Panorama

Folgen der Corona-Krise "Die Angst wird bleiben"

imago99412575h.jpg

Die Angst, dass jederzeit eine neue Krise kommen kann, wird uns noch lange begleiten, sagt Psychologin Petra Jagow.

(Foto: imago images/Hans Lucas)

Ausgangsbeschränkungen, Kontaktverbot, Homeoffice: Im Kampf gegen das Coronavirus müssen zurzeit viele Menschen auf ihren gewohnten Alltag verzichten. Vor allem Singles und psychisch Labile leiden unter den strengen Maßnahmen, sagt Wirtschaftspsychologin und Coach Petra Jagow. Sie betreut die Corona-Hotline des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen und spricht mit ntv.de über die Sorgen und Ängste der Anrufer. Ein Blick in die Zukunft zeigt: Die Krise birgt auch Chancen.

ntv.de: Sie betreuen die Corona-Hotline des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Mit welchen Problemen haben die Menschen in der Krise zu kämpfen, die bei Ihnen anrufen?

Pressefoto Petra Jagow.jpg

Petra Jagow ist Wirtschaftspsychologin, Coach und Vorsitzende des Vorstands der Landesgeschäftsstelle NRW des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

(Foto: Petra Jagow)

Petra Jagow: Über die Hotline habe ich ein buntes Bild über die aktuellen Probleme vieler Menschen in Deutschland bekommen. Anrufer berichten von Lagerkoller und Panikattacken. Manche haben niemanden, der für sie einkauft. Eltern machen sich Sorgen um ihre Kinder, da sie oft zu leichtsinnig sind. Eigentlich war alles mit dabei.

Gibt es Personengruppen, die die Corona-Krise besonders hart trifft?

Singles leiden besonders unter dem Kontaktverbot. Ihnen fehlt der soziale Austausch deutlich mehr als Menschen, die mit jemandem zusammenleben. Familien kommen dagegen mit der Situation oft besser zurecht. Der gemeinschaftliche Ausflug in den Park oder Ballspielen mit den Kindern erhält die gewohnte Normalität. Singles müssen erst jemanden finden, der mit ihnen spazieren geht. Und dann sollte man unbedingt Abstand halten. Die Möglichkeit, aus diesem Corona-Szenario auszusteigen, ist für Alleinstehende somit sehr viel schwerer.

Was raten Sie Singles?

Trotzdem unbedingt rausgehen und soziale Kontakte suchen. Außerdem ist es wichtig, den Fokus von dem wegzurücken, was gerade nicht geht, hin zu dem, was noch geht: Ich kann immer noch einkaufen, ich kann immer noch um den Block gehen, Ich kann sogar Fahrrad fahren und mich draußen betätigen. Zum Glück haben wir schließlich keine Ausgangssperre, sondern eine Ausgangsbeschränkung. Man sollte viel telefonieren, idealerweise telefonieren mit Video. Wenn man jemanden lange nicht gesehen hat, ist es schön, wenn man ihm zuwinken kann.

Haben psychische Probleme durch die Corona-Krise zugenommen?

Die Probleme entstehen meist nicht durch die Krise. Sie spitzen sich eher zu. Selbst geduldige Menschen werden nervös. Aber die, die vorher schon labil waren, werden besonders aus der Bahn geworfen, wenn der Alltag oder die gewohnten Ablenkungen wegfallen. Wenn man vorher schon Probleme hatte, alleine zu sein, dann fällt einem in der momentanen Situation natürlich ganz schnell die Decke auf den Kopf.

Bei Depression, Angst und Zwang herrscht das Gefühl vor, dass man machtlos ist und nichts dagegen tun kann. Und die Auflagen, die wir gerade haben, erhöhen das Maß an Fremdbestimmung. Ich fand es auffällig, dass die Menschen, die bei der Hotline angerufen haben und schon vorher mit diesen Störungen zu kämpfen hatten, viel strenger bei der Einhaltung der Maßnahmen sind als andere. Sie gehen gar nicht mehr raus. Auch bei den Nachrichten hören sie immer nur, was alles gefährlich ist und können das gar nicht mehr relativieren. Das ganze Szenario ist für diejenigen wie das Ende des Lebens. Und sie kommen da alleine auch nur ganz schwer wieder raus.

