Panorama

Bevölkerung auf Schrumpfkurs Deutschland verliert 20 Millionen Einwohner

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Auf dem Land kennt die Bevölkerungsentwicklung nur eine Richtung.

(Foto: imago images/BildFunkMV)

Bald leben 85 Millionen Menschen in Deutschland, aber dann ist der Wendepunkt erreicht und wir beginnen zu schrumpfen: Bis zur Jahrhundertwende verlieren wir fast 20 Millionen Einwohner. Das ist schlecht für die Rentenkasse, entspannt aber den Wohnungsmarkt. Teilweise zumindest.

Die nächsten 15 Jahre wird es noch ein bisschen enger, dann aber deutlich luftiger: Ab 2035 beginnt die Bevölkerungszahl zu schrumpfen. Dramatisch, im Jahr 2100 leben voraussichtlich nur noch 66 Millionen Menschen in Deutschland, hat ein internationales Forscherteam berechnet. Deutschland gehöre zu den ersten Ländern, die den demografischen Wachstumspfad verlassen, sagt Manuel Slupina vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Das habe den Grund, dass die Kinderzahlen in Deutschland deutlich gesunken sind: "Jede Generation ist rund ein Viertel kleiner als ihre Elterngeneration."

Diese Entwicklung ist kein rein deutsches Phänomen. In den Industrienationen ist die Geburtenrate schon vor Jahrzehnten unter das sogenannte "bestandserhaltende Niveau" gefallen. Mittelfristig können sie den Schrumpfkurs noch durch Zuwanderung auffangen, langfristig aber nicht. In ihrer Studie kommen die Forscher zu dem Ergebnis, dass die Bevölkerungszahl bis zum Ende des Jahrhunderts in 183 von 195 Ländern sinken wird. Mehr als 20 Länder wie Japan, Spanien, Italien und Polen werden demnach sogar um mehr als die Hälfte schrumpfen. Auch China wird im Jahr 2100 mit rund 730 Millionen Einwohner nur noch knapp halb so viele wie heute haben.

Weltweit werden in 80 Jahren voraussichtlich 8,8 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Das ist durch den extremen Geburtenanstieg in Afrika immer noch etwa eine Milliarde mehr als jetzt, aber sehr viel weniger, als Forscher erwartet haben: In der aktuellen Prognose der Vereinten Nationen war von knapp 11 Milliarden Erdenbewohnern die Rede.

Pioniere des Schrumpfens

Gerade in Industrienationen sinkt aber nicht nur die Bevölkerungszahl, die Menschen werden im Schnitt auch immer älter. In Deutschland spüren das schon jetzt die dünn besiedelten ländlichen Regionen. Dort nehme die Bevölkerung schon seit einigen Jahrzehnten deutlich ab, sagt Demografie-Experte Manuel Slupina. "Das ist im Süden Brandenburgs der Fall, in der Uckermark, in der Prignitz, in Teilen Sachsen-Anhalts, in Nordhessen, in der Südwestpfalz und im Norden Bayerns. Das sind Regionen, die schon länger erfahren, was es bedeutet, wenn die Zahl der Menschen weniger wird."

Denn die jungen Menschen rennen den ländlichen Regionen davon. "Die 18- bis 24-Jährigen, die Bildungswanderer, gehen nach dem Abitur weg in die großen Städte, zum Studieren, für einen Ausbildungsplatz", sagt Manuel Slupina. Diese Regionen erleben schon jetzt das, was uns deutschlandweit in 80 Jahren droht: "Sie müssen sich Stück für Stück daran anpassen, dass sie schrumpfen und Ideen entwickeln, um gegenzusteuern. Sie brauchen Konzepte, wie sie Versorgungsangebote aufrechterhalten, auch wenn weniger Menschen den Bus benutzen, weniger Menschen einkaufen oder zum Arzt gehen. Das ist spannend zu sehen, wiil diese Regionen ein Stück weit Pioniere sind, wenn es darum geht, einen Ordnungsrahmen für das Schrumpfen aufzustellen."

Wendepunkt in 15 Jahren

Aktuell befinden wir uns noch in einer Übergangsphase, in der die deutsche Bevölkerungszahl durch Zuwanderung und leicht steigende Geburtenziffern sogar steigt. Erst 2035 ist der Wendepunkt bei etwa 85 Millionen Menschen in Deutschland erreicht und der Alterungsprozess gewinnt an Fahrt. "Dann kommen die letzten geburtenstarken Jahrgänge in Deutschland, die Babyboomer, ins Rentenalter", sagt Experte Slupina. Und spätestens dann beginnt der unangenehme Teil: Aus der Rentenkasse wird mehr Geld herausgenommen als eingezahlt. Mit sinkenden Bevölkerungszahlen sinken auch die Steuereinnahmen.

"Das ist der Preis, den man dafür zahlt, dass man einen gewissen Wohlstand erreicht", sagte Manuel Slupina. "Die Familien werden kleiner und die Bevölkerung beginnt zu schrumpfen. Deshalb müssen wir gucken, wie wir unsere Wirtschaft am Laufen halten, wenn weniger Arbeitskräfte da sind und wie wir unsere Sozialsysteme finanzieren, wenn es weniger Beitragszahler gibt."

Weniger Menschen, neue Möglichkeiten

Ein schrumpfendes Deutschland hätte aber nicht nur Nachteile. Viele Probleme, die aktuell unser Leben bestimmen, lösen sich mit weniger Menschen quasi von selbst auf: Straßen, Busse und Bahnen sind leerer. Der Andrang auf dem Arbeits- und dem Wohnungsmarkt geringer, und gleichzeitig die Luft etwas sauberer. Unsere Gesellschaft dürfte insgesamt etwas nachhaltiger und umweltschonender werden, sagt Manuel Slupina - mit Einschränkung: "Dieser Bevölkerungsrückgang wird sich natürlich nicht gleichmäßig übers Land verteilen. Auch in Zukunft wird es attraktive Zentren oder Orte geben, die sehr viele Menschen anziehen und weiter wachsen. Auf der anderen Seite wird es entlegene Regionen geben, die dafür umso stärker schrumpfen oder an Bevölkerung verlieren."

Es ist eine Umstellung, aber keine, die dem Demografie-Experten Sorgen bereitet. Moderne Gesellschaften seien sehr vertraut damit, Wachstum zu organisieren und Straßen, Kitas und Wohngebiete zu bauen, sagt Manuel Slupina. Er glaubt, dass das Schrumpfen genauso organisiert werden kann mit ganz neuen Möglichkeiten: Welche ökologische Dividende können wir daraus schöpfen, wenn in bestimmten Regionen weniger Menschen leben? Können wir neue Freiflächen gewinnen? Können wir die Menschen, die noch da sind, in die Dorfkerne zurückholen? Können wir die Zersiedelung stoppen und gleichzeitig eine gute Versorgung garantieren?

In 80 Jahren leben wahrscheinlich nur noch 66 Millionen Menschen in Deutschland. Und das eröffnet dem Land ganz neue Möglichkeiten.

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Quelle: ntv.de