Panorama

Interview mit Mediziner Janssens "Das treibt mir die Tränen in die Augen"

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Janssens: "Jetzt über Lockerungen zu sprechen, halte ich für unvernünftig."

Der Ruf nach Lockerungen wird lauter, der Druck auf die Politik wächst: Intensivmediziner Uwe Janssens warnt eindringlich davor, dem nachzugeben. Mit der Ausbreitung der Mutationen steigen die Infektionszahlen und damit auch wieder die Belastung der Krankenhäuser. Einziger Ausweg sei das Impfen. Hier sieht der Experte massiv die Politik in der Pflicht.

ntv: Der Freistaat Sachsen möchte schon bald in den Normalbetrieb gehen. Stehen die Zahlen auf den Intensivstationen jetzt endlich auf Entspannung?

Uwe Janssens: Wir haben knapp über 3000 Covid-19 Patienten auf deutschen Intensivstationen. Es stimmt, im Augenblick steigt die Zahl nicht, sie sinkt schleichend. Es sind aber immer noch mehr als zum Spitzenzeitpunkt im vergangenen Frühjahr. Jetzt über Lockerungen zu sprechen in einem Bundesland, das relativ hart betroffen war, halte ich für ein wenig unvorsichtig. Auch Sachsen sollte bedenken, dass wir einen steigenden Anteil der Mutationen an den Neuinfektionen haben.

Sie rechnen also damit, dass die Zahl der Intensivpatienten möglicherweise wieder steigen könnte wegen der Mutationen?

Das sind mathematische Modelle. Wir haben sehr kluge Mathematiker, die sich sehr genau die Zahlen des Intensivregisters, aber auch des Robert-Koch-Instituts ansehen und dann verschiedene Modelle aufstellen. Dabei berücksichtigen sie Auswirkungen der Schutzimpfungen, den Schutz der vulnerablen Gruppen, gefolgt von den Priorisierungsgruppen 2 und 3. Wenn wir das alles durchziehen und nicht lockern, sinken die Zahlen weiter. Umgekehrt aber zeigen die Modelle, dass, wenn man jetzt in den Lockdown light wie im November übergehen würde, der Anteil der Mutationen wachsen und die Infektionen zunehmen würden. Am Ende steigt dann auch die Zahl der Intensivpatienten.

Wann glauben Sie, wird das denn bei uns so durchschlagen, dass die Alten jetzt geimpft und damit Intensivfälle nicht mehr so stark zu erwarten sind?

Es kommt darauf an, wie viel Prozent der vulnerablen Gruppen geimpft sind. Die Alten haben eine hohe Durchimpfungsquote erreicht, aber es leben erfreulicherweise nicht alle Menschen in Deutschland in Alten- und Pflegeheimen und die werden im Moment nach und nach einbestellt zur Impfung. Es hängt davon ab, wie schnell diese große millionenstarke Population durchgeimpft werden kann. Dann werden wir Effekte sehen und das könnte der erste richtig klare Erfolg sein, den andere woanders jetzt schon verkünden können. Das lässt ein bisschen hoffen. Aber es hängt wirklich davon ab: Einhalten der Regeln und durchgreifende Impfungen.

Sie sind also jetzt absolut dagegen, dass wir Öffnungsschritte vollziehen, obwohl es einen entsprechenden Druck auf die Politik gibt?

Was uns erstens traurig macht, ist, dass die Durchimpfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff dramatisch zu wünschen übrig lässt. Es ist leider, und das sage ich mal ganz kritisch, auch das Ergebnis einer medialen Wirkung, die diesen Impfstoff, der wissenschaftlich nachweislich hervorragend ist, einfach kaputtgeredet hat. Dass Impfzentren auf ihren Impfdosen sitzenbleiben, treibt mir wirklich die Tränen in die Augen. Das finde ich ganz bedauerlich und ganz schlimm. Es muss mehr dafür getan werden, dass die Bevölkerung überzeugt wird, dass es sich um einen wirklich wirksamen Impfschutz handelt. Zweitens, zu der Frage nach Lockerungen: Wir sind keine Politiker. Die Politiker werden sich das sehr genau anhören. Wir werden morgen unsere Zahlen nochmal darstellen und dann wird man wahrscheinlich sehen, dass jetzt eine generelle Lockerung, Stichwort November 2020, wahrscheinlich der falsche Weg ist. Die Beurteilung der Daten obliegt dann aber der Politik. Es liegt aber auch an der Politik, die Impfungen durchzusetzen und die Bevölkerung dafür zu begeistern. Ohne Impfungen werden wir einfach so weitermachen müssen wie bisher.

Können Sie Bilanz ziehen, was sich nach einem Jahr an der Behandlung verändert hat?

Wir sehen, dass wir im gesamten Ablauf - von der Aufnahme des Patienten ins Krankenhaus bis zur Entlassung - besser geworden sind. Das zeigt sich auch in gesunkenen Sterblichkeitsraten bei beatmeten Patienten. Aber, und jetzt kommt der kleine Wermutstropfen, wir können nicht verkünden, dass wir eine magische Waffe gefunden haben. Wir können derzeit auf dem Sektor von anti-entzündlichen, hochwertigen Substanzen keine Erfolge vermelden. Aber wir werden mit allen Fachgesellschaften weiter daran arbeiten, wissenschaftliche Evidenz zu sammeln und eine Bewertung abzugeben. Deshalb: AHA + L + Impfung. Das wird uns helfen. Wenn wir bei der Impfung Zahlen haben wie in Israel, dann kommt endlich ein Silberstreifen am Horizont. Fragen Sie mich aber nicht, wann das sein wird.

Quelle: ntv.de, jwu

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