.
Der Ausbruch in einem Seniorenheim in Marzahn-Hellersdorf wurde ebenfalls durch Schnelltests aufgedeckt, und der Chef der Einrichtung sagt, seit Pandemie-Beginn würden "strenge Schutzvorkehrungen und Hygienemaßnahmen" gelten. Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle sagte dem Tagesspiegel" aber, es habe offensichtlich Mängel gegeben, "sonst hätte es nicht zu diesem Ausbruch kommen können."
"Minimale Auffälligkeiten"
Bei Kontrollen des Gesundheitsamtes habe es nur "minimale Auffälligkeiten" gegeben, beispielsweise habe ein Mitarbeiter bei der Essensausgabe keine Handschuhe getragen. Allerdings habe der Amtsarzt im Rahmen der Testungen darauf hinweisen müssen, positiv und nicht positiv getestete Bewohner räumlich getrennt unterzubringen.
Wie die beiden anderen Einrichtungen hat auch das Heim in Marzahn-Hellersdorf zu wenig Personal. Wegen der vielen Beschäftigten in Quarantäne müssten andere ihre freien Tage aufschieben, um die Pflege der Bewohner gewährleisten zu können, erklärte der Betreiber.