Panorama

Teuer und unsicher? Biontech-Impfstoff in Afrika kaum getestet

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Biontech kann nicht sagen, ob ihr Impfstoff auch in Afrika für Immunität sorgt.

(Foto: picture alliance/dpa/BioNTech SE)

Großbritannien impft, Europa bereitet Impfzentren vor, aber wie sieht es auf dem afrikanischen Kontinent aus? Dort ist alles andere als sicher, ob das Biontech-Vakzin genauso gut wirkt wie in Europa. Denn es ist bisher unzureichend getestet, wie so oft in der Medikamentenentwicklung.

Wir sind alle gleich! Das hehre Prinzip gilt vor Gesetz und Moral, nur scheitert es immer wieder an der Realität. Das gilt auch, oder gerade bei der Medikamenten- oder Impfstoffentwicklung. Während Großbritannien impft und der Rest Europas auf die EMA-Genehmigung wartend in den Startlöchern sitzt, fragen sich afrikanische Nationen, wie man den Biontech Impfstoff in ländlichen Regionen bei minus 70 Grad kühlen soll? Ohne verlässliche Stromversorgung und dann noch für zwei Injektionen. Im afrikanischen Setting ist das mehr als ein Hindernis. Es ist ein Ausschlusskriterium.

In Südafrika meldete jetzt das Unternehmen Renergen ein Patent für einen Aluminium-Container an, der mithilfe flüssigen Heliums den Biontech-Impfstoff ohne Strom für 30 Tage kühlen können soll. Es sieht aber ganz so aus, als hätte man auf dem afrikanischen Kontinent noch Zeit derartige Details auszuklamüsern. In Südafrika, der am schlimmsten von Covid-19 betroffenen Nation in Afrika, rechnet man nicht vor Mitte des Jahres mit der ersten Biontech-Lieferung. Dort, wie auch in Kenia, beginnt gerade die zweite Infektionswelle. Die Corona-Neuinfektionen verdoppeln sich, erste Regionen melden eine Überlastung der Krankenhäuser.

Aber selbst Südafrika, die stärkste Wirtschaftsnation des Kontinents, ist durch die Pandemie und einen sehr harten Lockdown schon jetzt finanziell so geschwächt, dass es sich flächendeckende Impfungen für knapp 60 Millionen Bürger ohnehin nicht leisten kann. Man kann sich vorstellen, wie es in anderen afrikanischen Nationen aussieht. In Südafrika hat man aber einen Plan B. Schon früh erklärte sich die Regierung von Präsident Cyril Ramaphosa bereit, klinische Tests von Covid-19 Impfstoffen an den eigenen Bürgern zu ermöglichen. Natürlich erhofft man sich davon auch Vorteile bei der späteren Beschaffung des Vakzins.

Dringen auf Verteilungsgerechtigkeit

"Wir wissen noch nicht, wann mit dem Impfen begonnen werden kann, aber wir hoffen doch sehr, dass wir Zugang bekommen", sagt Dr. Essack Mitha vom Newtown Clinical Research Centre in Johannesburg. Er leitet die klinischen Tests für Biontech und Pfizer in Südafrika. Diese begannen wesentlich später als alle anderen in der Welt, sozusagen im Nachgang. "Es ist aufregend, Teil des internationalen Testprogramms zu sein. Uns ist wichtig, dass unsere Bürger auch von einem Impfstoff profitieren", so Dr. Mitha.

Die Weltgesundheitsorganisation drängt derweil gebetsmühlenartig auf einen weltweit gerechten und gleichmäßigen Zugang zu Covid-19-Impfstoffen und hat für dessen Durchsetzung die Organisation COVAX ins Leben gerufen. Sie vereint Regierungen, globale Gesundheitsorganisationen, Hersteller, Wissenschaftler, den Privatsektor, die Zivilgesellschaft und deren Philanthropie, um Zugang zu Sars-CoV-2-Impfstoffen für alle Menschen zu ermöglichen - unabhängig von ihrer finanziellen Situation.

Wir sind alle gleich! Da ist das Prinzip wieder. Aber es hat mehr als nur einen finanziellen Haken - es hat auch einen biologischen, der systematisch missachtet wird. Wie so viele Medikamente wurde der neue Biontech-Impfstoff nicht ausreichend auf seine Tauglichkeit für afrikanische Bevölkerungsgruppen getestet. Weltweit nahmen 44.000 Probanden an den klinischen Tests für den Biontech Impfstoff teil. Nur 800 davon waren Afrikaner. 1,8 Prozent - nicht viel. Und sie stammten ausschließlich aus Südafrika, in keinem anderen der 53 afrikanischen Länder gab es Tests.

