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Starke Nebenwirkungen selten Janssens: Astrazeneca-Impfstoff wird "zerredet"

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Der Astrazeneca-Impfstoff bietet einen "guten Impfeffekt", sagt Janssens.

Die Corona-Variante B.1.1.7 wütet in Flensburg und droht dem zuletzt positiven Infektionsgeschehen entgegenzuwirken. Der Intensivmediziner Uwe Janssens erklärt gegenüber ntv, warum der Astrazeneca-Impfstoff weiterhin ein wirksames Mittel in der Virusbekämpfung darstellt und was dieser den mRNA-Impfstoffen sogar voraushat.

ntv: Herr Janssens, wie bewerten Sie die Lage in Flensburg?

Uwe Janssens: Es ist jetzt so, dass wir gespannt in eine Stadt blicken, die nun tatsächlich eine Mutation zu verzeichnen hat. Aber seien wir mal ganz ehrlich: Die Erfahrung haben doch andere Länder schon gemacht. Nehmen Sie Dänemark mit einem Anteil von 50 Prozent. Das Robert-Koch-Institut sagt, dass der Anteil der Mutation des britischen B.1.1.7 in Deutschland gegen 20 Prozent geht. Also, wir weisen seit Wochen darauf hin, dass leider Gottes in die abfallenden Infektionszahlen jetzt diese Mutation reinspringt und die positiven Aussichten, wie wir jetzt in Flensburg sehen, zwar nicht zerstört, aber doch infrage stellt.

Welche Erkenntnisse können wir aus dem Fall Flensburg ziehen?

Wir werden weiterhin sehr gespannt in die nächsten Wochen blicken. Denn die Mutation, wie wir wissen, ist ansteckender. Darüber hinaus haben die Kollegen in Flensburg berichtet, dass sie nicht nur ansteckender ist, sondern auch schwerere Krankheitsverläufe hervorruft. Und die Briten haben gezeigt, dass sich dort mittlerweile sogar die Todesrate erhöht.

Was hat das für die Maßnahmen zu bedeuten?

Das bedeutet: Die Kollegen, die da die Verantwortung in Flensburg haben, können im Moment nichts anderes tun, als den Lockdown zu verschärfen. Ob die nächtliche Ausgangssperre einen Einfluss auf das Infektionsgeschehen hat, wage ich zu bezweifeln.

Was empfehlen Sie dann?

Tatsächlich sind Kontaktbeschränkungen, also was alle Epidemiologen, Virologen und Mediziner seit Monaten predigen, im Augenblick die einzige Waffe. Wir müssen einfach darauf achten, so wenig Kontakte wie möglich zu haben. Das ist der beste Schutz, den wir im Moment haben. Um es nochmal klar zu sagen: Die Impfungen, zumindest die der Firma Astrazeneca, welcher ja ein bisschen in der Diskussion ist, konnten zeigen, dass sie gegen die britische Mutation tatsächlich noch effektiv sind.

Astrazeneca hat ja genau das Imageproblem, dass der Impfstoff eben nicht so gut wirkt wie etwa der von Biontech/Pfizer. Können Sie uns das nochmal einordnen?

Ich muss an der Stelle nochmal ganz klar darauf hinweisen, dass alle Impfstoffe sehr gut wirksam sind, und zwar deutlich wirksamer, als wir das von der Influenza-Impfung kennen. Zweitens sind natürlich die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und der Firma Moderna wirksamer. Wir waren sehr erstaunt, wie wirksam die überhaupt sind. Drittens: Es ist sehr schade, dass eigentlich der gute Impfeffekt des Astrazeneca-Impfstoffs derzeit zerredet wird, gesagt wird, er sei weniger wirksam, deshalb will ich den nicht.

Der Astrazeneca-Impfstoff ist also nach wie vor ein probates Mittel in der Pandemiebekämpfung?

Wir plädieren ganz stark dafür, die Impfungen weiter durchzuführen, denn wir sehen in den Daten, dass der schwere Verlauf, und das wollen wir ja verhindern, in den Impfgruppen überhaupt nicht stattgefunden hat. Nur in den Kontrollgruppen, also in den Gruppen, die keinen Impfstoff erhalten haben, kam es dazu. Wir gehen deshalb schon davon aus, dass der schwere Verlauf durch die Impfung verhindert wird.

Wie bewerten Sie etwaige Nebenwirkungen, über die berichtet wird?

Die Nebenwirkungen, über die jetzt berichtet wird, sehen wir im Übrigen auch bei Biontech/Pfizer und Moderna. In den großen randomisierten Studien waren sie tatsächlich sogar bei der Astrazeneca-Population geringer aufgetreten. Die Meldungen über starke Nebenwirkungen bei Pflegern sind Einzelfälle. Wenn die jetzt extrapoliert und gezeigt werden, ruft das natürlich sofort Ängste hervor. Deshalb plädieren wir sehr stark dafür, von diesen Einzelfällen abzusehen und die ganz großen Daten zu zeigen, die eigentlich darauf hindeuten, dass der Impfstoff sicher ist und bei der zweiten Impfung sogar besser vertragen wird als die Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna.

Ist es denn realistisch, davon zu träumen, dass dieses Virus irgendwann auch mal wieder komplett aus unserem Leben verschwindet?

Da bin ich vielleicht der falsche Ansprechpartner, aber ich sag Ihnen ganz klar: Die Leute, die sich wirklich sehr intensiv damit beschäftigen, sagen, es ist nicht ganz realistisch. Wir werden wahrscheinlich mit dem Virus leben müssen, aber wir werden hoffentlich intelligenter sein als das Sars-Cov-2-Virus, weil wir nämlich auch die Impfstoffe nach und nach anpassen. Astrazeneca ist jetzt schon dabei, den Impfstoff anzupassen, auch an die südafrikanische Mutation. Auch die anderen Impfstoffe, und das ist doch die gute Botschaft, können mit dieser Technologie relativ rasch auf eine Veränderung des Virus reagieren und damit das Virus auch effektiv bekämpfen.

Was erwartet uns in naher Zukunft?

Wir werden regelmäßig Impfungen durchführen müssen, und wir werden auch tief ins Jahr 2021 die anderen Hygienemaßnahmen weiter beachten müssen. Parallel dazu können wir hoffentlich bald wieder in das Gesellschaftsleben zurückkehren, aber unter anderen Voraussetzungen. Ich glaube, daran werden wir uns alle zunächst gewöhnen müssen. Das Virus wird uns begleiten, aber ich bin sehr zuversichtlich, dass die Menschen die Oberhand behalten werden, wenn sie klug und vernünftig agieren und nicht sich verrückt machen lassen. Wir werden den Weg gehen, und wir werden mit diesen Impfstoffen tatsächlich einen Erfolg sehen, da bin ich felsenfest von überzeugt.

Mit Uwe Janssens sprach Christopher Wittich. Es handelt sich hierbei um die sprachlich und textlich leicht angepasste Version des Skype-Interviews vom 18. Februar.

Quelle: ntv.de