Wo können sich diese Menschen Hilfe suchen?

Beratung und Therapie sind weiterhin möglich. Die Schwierigkeit ist eher, einen Platz zu finden. Es gibt momentan allerdings zahlreiche Online-Angebote. Es gibt neben unserer Hotline auch die Telefon-Seelsorge. Sie geben Adressen raus, an die man sich rund um die Uhr wenden kann.

Wie werden wir aufeinander zugehen, sobald die Maßnahmen gelockert werden?

Wir werden uns auf jeden Fall freuen, wenn wir uns wieder die Hand geben und uns nahe sein können - das wird allerdings noch eine Weile dauern. Denn zunächst werden wir Sorge haben, ob eine Umarmung nicht doch ein zu hohes Ansteckungsrisiko birgt. Die neugewonnene Freiheit will man schließlich nicht gleich wieder aufs Spiel setzen, indem man sich am Ende doch noch infiziert. Somit werden wir in der ersten Zeit sicherlich nicht so unbefangen aufeinander zugehen können. Vor allem, da man ja noch nicht weiß, was das Virus eigentlich kann. Reicht ein Mundschutz, um sich zu schützen? Wann kann man jemanden gefahrlos wieder drücken? Das Unmittelbare geht verloren.

Hat die Krise auch positive Effekte für unser Zusammenleben?

Menschen merken, dass sie kein isolierter Satellit sind, der durchs Leben trudelt, sondern eine Gemeinschaft. Wir müssen uns zurzeit alle an Regeln halten und umsichtig miteinander umgehen, wenn es zum Beispiel darum geht, den Bürgersteig zu teilen. Dieses Gemeinschaftsgefühl hatten wir lange nicht mehr. Es gibt natürlich auch ein paar Ausreißer, die rücksichtslos Hamsterkäufe machen und Partys feiern. Aber die Gruppe derer, die sich an die Regel halten und auch im Sinne eines Wir agieren, ist viel größer

Ein weiterer positiver Effekt ist die Digitalisierung der Arbeitswelt, weil wir nun feststellen, dass wir es können. Daher werden künftig viele unsinnige Konferenzen und Reisen entfallen. Zudem steigt die Wertschätzung vieler Berufe, die sich nun als systemrelevant herausstellen. Die Bereitschaft, für andere etwas zu tun und dabei sogar möglicherweise seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen, steigt in der Wertigkeit enorm. Das betrifft nicht nur Krankenschwestern und Pfleger, sondern auch Kassiererinnen.

Welche Langzeitfolgen hat die soziale Isolation für die Gesellschaft?

Die Angst, dass jederzeit eine neue Krise kommen kann, wird uns sicherlich erhalten bleiben. Wir werden lange brauchen, um die Erfahrung zu verarbeiten, dass uns etwas so unerwartet treffen und dann derart über unser Leben bestimmen kann. Denn die Corona-Krise hat uns vor Augen geführt, wie verwundbar wir Menschen durch so einen Virus sind.

Gleichzeitig werden wir aber auch wichtige Erkenntnisse aus der Krise mitnehmen. Sie bringt uns dazu, über grundsätzliche Dinge nachzudenken: Kann ich mich alleine beschäftigen? Mit wem wohne ich eigentlich zusammen? Was will ich in meinem Leben eigentlich noch alles erreichen? Viele werden Entscheidungen für ihre Zukunft treffen. Vor allem Menschen aus der Risikogruppe werden die Zeit, die ihnen bleibt, besser nutzen wollen. Ich denke, wir werden auf jeden Fall viel mehr Bucket-Listen haben.

Mit Petra Jagow sprach Hedviga Nyarsik

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen