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Novavax beantragt Zulassung Totimpfstoff könnte Impfwende bringen

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Novavax setzt bei seinem Impfstoff auf traditionelle Technologie.

(Foto: imago images/Pixsell)

Die Impfkampagne in Deutschland stockt, der Anteil Ungeimpfter schrumpft nur langsam. Viele Ungeimpfte haben offenbar Bedenken gegen Corona-Vakzine, die auf relativ neuen Technologien beruhen. Der Totimpfstoff von Novavax könnte Abgeneigte umstimmen.

Ein weiterer Corona-Impfstoff könnte in der Europäischen Union (EU) demnächst eine Zulassung erhalten - und vielleicht der deutschen Impfkampagne auf die Sprünge helfen. Das US-Unternehmen Novavax hat für seinen Impfstoff Nuvaxovid eine Marktzulassung in der EU beantragt. Das Besondere bei dem Vakzin: Es handelt sich um einen sogenannten Totimpfstoff. Diese Art von Vakzinen enthalten inaktivierte Viren oder Bestandteile der Viren.

Damit unterscheiden sich Totimpfstoffe von den bisher eingesetzten mRNA- und Vektorimpfstoffen, die auf vergleichsweise neuen Technologien beruhen und daher bei einigen Ungeimpften auf Vorbehalte stoßen. Das Novavax-Vakzin ist ein Impfstoff, der auf traditionelle Methode hergestellt wird. Auch bei den Grippe-Impfstoffen und Vakzinen gegen Kinderlähmung, Tetanus und Hepatitis handelt es sich um Totimpfstoffe.

In einer Forsa-Umfrage unter Ungeimpften hatten 74 Prozent Zweifel daran geäußert, dass die verfügbaren Impfstoffe ausreichend erprobt seien. 62 Prozent befürchten Impfschäden und Langzeitfolgen. Sollte jedoch ein Totimpfstoff zugelassen werden, erklärten sich 56 Prozent der Ungeimpften bereit, einer Corona-Impfung doch noch zuzustimmen. Bisher sind noch 21,6 Prozent oder 15 Millionen Impfberechtigte in Deutschland über 18 Jahren nicht geimpft. Insgesamt liegt die Impfquote bei 67,8 Prozent und damit zum Teil deutlich unter anderen europäischen Ländern wie Portugal, Spanien oder Dänemark.

Wie genau funktioniert der Totimpfstoff von Novavax?

Der Novavax-Impfstoff mit dem Namen Nuvaxovid oder NVX-CoV2373 verfolgt dasselbe Ziel wie andere Impfstoffe: Das Immunsystem soll lernen, das Coronavirus Sars-CoV-2 zu erkennen und auszuschalten. Die Achillesferse des Virus ist sein Spike-Protein. Dieses wird im Fall von Nuvaxovid von Mottenzellen in Bioreaktoren produziert. Lediglich das dort hergestellte Spike-Protein wird als Impfstoff injiziert. Das menschliche Immunsystem bildet nach der Impfung Antikörper gegen das Protein und ist auf eine Sars-CoV-2-Infektion besser vorbereitet und kann im besten Falle eine Covid-19-Erkrankung abwehren.

Was ist der Unterschied zu Vektor- und mRNA-basierten Impfstoffen?

In Deutschland sind vier Impfstoffe gegen Covid-19 zugelassen: Die Vektorimpfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson sowie die mRNA-Vakzine der Hersteller Biontech/Pfizer und Moderna. Letztere enthalten keine Krankheitserreger oder deren Bestandteile. Die mRNA, also das Botenmolekül, wandert bei ihnen über kleine Fettkugeln in die Körperzellen. Dort wird der Bauplan abgelesen und das Spike-Protein produziert.

Vektorimpfstoffe wiederum bestehen aus für Menschen harmlosen Viren, die nur sehr begrenzt im Körper vermehrungsfähig sind. Sie funktionieren dabei wie eine Art Lieferservice: Einem harmlosen Trägervirus wird ein Stück des Genmaterials der Hülle des Coronavirus - genauer dessen Spike-Proteins - eingebaut. Dieses Antigen ist dem Körper fremd genug, um das Immunsystem zu aktivieren, das dann Antikörper bildet. Weltweit waren vor der Corona-Pandemie erst zwei Vektorimpfstoffe zugelassen - das Vakzin gegen Dengue-Fieber sowie das gegen Ebola.

Sind die Bedenken bezüglich der mRNA- und Vektorimpfstoffe berechtigt?

Wissenschaftlicher Konsens ist das, was Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, so formulierte: "Was offensichtlich viele Menschen unter Langzeitfolgen verstehen, nämlich dass ich heute geimpft werde und nächstes Jahr eine Nebenwirkung auftritt, das gibt es nicht, hat es noch nie gegeben und wird auch bei der Covid-19-Impfung nicht auftreten." Befürchtungen vor etwaigen späteren Folgen der Corona-Impfung trat zuletzt auch der Impfstoffexperte Leif Sander entgegen: "Die häufig geäußerten Sorgen um mögliche Langzeitfolgen sind unbegründet." Sander sprach von "herausragender Wirksamkeit" und "extrem hoher Sicherheit" der mRNA-Impfstoffe.

Was sind die Vorteile von Totimpfstoffen? Welche Nachteile haben sie?

