Panorama

Epidemiologe Ulrichs bei ntv Booster-Impfung für alle ist "übertrieben"

Die USA bieten ab September Auffrischungsimpfungen für alle an - laut Epidemiologe Ulrichs ist das unnötig, unsolidarisch und zudem kurzsichtig. Denn bleiben weite Teile der Welt ungeimpft, steigt die Wahrscheinlichkeit neuer Varianten. Und die können dann auch hierzulande wieder Probleme bereiten.

ntv: Wann genau sind Booster-Impfungen zu empfehlen?

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Der Epidemiologe Timo Ulrichs ist Professor für Medizin, Mikrobiologie und Katastrophenhilfe an der Akkon-Hochschule in Berlin.

Timo Ulrichs: Es ist sehr wahrscheinlich nicht notwendig, dass wir das jetzt machen, außer vielleicht für die ganz Alten. Da ist es ja so, dass das Immunsystem im Alter sowieso etwas nachlässt, und wenn man dann da sichergehen möchte, dann gibt man nochmal eine Booster-Impfung, sodass die Alten- und Pflegeheime nach wie vor gut geschützt sind. Aber für die Mehrheit der Geimpften, die mittleren Altersjahrgänge, ist das nicht erforderlich. Wir wissen zwar nicht, wie lange nach der Impfung dieser Schutz tatsächlich da ist, aber wir können eigentlich davon ausgehen, dass er mehrere Jahre lang anhält. Das müssen wir erst noch in Ruhe beobachten. Aber dass man jetzt schon mit großen Auffrischungsimpfungen da rangeht, ist ziemlich übertrieben.

Die WHO kritisiert das auch, da der Impfstoff in vielen ärmeren Ländern immer noch nicht angekommen ist. Sind zu schnelle Auffrischungsimpfungen wie in den USA egoistisch?

Das ist nicht nur egoistisch, sondern auch sehr kurzsichtig, denn wenn wir jetzt die vorhandenen Impfstoffdosen nicht gleich und schnell und gerecht verteilen, dann geben wir dem Virus, auch gerade dieser Delta-Variante, Raum in anderen Weltregionen, dass es nochmal in großen Mengen zirkulieren kann. Und wenn es das kann, dann ist die Wahrscheinlichkeit da, dass es sich nochmal stark verändert, es also eine ganz neue Variante gibt, die dann wiederum zu uns zurückkehren kann. Wenn die ganz anders aussieht, dann ist die Impfabdeckung nicht mehr gewährleistet und wir müssen in der Tat nachimpfen, eben mit einem angepassten Impfstoff. Das wäre zwar alles möglich dank der neuen Technologien bei der Impfstoffherstellung, aber es ist vermeidbar. Und zwar wäre es vermeidbar, wenn wir jetzt wirklich schnell, auch in großen Mengen, diese vorhandenen Impfstoffe ärmeren Ländern in der Welt zur Verfügung stellen könnten, damit die möglichst schnell ihre Bevölkerung impfen.

Wie würde das konkret aussehen?

Es gibt ja schon sehr viel Impfstoff, der gar nicht mehr so richtig abgerufen wird. Auch in Deutschland geben die Bundesländer wieder Impfstoffdosen zurück an den Bund. Das bedeutet, dass da schon etwas zur Verfügung steht, was man möglichst schnell verteilen könnte. Es gibt die Initiative Covax, das heißt, dass man sich da zusammentut, um ganz schnell diese Impfstoffe auch ärmeren Ländern zur Verfügung zu stellen. Und da hinein könnten dann die bereits vorhandenen Impfstoffdosen gehen. Natürlich könnte man dann mittelfristig auch sehen, dass wir dezentral noch Produktionsanlagen einrichten. Aber viel schneller ginge es, wenn man die vorhandenen Impfstoffdosen ganz schnell in die anderen Weltregionen bringt.

Die britische Gesundheitsbehörde geht davon aus, dass Geimpfte, die sich mit Delta infizieren, genauso ansteckend sind wie Ungeimpfte. Auch die US-Seuchenschutzbehörde hat diesbezüglich Beobachtungen gemacht. Hat Sie das überrascht?

Ja, in der Tat. Ich bin eher davon ausgegangen, dass die Viruskonzentration, die Viruslast im Rachen eines Geimpften, wesentlich geringer ist als bei Ungeimpften. Nun darf man aber nicht die Wahrscheinlichkeiten verwechseln. Also, bei einem Geimpften ist die Wahrscheinlichkeit eben sehr, sehr viel geringer, dass da eine Infektion stattfindet, als bei einem Ungeimpften. Und dann sollte man sehen, dass man möglicherweise in sensiblen Situationen doch nochmal testet, also auch Geimpfte, sodass man da auf Nummer sicher geht. Aber grundsätzlich ist es nicht notwendig, weil die Wahrscheinlichkeit so gering ist, dass man als Geimpfter nochmal infiziert wird. Wenn das so groß ist mit der Viruslast - das sagt zumindest diese eine Studie - sollte man in der Tat etwas vorsichtig sein. Das bedeutet aber nicht, dass dann das Risiko für einen selbst, als Geimpften, gestiegen ist, sondern man kommt da immer noch sehr gut durch. Es ist eben nur eine Infektion und keine regelrechte Covid-19-Erkrankung. Und bezüglich der Weitergabe muss man auch nochmal sehen, bisher wurden da nur die Konzentrationen gemessen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Weitergabe von einem Geimpften zu einem weiteren Geimpften ist, oder von einem Geimpften zu einem Ungeimpften.

Kann das trotzdem Auswirkungen darauf haben, wie sich die Infektionszahlen bei uns im Land weiterentwickeln?

Wenn, dann eher untergeordnet. Das, was sich im Augenblick gerade entwickelt und aufbaut zu einer vierten Welle, ist vor allen Dingen durch die Tatsache begründet, dass wir noch nicht so viele Menschen geimpft haben, wie notwendig wäre, um diese Welle flach zu halten. Das Virus kann zirkulieren unter den Ungeimpften. Dazu gehören leider auch die jüngeren Altersgruppen, also Kinder bis 12 Jahre, die noch gar nicht geimpft werden können, oder die Jugendlichen, für die jetzt erst die Impfempfehlung von der STIKO herausgegeben worden ist. Da sollte man möglichst schnell nachsteuern.

Mit Timo Ulrichs sprach Nele Balgo

Quelle: ntv.de

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