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Missbrauchsfall von Lügde Die Jugendämter sind nicht immer schuld

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Das Jugendamt hatte vor Ort immer wieder nach dem Rechten gesehen.

dpa

Kinder verhungern, werden getötet oder missbraucht, obwohl das örtliche Jugendamt bereits mit dem Fall betreut ist. Auch bei den aktuellen Missbrauchsvorwürfen im nordrhein-westfälischen Lügde sind zwei Jugendämter involviert. Trotzdem ist es nicht so einfach mit der Schuldfrage.

Mindestens 23 Kinder werden über Jahre hinweg auf dem Campingplatz von Lügde in Nordrhein-Westfalen sexuell missbraucht. Eines der Opfer ist das Pflegekind des Hauptverdächtigen, Andreas V.. Zwei verschiedene Jugendämter waren mit den Lebensumständen des Mädchens betraut, dessen Mutter wollte, dass es bei dem beschuldigten Mann lebt.

Unmittelbar nach Bekanntwerden der Ermittlungen argumentierte das zuständige Jugendamt Hameln-Pyrmont, man habe nach dieser Anfrage die wirtschaftliche und gesundheitliche Situation des Mannes geprüft und ein erweitertes Führungszeugnis angefordert. Es habe keine Bedenken gegen ihn gegeben, die damals Sechsjährige zog daraufhin nach Lügde. Der Mann ist seit langem arbeitslos, lebt von Hartz IV auf einem Campingplatz. Das sind nicht gerade die Lebensumstände, die man sich für das Aufwachsen eines Kindes wünscht. Trotzdem entschied das Jugendamt, dass das Mädchen dort gut aufgehoben ist. Unter anderem, weil der Mann dort sozial eingebunden in einer Art "winterfestem Wochenendhaus" lebte und das Kind einen eigenen Schlafbereich hatte.

Prof. Dirk Nüsken, Experte für Kinder- und Jugendhilfe an der Evangelischen Hochschule Bochum, sieht das nicht unbedingt als Fehler des Jugendamtes. "Die rechtlichen Normen zur Auswahl einer Pflegeperson sind in Paragraph 44 des SGB VIII und in den Fachkonzepten der Jugendämter festgelegt und prinzipiell dazu geeignet, Kindeswohlgefährdungen auszuschließen", sagt er n-tv.de. Auch der Wunsch der Mutter habe in diesem Fall vermutlich schwer gewogen. Trotzdem müsse man nun schauen, ob die entsprechenden Verfahren geeignet waren und eingehalten wurden.

Inzwischen ist das Mädchen acht Jahre alt, nach der Strafanzeige gegen den 56-jährigen Pflegevater wegen Kindesmissbrauchs im November 2018 wurde es "noch am selben Tag in Obhut genommen". Kurz darauf wurde der Junggeselle festgenommen, den Bekannte als nett und kinderlieb beschrieben. Der Mann war beliebt, organisierte immer wieder Ausflüge für Kinder ins Schwimmbad oder den Freizeitpark. Auf der Pressekonferenz, auf der Polizei und Staatsanwaltschaft über den Ermittlungsstand informierten, hatte der Leiter des zuständigen Kriminalkommissariats bei der Detmolder Polizei, Achim Tietz, gesagt: "Es wurden Lebensräume geschaffen, in denen die Kinder sich wohlfühlten, um dann die Straftaten zu begehen." Alle Opfer stammen aus dem Umfeld des Campingplatzes. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, sagte n-tv, pädosexuelle Täter manipulierten ihr Umfeld, auch die Mitarbeiter von Jugendämtern und Behörden.

"Gewalttätige Eltern oder Pflegepersonen hinterlassen in der Regel deutlichere Spuren", sagt Nüsken. Bei Vernachlässigung, psychischem oder sexuellem Missbrauch sei es schwieriger die Anzeichen zu erkennen, "weil die Taten häufig mit Drohungen und Scham einhergehen und es zahlreiche und unspezifische Anzeichen bei Missbrauch gibt". Außerdem habe es in diesem Fall ein fast professionelles Netzwerk der insgesamt drei nun festgenommenen Männer gegeben. Sie hätten das Ziel gehabt, die Kinder anzulocken, den Missbrauch zu filmen und die Bilder zu vermarkten. "Das ist dann für die einzelnen Mitarbeiter der Jugendämter nicht immer leicht zu durchschauen."

