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Behandlungsfehler in Kliniken Bei Hüft- und Knie-OPs passiert am meisten

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Wie viele Behandlungsfehler in Deutschland wirklich passieren, ist unklar.

(Foto: imago/Westend61)

Jedes Jahr kommt es in Krankenhäusern zu Fehlern. Manche Patienten melden sich bei den Einrichtungen und Ärzten, wenn sie einen Behandlungsfehler vermuten. Viele wissen jedoch gar nicht, dass sie möglicherweise fehlerhaft versorgt worden sind. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur aktuellen Fehler-Statistik, die Bundesärztekammer heute vorgelegt hat:

Wie viele Fälle gab es 2018?

Wie viele Ärztefehler im vergangenen Jahr insgesamt gemacht wurden, ist nicht ganz klar. Denn offiziell werden nur die Fälle in der Statistik der Bundesärztekammer mitgezählt, die auch offiziell von den Patienten zur Sprache gebracht und verhandelt werden. Diesen Angaben zufolge wurden im vergangenen Jahr 5972 Entscheidungen zu mutmaßlichen Behandlungsfehlern getroffen. Laut der offiziellen Statistik lag in 1858 Fällen ein Behandlungsfehler beziehungsweise ein Risikoaufklärungsmangel vor. Wie viele Patienten sich direkt an Gerichte, Anwälte oder Versicherungen wenden, ist unbekannt.

Die Dunkelziffer von Behandlungsfehlern liegt aber deutlich höher. Denn viele Patienten merken erst spät, dass sie möglicherweise falsch behandelt worden sind und einige meiden die oftmals langwierige Auseinandersetzung mit Kliniken und Ärzten. Hardy Müller vom "Aktionsbündnis Patientensicherheit" geht ebenfalls von einer deutlich höheren Zahl aus: "Wissenschaftliche Schätzungen gehen davon aus, dass nur jeder dreißigste Fall auch gemeldet und formell entschieden wird. (...) Jeder zehnte Krankenhausaufenthalt geht mit einem vermeidbaren unerwünschten Ereignis einher." Die Organisation hinterfragt vor allem die Ursachen, die zu Fehlern in Krankenhäusern führen.

Aus der Perspektive der Ärzteschaft liege die Zahl der Fehler im Vergleich zur Gesamtzahl der Behandlungen im "Promillebereich". Insgesamt gibt es jährlich 20 Millionen Behandlungen in Krankenhäusern und rund eine Milliarde Arztkontakte in Praxen. In 359 Fällen kam es zu einem Fehler beziehungsweise einem Aufklärungsmangel, der allerdings keinen Gesundheitsschaden zur Folge hatte.

Bei welche Operationen gibt es die meisten Behandlungsfehler?

Laut der offiziellen Statistik der Bundesärztekammer waren Knie-, Hüftgelenkarthrosen sowie Oberschenkelfrakturen und Bandscheibenschäden die Diagnosen mit den häufigsten Behandlungsfehlern. Allerdings kommt es auch oft zu falschen Medikationen oder unterlassene Maßnahmen, die vorkommen, aber manchmal gar nicht oder spät bemerkt werden. Fehler in der Chirugie seien aus Sicht der Patientenorganisation "Aktionsbündinis Patientensicherheit" oft einfach viel offensichtlicher. Aber die Akzeptanz von Fehlern innerhalb der Ärzteschaft habe sich etwas gewandelt, meint Müller.

Wer bekam 2018 eine Entschädigung?

In fast 1500 Fällen (1499) erhielten Patienten Entschädigungen, weil sie aufgrund von Fehlern Gesundheitsschäden erlitten. Im Jahr 2017 waren 1783 solche Fälle festgestellt worden. Damit ein Geschädigter allerdings eine finanzielle Entschädigung erhält, muss ein medizinischer Fehler eindeutig bewiesen sein. Oftmals dauern die juristischen Auseinandersetzungen zwischen Patienten und Krankenhäusern mehrere Jahre.

Wie setzt sich die Entschädigung zusammen?

Alle Kosten, die der Behandlungsfehler und die entstandenen Schäden nach sich ziehen, müssen vom Verursacher getragen werden. Auch Schmerzensgeld und Verdienstausfall kann geltend gemacht werden. Die Höhe der Entschädigung setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen und variiert von Fall zu Fall. Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2014 wurden Fehler in der Chirugie durchschnittlich mit 57.000 Euro entschädigt.

Wann liegt überhaupt ein Behandlungsfehler vor?

Laut der Definition des Bundesgesundheitsministeriums liegt ein Behandlungsfehler vor, wenn die medizinische Maßnahme nicht dem allgemein anerkannten Standard entspricht, der zum Zeitpunkt ihrer Durchführung besteht. Auch wenn nicht ausreichend qualifiziertes Personal eine Behandlung durchführt oder Abläufe im Krankenhaus schlecht abgestimmt sind, kann ein sogenannter Organisationsfehler vorliegen.

Was ist beim Anfangsverdacht zu tun?

Das Bundesgesundheitsministerium rät Patienten zunächst zu einem klärenden Gespräch mit dem verantwortlichen Arzt. Im Krankenhaus können sich die Betroffenen auch an das Beschwerdemanagement wenden. In einigen Bundesländern gibt es zudem Patientenfürsprecher (sogenannte Ombudsfrauen- und Männer), die im Beschwerdefall als Ansprechpartner zur Verfügung stehen.

Was kann die Krankenkasse tun?

Die gesetzlichen Krankenkassen sind dazu verpflichtet, ihre Patienten zu unterstützen. Ein weiterer Ansprechpartner ist der Medizinische Dienst der Krankenversicherungen (MDK), bei dem ein Sachverständiger mit einem Gutachten einen möglichen Fehler feststellen kann. Auch die Ärzteschaft hat Landesschlichtungsstellen, die sich mit der Bewertung von Behandlungsfehlern beschäftigt.

Gibt es eine zentrale Anlaufstelle?

Ja, es gibt ein Beratungstelefon einer Unabhängigen Patientenberatung, an die sich jeder Bürger kostenlos und, falls gewünscht auch anonym wenden kann. Die Beratungs-Hotline erreichen Patienten unter 0800 - 0117722 sowie über die Website www.patientenberatung.de.

Quelle: n-tv.de

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