Aussagefähige Testergebnisse?

"Nein das ist nicht viel. Es ist enttäuschend", gibt selbst Dr. Mitha zu. Er hatte gehofft, eine größere, aussagekräftigere Gruppe testen zu können. "Diese 800 lassen keinen sicheren Rückschluss auf die Wirksamkeit des Impfstoffes hier zu." Als Biontech der Welt verkündete, der Wirkstoff sei - laut Zwischenergebnis - zu 95 Prozent sicher, waren die klinischen Tests in Südafrika noch nicht abgeschlossen. "Ich weiß nicht, ob einige unserer Zwischenergebnisse überhaupt in die Bewertung eingeflossen sind", sagt Dr. Mitha. Getestet wurde in Deutschland, Nordamerika, der Türkei und Argentinien und eben Südafrika. "Anfangs sollten wir sogar HIV-Infizierte von der Studie ausschließen. Aber dann wurde das Protokoll geändert und wir durften auch stabile HIV- sowie Hepatitis B- und C-Patienten in die Tests mit einbeziehen", sagt der Arzt.

In Südafrika allein sind 7,7 Millionen Menschen HIV infiziert. Viele Firmen schrecken davor zurück, HIV-Patienten in klinische Tests miteinzubeziehen, da es oft Nebenwirkungen gibt. Aber in einer Pandemie halten Experten es für unverzichtbar. "Wir müssen wissen, wie dieses Produkt mit Begleiterkrankungen wirkt", so Dr. Mitha. Fakt ist: Biontech kann diese Frage nicht verlässlich beantworten.

Wie so oft konzentriert sich auch die Covid-19-Impfstoffentwicklung prinzipiell auf den Schutz wohlhabender Menschen in der nördlichen Hemisphäre. Weniger als fünf Prozent aller klinischen Tests finden laut Dr. Mitha auf dem afrikanischen Kontinent statt, obwohl Wissenschaftler genau wissen: Wir sind nicht alle gleich! Grundsätzlich nicht. Menschen verschiedener Regionen teilen zwar 99,9 Prozent ihrer DNA, doch die verbleibenden 0,1 Prozent sind variabel. Ein kleiner Unterschied mit großer Wirkung. Zwei nicht verwandte Menschen unterscheiden sich in Millionen Basenpaaren. "Die sind wirklich ausschlaggebend", sagt Dr. Ananyo Choudhury vom Sydney Brenner Institut der Wits Universität in Johannesburg. "Genetische Variationen entscheiden, wie groß wir werden, welche Augenfarbe, aber auch welche Veranlagung wir für Krankheiten wie Bluthochdruck oder Arthritis haben. Und sie entscheiden, ob Menschen ein Medikament gut vertragen oder nicht."

Große genetische Vielfalt

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Astrazeneca testet immerhin 2000 Probanden.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Um sicherzugehen, dass genetische Variationen ihre Wirkung nicht beeinträchtigen, ist es wichtig, Impfstoffe oder Medikamente in verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu testen. Man weiß zum Beispiel, dass einige afrikanische Bevölkerungsgruppen Cholesterin anders abbauen als europäische. Gängige Asthmamedikamente wirken nur unzureichend in vielen afrikanischen Bevölkerungsgruppen. In einer neuen, aufsehenerregenden Studie in 13 ausschließlich afrikanischen Ländern haben Dr. Choudhury und sein Team drei Millionen bisher unbekannte genetische Variationen in afrikanischen Bevölkerungsgruppen gefunden.

"Afrika ist die Wiege der Menschheit. Hier findet man die größte genetische Vielfalt", sagt Dr. Choudhury und verweist auf dringend notwendige, groß angelegte Studien auf dem Kontinent. "Die Vielfalt ist so groß, dass selbst zwei nah beieinander lebende Bevölkerungsgruppen riesige genetische Unterschiede aufweisen."

Wenn ein Mittel in Europa wirkt, ist das keine Garantie, dass es in verschiedenen Regionen Afrikas auch hilft. Das ist schon immer so. Wirken die neuen Covid-19-Impfstoffe auch für afrikanische Bevölkerungsgruppen? Man weiß es nicht. Es wurde nicht getestet.

Die Recherche wurde von European Centre for Journalism unterstützt.

Quelle: ntv.de