Ein großes Plus der Totimpfungen liegt in ihrer Handhabung: Die Vakzine können bei Kühlschranktemperaturen von zwei bis acht Grad Celsius gelagert werden und halten so mehrere Jahre. Bei Raumtemperatur können sie bis zu 24 Stunden eingesetzt werden. Zum einen machen sie die Impfkampagne damit um einiges flexibler, zum anderen eignen sie sich dafür, in entlegenen Regionen der Welt verabreicht zu werden. Viele Dosen von Biontech und Moderna mussten bereits vernichtet werden, weil sie nicht verimpft wurden.

Grundsätzlich gelten die Totvakzine als sehr gut verträglich und haben seltener Nebenwirkungen. Allerdings ist bei den Totimpfstoffen gegen Sars-CoV-2 ein Wirkverstärker notwendig, der grippeähnliche Symptome auslösen kann.

Insgesamt ist die Wirksamkeit der Totimpfstoffe im Vergleich zu anderen Vakzinen etwas geringer. So verhindern die chinesischen inaktivierten Impfstoffe von Sinovac und Sinopharm laut Studiendaten symptomatische Erkrankungen zu 51 und 79 Prozent. Im Vergleich: Die Wirksamkeit der Impfstoffe von Biontech und Moderna liegt bei bis zu 90 Prozent. Allerdings hatte Novavax im Juni mitgeteilt, sein Totimpfstoff habe eine Wirksamkeit von rund 90 Prozent. Er schütze zudem vor Virusvarianten und zu 100 Prozent vor "moderaten und schweren" Krankheitsverläufen.

Welche Totimpfstoffe gegen Sars-CoV-2 gibt es?

Im Einsatz sind weltweit bereits vier Totimpfstoffe. Der chinesische Impfstoffhersteller Sinopharm hat mit den Vakzinen BBIBP-CorV und WIBP-CorV bereits zwei solcher Vakzine hergestellt. Eine volle Marktzulassung hat BBIBP-CorV neben China in Bahrain, den Seychellen und den Vereinigten Arabischen Emiraten, eine Notfallzulassung in über 80 Ländern.

Der ebenfalls chinesische Hersteller Sinovac hat einen Impfstoff auf dem Markt. Dieser Totimpfstoff kann sich als einziger der bereits eingesetzten Vakzine Hoffnungen auf die Zulassung in der EU machen. Am 4. Mai leitete die EMA ein rollierendes Verfahren zur Prüfung ein. Dabei wertet die EU-Behörde Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit von Medikamenten oder Impfstoffen aus, sobald diese verfügbar sind und noch bevor der Hersteller einen vollständigen Zulassungsantrag stellt. In China ist das Vakzin seit Februar 2021 zugelassen. In Russland wird bereits Covivac gespritzt. Auch Covaxin aus Indien sowie QazVac aus Kasachstan wurden mit inaktivierten Coronaviren hergestellt.

Wann kann man sich in Deutschland mit dem Novavax-Vakzin impfen lassen?

Nach dem Antrag von Novavax teilte die EU-Arzneimittelbehörde (EMA) mit, dass man aufgrund einer beschleunigten Prüfung voraussichtlich schon in "einigen Wochen" eine Entscheidung bekannt geben werde. Vorausgesetzt, die von Novavax vorgelegten Daten seien "ausreichend robust" und belegten die "Wirksamkeit, Sicherheit und Qualität des Impfstoffs". "Wenn die EMA zu dem Schluss kommt, dass der Nutzen von Nuvaxovid beim Schutz gegen Covid-19 die Risiken überwiegt, wird sie die Erteilung einer bedingten Marktzulassung empfehlen", hieß es. Die EMA-Prüfung im rollierenden Verfahren hat bereits begonnen.

Die EU-Kommission schloss Anfang August im Namen der Mitgliedstaaten mit Novavax einen Kaufvertrag über bis zu 100 Millionen Impfstoffdosen in diesem und im kommenden Jahr. Außerdem enthält der Vertrag eine Option auf 100 Millionen weitere Impfdosen in den Jahren 2021, 2022 und 2023. Das deutsche Gesundheitsministerium plant den Impfstoff für kommendes Jahr bereits ein.

Gibt es noch weitere Totimpfstoffe, die in Deutschland zugelassen werden könnten?

Auch der Corona-Totimpfstoff VLA2001 des österreichisch-französischen Konzerns Valneva soll ab dem kommenden Jahr erstmals in der EU zur Verfügung stehen. Die EU-Kommission hatte mit dem Unternehmen einen Vertrag über die Lieferung von bis zu 60 Millionen Impfdosen in den kommenden beiden Jahren geschlossen. Voraussetzung ist, dass die EMA den Valneva-Impfstoff zulässt. Im Oktober hatte Valneva "positive" erste Ergebnisse aus der klinischen Phase-3-Studie mit dem Impfstoff bekannt gegeben. Das Mittel sei wirksamer als der Astrazeneca-Impfstoff, hieß es, und "im Allgemeinen gut verträglich".

Ist es sinnvoll, auf den Totimpfstoff zu warten?

Das Unternehmen Valneva selbst hatte in einer Mitteilung davor gewarnt, mit einer Impfung gegen Covid-19 auf die Zulassung seines Totimpfstoffs zu warten. Im Gespräch mit dem ORF-Radio sagte der Valneva-Chef Thomas Lingelbach: "Ich versuche jeden, mit dem ich rede, dazu zu ermutigen, sich impfen zu lassen und nicht auf diesen Impfstoff zu warten."

Quelle: ntv.de

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