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Mittelwert ist "Anfängerfehler" Virologe Stöhr: Keine Entwarnung bei Inzidenz-Zahlen

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Dass die Pandemie - etwa durch Masken in Schulen - auch im Sommer eingedämmt worden sei, räche sich jetzt, meint der Virologe Klaus Stöhr.

(Foto: picture alliance / Eibner-Pressefoto)

Schon den dritten Tag in Folge sinkt die Zahl der Corona-Neuinfektionen. Der Virologe Klaus Stöhr warnt aber davor, daraus voreilige Schlüsse zu ziehen. Die Nutzung eines Mittelwertes sei "ein Anfängerfehler", der Infektionsdruck weiter hoch. Und eine Impfpflicht sei jetzt nicht geeignet, die vierte Welle zu brechen.

Angesichts der wieder leicht sinkenden Corona-Inzidenz hat der Virologe Klaus Stöhr vor voreiligen Schlüssen gewarnt. Die Verwendung eines bundesweiten Mittelwertes sei "ein Anfängerfehler der Epidemiologie", sagte Stöhr der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Die große regionale Diversität der Pandemiesituation sollte nun aber auch dem Letzten auffallen." In Deutschland brauche es eine lokal spezifische Betrachtung bei der Risikoeinschätzung genau wie bei der Bekämpfung.

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Stöhr arbeitete lange für die WHO, später bei Novartis. Für ihn sind die aktuellen Corona-Infektionszahlen weiter besorgniserregend.

(Foto: imago images/teutopress)

Die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche ist nach Angaben des Robert-Koch-Instituts von heute Morgen den dritten Tag in Folge gesunken. Sie liegt nun bei 439,2. Binnen 24 Stunden infizierten sich 73.209 Menschen. Dadurch, dass es aufgrund der hohen Fallzahlen in stark betroffenen Regionen einen Meldestau in den zuständigen Behörden gibt, dürften die ans RKI übermittelten Zahlen zu niedrig sein.

Die Corona-Lage werde sich ganz unterschiedlich entwickeln, prognostizierte der frühere Direktor der Weltgesundheitsorganisation (WHO). "In den Hotspot-Regierungsbezirken mit dünner Impfdecke sehen wir wie vorhergesagt bald eine leichte Entschärfung der Situation", sagte Stöhr. "Nach rasantem Anstieg flacht sich die Kurve ab, weil in der Region nicht mehr 'genügend' empfängliche Personen 'erreichbar' sind."

Infektionsdruck weiter "sehr hoch"

Dies sei aber kein Grund zur Entwarnung. Inzidenz und Hospitalisierung würden im Winter auf hohem Niveau verbleiben, weil Kontakte häufig und Mobilität hoch seien. Außerdem bräuchten die Impfkampagne und danach die Immunität Zeit, um Wirkung zu entfalten. In den anderen Regionen werde sich der Anstieg "auf niedrigerem Niveau noch ein bis zwei Wochen fortsetzen und dann etwas verlangsamen", erwartete Stöhr. Auch dort aber bleibe der Infektionsdruck durch die Wintersituation weiter "sehr hoch".

Kurzfristig könnten die Kontaktbeschränkungen zur Abmilderung beitragen. Mittelfristig, bis Februar oder März, würden die gegenwärtigen Booster- und Erstimpfungen neben den Kontaktbeschränkungen über den weiteren Verlauf entscheiden. "Eine Impfpflicht ab diesem Zeitpunkt wäre deshalb für mich nicht geeignet, das aktuelle Problem effizient zu lösen", gab Stöhr in Bezug auf die Pläne von Ampel-Regierung und Bund und Ländern zu bedenken.

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Dass die Pandemie - etwa durch Masken in Schulen - auch im Sommer eingedämmt worden sei, räche sich jetzt, sagte der Forscher weiter: "Man hat durch sehr konservative Maßnahmen sehr viele nicht vermeidbare natürliche Immunisierungen aus dem Sommer in den Winter verschoben." Dieser Nachholeffekt falle "uns jetzt auf die Füße" und unterscheide Deutschland etwa von Portugal, Spanien, Schweden oder der Schweiz. In Deutschland seien wahrscheinlich viel weniger Menschen natürlich immun.

Quelle: ntv.de, abe/AFP

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