Experten sitzen bei Fachberatungsstellen

Hinzu komme, dass vor allem junge Fachkräfte in den Jugendämtern zwar formal qualifiziert sind, aber häufig noch nicht über die speziellen Fort- und Weiterbildungen verfügen, die vor allem in diesem Bereich erforderlich seien, sagt Nüsken. Deshalb gebe es ja auch entsprechende Fachberatungsstellen für sexuellen Missbrauch, wo dann Experten sitzen, die wiederum Jugendamtsmitarbeiter beraten können und sollen.

Inzwischen ist klar, dass bereits 2016 Zeugen auf einen möglichen Missbrauch hingewiesen hatten. Ein Hinweis ging dem WDR zufolge im August 2016 telefonisch an Polizei, Jugendamt und Kinderschutzbund. Er wurde an das Jugendamt Lippe weitgeleitet. Einen weiteren Hinweis gab der Kinderschutzbund Hameln-Pyrmont nach dem Beratungsgespräch mit einem Vater. Wieder wurden das örtliche Jugendamt und die Polizei informiert. Auch eine Mitarbeiterin des zuständigen Jobcenters war bereits 2016 besorgt. Bei ihr war der mutmaßliche Haupttäter mit der Pflegetochter vorstellig geworden, weil er Geld brauchte. Die damals Sechsjährige sagte bei dieser Gelegenheit, sie könne Männer nicht mehr riechen. Auf einen sexuellen Missbrauch wurde trotzdem nicht geschlossen, das Kind blieb dem weiter ausgesetzt.

Hilfe bei sexuellem Missbrauch

Betroffene oder Menschen, die einen Missbrauch vermuten, können sich kostenfrei und anonym an das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch wenden: 0800-22 55 530. Weitere Infos zu Beratungs- und Hilfeangeboten vor Ort gibt es unter: www.hilfeportal-missbrauch.de

Die Forschung zeigt deutlich, wie ein Behördenversagen in ähnlichen Fällen zustande kam. "In der Regel ist es eine Verkettung mehrerer Fehlerquellen", schätzt Nüsken ein. Meist sei es die Mischung aus fehlenden oder nicht ausreichend qualifizierten Fachkräften, den fehlenden oder falschen Abläufen, um Hinweisen nachzugehen und fehlenden oder nicht richtig übermittelten Informationen aus dem Umfeld des Kindes. Ob es bei den betroffenen Jugendämtern Fehler gegeben hat und welche, das lasse sich noch nicht sagen, meint Nüsken. Die Behörden seien aber verpflichtet gewesen, den Hinweisen nachzugehen. "Damit mussten mehrere Fachkräfte beschäftigt gewesen sein, es waren Hausbesuche vorzunehmen und es musste eine Prognose dokumentiert werden", so Nüsken zu den Anforderungen in einem solchen Fall.

Keine zuverlässige Kontrollinstanz

Ob das jemand kontrolliert hat, steht wieder auf einem anderen Blatt. Nach wie vor gebe es keine zuverlässige Kontrollinstanz für die kommunal agierenden Jugendämter, so Nüsken. Die entsprechenden Landesjugendämter beraten lediglich, haben jedoch keine Aufsichtsfunktion, wenn dann übt der Regierungspräsident diese aus. Und gerade eher kleinere Jugendämter wie es Lippe und Hameln-Pyrmont sind, hätten oftmals nicht die Infrastruktur für ein entsprechendes Fachcontrolling und eine interne Revision von Fallverläufen.

Seit 2006 ist die Zahl der Mitarbeiter in den Sozialdiensten der Jugendämter bundesweit von 9.500 auf etwa 16.000 gewachsen. Damit ist vielerorts manches besser geworden. "Wir haben zum Teil sehr gut aufgestellte Jugendämter und weiterhin andere, die nahezu ständig unter Personalmangel und schlechten Fachstandards leiden", ist Nüskens Erfahrung. "Das befördert dann ein Organisationsversagen, das nicht nur der einzelnen Fachkraft anzulasten ist."

Im Missbrauchsfall von Lügde galt das Wohnumfeld des Kindes als nicht ideal, dafür wurde beim Jugendamt eine "extrem hohe soziale Bindung" zwischen Pflegevater und Pflegekind festgestellt. Außerdem habe es deutliche Verbesserungen im Entwicklungszustand des Mädchens gegeben. Alle zwei Wochen seien Mitarbeiter des Jugendamtes vor Ort gewesen, sagte der Betreiber des Campingplatzes der "Süddeutschen Zeitung". "Das Mädchen war fröhlich, es schien ihm gut zu gehen." Tatsächlich gehört es aber zu den Opfern des jahrelangen sexuellen Missbrauchs, der auch auf Fotos und Videos dokumentiert wurde.

Quelle: n-tv.de

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