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Cyntoia Brown sitzt wegen Mordes lebenslänglich hinter Gittern - obwohl sie damals noch minderjährig war.
Cyntoia Brown sitzt wegen Mordes lebenslänglich hinter Gittern - obwohl sie damals noch minderjährig war.
Donnerstag, 23. November 2017

Vergewaltigt und verkauft: Der Fall der Cyntoia Brown

Aus Angst, er wolle sie umbringen, erschießt Cyntoia Brown einen Freier - mit 16 Jahren. Trotzdem wird das Mädchen zu lebenslanger Haft verurteilt. Prominente fordern nun, den Fall neu aufzurollen. Vor allem ein Tweet von Kim Kardashian sorgt für Aufsehen.

Kim Kardashian, Cara Delevingne und Rihanna nutzen ihren Prominenten-Status, um auf einen Justiz-Skandal aufmerksam zu machen, der bereits viele Jahre zurückliegt. Es geht um Cyntoia Brown. Die heute 29-Jährige verbrachte fast ihr halbes Leben im Frauengefängnis in Nashville im US-Bundesstaat Tennessee. Brown war gerade 16 Jahre alt, als sie einen Mann erschoss, der sie sexuell missbraucht hatte. Die Tat hat sie nie bestritten.

38 Jahre hinter Gittern liegen noch vor Brown, berichtet die "New York Post". Obwohl sie während des Prozesses noch minderjährig war, wurde sie als Erwachsene verurteilt. Sollte sich an ihrer Strafe nichts ändern, wird sie das Gefängnis als alte Frau verlassen. Erst mit 67 Jahren, also nach 51 Jahren hinter Gittern, wird Brown demnach ein Anrecht auf Bewährung haben.

Der Filmemacher Dan Birman recherchierte bereits 2011 den Fall und veröffentlichte eine Dokumentation unter dem Titel "Me Facing Life: Cyntoia's Story". Anfang der Woche wurde die Reportage erneut im US-Fernsehen ausgestrahlt. Seither setzen sich Menschen in aller Welt dafür ein, dass der Fall neu aufgerollt wird. Der Hashtag "FreeCyntoiaBrown" macht im Netz die Runde, eine Petition sammelt erneut Unterschriften, um ihre Begnadigung durch den US-Präsidenten zu fordern. Bislang haben knapp 280.000 Menschen unterschrieben, darunter viele Prominente.

Zwischen gewohnt freizügigen Bildern schreibt etwa Kim Kardashian an ihre 57 Millionen Twitter-Follower, sie habe gerade ihre Anwälte eingeschaltet, "um zu klären, ob und wie man Cyntoia helfen kann". Das System habe versagt: "Es bricht mir das Herz zu sehen, dass ein junges Mädchen zur Prostitution gezwungen wird und dann, wenn sie den Mut hat, sich zu wehren, eine lebenslängliche Strafe bekommt."

Alkohol, Gewalt, Sex-Sklavin

Browns Leben ist alles andere als leicht, sie wächst in einer Familie auf, in der sexueller und physischer Missbrauch gegenüber Frauen zum Alltag gehört - über mindestens drei Generationen. Ihre Mutter ist drogensüchtig und trinkt auch während ihrer Schwangerschaft reichlich Alkohol. Brown kommt mit einer Schädigung des Gehirns zur Welt, wie später herausgefunden wird. "Sie hatte nie eine Chance", erklärt Regisseur Birman. Sie trage ein frühes Trauma in sich, sei zwar intelligent, doch in vielem wie ein Kind.

Wie ihre Großmutter und Mutter erlebt auch Cyntoia sexuelle Gewalt. Als sie die Qualen nicht länger erträgt, reißt sie von zu Hause aus und gerät in die Fänge eines Zuhälters, der sich "Kutthroat" (zu Deutsch: Halsabschneider) nennt. Er gibt Brown Drogen und macht sie zur "Sex-Sklavin". Immer wieder habe er sie geschlagen, gewürgt und mit Waffen bedroht, wird sie später im Prozess aussagen.

Anfang August 2004 wird Brown von einem Freier namens Johnny Mitchell Allen, dem späteren Opfer, angesprochen. Allen ist 43 Jahre alt und Immobilienmakler. Er bezahlt 150 Dollar für Sex und schleppt Brown in ein Haus voller Waffen. Laut den Gerichtsdokumenten verhält sich Allen im Bett beunruhigend und seltsam, Brown wird zunehmend panisch. Als er unter sein Bett greift, gehen die Nerven mit ihr durch, sie greift zur Pistole und erschießt ihren Freier - "aus Notwehr", wie sie sagt.

"Das Ganze ist völlig verrückt"

Birmans Dokumentarfilm sorgte vor sechs Jahren zwar für viel Aufsehen und hat zu einer Debatte über die Gesetzgebung im US-Bundesstaat Tennessee geführt, auf Browns Urteil hatte dies aber bislang keine Auswirkungen. Ein Urteil des Supreme Courts aus dem Jahr 2012, wonach die lebenslange Haftstrafe für Minderjährige ohne die Möglichkeit der vorzeitigen Entlassung gegen den 8. Zusatzartikel der Verfassung verstößt, führte in Tennessee bisher nicht zu einer Gesetzesänderung.

"Die Justiz ist so rückständig! Das Ganze ist völlig verrückt", beschwert sich das britische Model Cara Delevingne. Für die US-Sängerin Rihanna ist Brown das eigentliche Opfer. "Haben wir irgendwann die Definition von Gerechtigkeit geändert? Etwas läuft gewaltig falsch, wenn das System sich auf die Seite der Vergewaltiger stellt und das Leben der Opfer einfach so wegwirft."

Quelle: n-tv.de

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