Panorama

Experte Ulrichs im Interview "Bis zu einer Trendwende kann es dauern"

Bund und Länder haben Maßnahmen beschlossen - wenn auch "viel zu spät", wie der Epidemiologe Timo Ulrichs sagt. Bis Effekte sichtbar werden, könnte es nach seinen Worten noch eine Weile dauern, denn die Zahlen seien leider sehr hoch. Und: "Die Testkapazitäten kommen an ihre Grenzen".

ntv: Wie zufrieden sind Sie mit den vom Bund-Länder-Gipfel beschlossenen Verschärfungen?

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Der Epidemiologe Timo Ulrichs ist Professor für Medizin, Mikrobiologie und Katastrophenhilfe an der Akkon-Hochschule in Berlin.

Timo Ulrichs: Das ist eigentlich ganz okay, bis auf die Tatsache, dass das alles viel zu spät kommt und die Zahlen der Neuinfizierten bereits so hoch sind. Jedenfalls wird überhaupt etwas gemacht und nicht einfach abgewartet, das wäre die schlechteste aller Optionen. Jetzt müssen wir abwarten, was die Maßnahmen bewirken. Es gibt ja erste Hinweise, dass die Menschen diese Maßnahmen ein bisschen vorwegnehmen, ihre Kontakte reduzieren und auch ihre Mobilität senken. Das sehen wir gerade in den Gegenden, in denen sehr viele Menschen betroffen und die Zahlen an Neuinfizierten sehr hoch sind.

Wie viele Ungeimpfte können mit diesem Quasi-Lockdown noch von einer Impfung überzeugt werden?

Es gibt Menschen, die grundsätzlich dagegen sind und das Impfen schon immer skeptisch betrachtet haben. Die überzeugen wir auf diese Art und Weise eher nicht. Es könnte sogar dazu führen, dass der Widerstand da noch größer wird, was sehr bedauerlich ist. Möglicherweise überzeugt man aber noch den einen oder die andere, indem bald ein Totimpfstoff, zum Beispiel von Novavax, zugelassen wird. Viele haben ja gesagt, dass sie sich nicht mit den Impfstoffen impfen lassen wollen, die auf neuen Technologien basieren. Das würde schon sehr helfen.

Und die, die nicht grundsätzlich gegen Impfungen sind?

Der erhöhte Druck führt bereits dazu, dass einige sich jetzt mit der Erstimpfung versehen lassen. Das ist sehr erfreulich. Gleichzeitig finden Booster-Impfungen statt und wir erreichen wieder sehr hohe tägliche Impfquoten, auch das hilft mit. Aber natürlich sind die Kontaktbeschränkungen jetzt das erste Mittel der Wahl, um von diesen Zahlen runterzukommen und eine Trendwende einleiten zu können.

Kann man beziffern, wie stark die Impfquote jetzt steigen könnte?

Nein, eigentlich nicht. Aber wir schreiten weiter voran Richtung 70, dann später 80 Prozent Impfquote. Möglicherweise kommen wir da langsam hin. Mit den Booster-Impfungen haben wir zum Jahreswechsel schon mal eine bessere Situation. Allerdings reicht das immer noch nicht aus, um allein über die Impfabdeckung einen starken Rückgang des epidemiologischen Geschehens zu erreichen. Dazu bräuchten wir schon 85 und mehr Prozent.

Wann werden sich die nun beschlossenen Maßnahmen auch in den Fallzahlen widerspiegeln?

Die Maßnahmen werden jetzt erstmals eingesetzt. Danach muss 10 bis 15 Tage gewartet werden. Aber bis wir tatsächlich eine Trendwende sehen, kann es noch eine Weile dauern, da die Zahlen leider sehr hoch sind. Und gerade auch in der Vorweihnachtszeit ist das sehr misslich.

Der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes geht davon aus, dass die Inzidenz gar nicht das reale Infektionsgeschehen wiedergibt. Stützen sich da gerade politische Entscheidungen auf eine verzerrte Situation?

Die politischen Entscheidungen, die dazu geführt haben, dass wir jetzt endlich Maßnahmen haben, um diese Welle zu brechen, müssen vor dem Hintergrund der hohen Zahlen gesehen werden - und die sind sicherlich richtig. Aber alle diese Zahlen enthalten natürlich immer auch eine Unsicherheit, dass da noch eine große Dunkelziffer dahintersteht. Das ist eigentlich seit Beginn der Pandemie so.

Welche Rolle spielen derzeit die ausgelasteten Labore?

In der Tat haben wir jetzt so hohe Zahlen, dass auch die Testkapazitäten an ihre Grenzen kommen. Der Effekt, den wir in den vergangenen drei Tagen beobachtet haben - dass die Zahlen sich auf hohem Niveau stabilisieren -, kann auch ein bisschen damit erklärt werden, dass man mit den vielen Testungen nicht hinterherkommt, zumal auch viel mehr Neuinfizierte dabei sind, die sich gerne testen lassen wollen. Wenn die Testkapazitäten erreicht sind, kommt es zu Verzögerungen und das kann sich darin niederschlagen, dass die Zahlen nicht noch weiter steigen. Aber eine Dunkelziffer ist in jedem Falle vorhanden und wird auch immer eingepreist. Das heißt, wenn wir zum Beispiel hohe Neuinfizierten-Zahlen von über 1000 in einer Region haben, dann kann man davon ausgehen, dass sie eigentlich noch viel höher liegen.

Von welcher Dunkelziffer muss derzeit ausgegangen werden?

Wichtig ist dabei, sich die Testpositivität anzuschauen. Also: Wie viel Prozent der durchgeführten Tests sind positiv? Das gibt einen Hinweis darauf, was insgesamt noch hinter den Zahlen stecken könnte. Die Dunkelziffer selbst ist nur ganz schwer abzuschätzen. Aber man muss davon ausgehen, dass wir es gerade mit einem massiven Infektionsgeschehen zu tun haben und davon müssen wir weg.

Mit Timo Ulrichs sprach Nele Balgo

Quelle: ntv.de

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