Panorama

WHO mahnt mehr Einsatz an Epidemie steuert auf 100.000 Infizierte zu

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Mit großflächigen Desinfektionen (hier in Griechenland) versuchen weltweit die Behörden die Ausbreitung der Corona-Epidemie zumindest zu verlangsamen.

(Foto: imago images/ANE Edition)

Noch immer ist der Höhepunkt der Corona-Ausbreitung nicht in Sicht. Weltweit steigen die Zahlen der Infizierten und Todesopfer. Inzwischen gehen rund um den Globus 300 Millionen Kinder nicht mehr zu Schule. In Europa kämpft Italien mit einem Millionenprogramm gegen die Folgen im eigenen Land.

Die Corona-Epidemie breitet sich rund um den Globus weiter aus. Angesichts steigender Fallzahlen und neuer Todesopfer ist ein Höhepunkt der Erkrankung weiter nicht absehbar. Eindringlich appellierte die Weltgesundheitsorganisation WHO an ein konzertiertes Vorgehen aller Regierungen. Die Epidemie könne eingedämmt und unter Kontrolle gebracht werden. Es sei nicht die Zeit zum Aufgeben oder für Ausreden. "Dies ist eine Zeit, um alle Register zu ziehen."

Weltweit gehen derzeit wegen des Coronavirus bereits rund 300 Millionen Kinder nicht zur Schule - in Deutschland sehen die Verantwortlichen für einen solchen Schritt derzeit keine Notwendigkeit. Auch das iranische Gesundheitsministerium verfügte, dass nun alle Schulen und Hochschulen im Land bis zum Ende des iranischen Jahres am 19. März geschlossen bleiben. Dann beginnen ohnehin die bis zum 3. April dauernden Neujahrsferien. In Südkorea wurde der Beginn des neuen Schuljahres auf den 23. März verschoben. Auch in Japan findet in den meisten Schulen vor den Ferien Ende März kein Unterricht mehr statt. Indiens Hauptstadt Neu Delhi kündigte am Donnerstag die Schließung aller Grundschulen bis Monatsende an. In Deutschland wurden bislang nur vereinzelt Schulen geschlossen.

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Etwas Zuversicht verbreitete derweil das Robert-Koch-Institut (RKI). Die Experten gehen davon aus, dass es für Erkrankte bereits in Kürze Therapeutika geben wird. "Wir sind optimistisch, dass in den nächsten Wochen solche Medikamente dann auch in Deutschland eingesetzt werden", sagt RKI-Präsident Lothar Wieler.

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Es liefen viele Studien, in China insbesondere, wo Medikamente zur Behandlung experimentell getestet werden. Der Einsatz eines Impfstoffes werde nicht so schnell möglich sein: "Wir gehen davon aus, dass wir im Verlauf des nächsten Jahres einen Impfstoff haben werden." Es werde sicherlich in wenigen Monaten erste Impfstoffe geben, die aber zunächst umfangreich getestet werden müssten.

Weltweit immer mehr Infizierte

Für Deutschland meldet das RKI nun insgesamt 400 Fälle. Das sind 138 mehr als am Vortag. Die meisten Erkrankungen wurden demnach in Nordrhein-Westfalen mit 181 Erkrankungen registriert, 65 in Baden-Württemberg, 52 in Bayern. Weiter Corona-frei ist einzig Sachsen-Anhalt. Laut RKI-Präsident Wieler muss davon ausgegangen werden, dass es auch in Deutschland zu Todesfällen kommt.

So schützen Sie sich gegen das Coronavirus

Um die Ausbreitung des Coronavirus zu vermeiden, empfiehlt das Robert-Koch-Institut einige Verhaltensregeln:

  • Hände mehrmals am Tag für 20 bis 30 Sekunden gründlich mit Seife waschen.
  • In die Ellenbeuge husten und niesen, damit die Hände sauber bleiben. Dabei Abstand zu anderen Menschen halten.
  • Hände vom Gesicht fernhalten, aufs Händeschütteln verzichten.
  • In öffentlichen Einrichtungen Hände möglichst mit einem Papiertuch trocknen.
  • Im Büro und zu Hause regelmäßig lüften.

Weiter dramatisch ist die Lage in Italien: Dort erhöhte sich innerhalb von 24 Stunden die Zahl der Toten um 41 auf nun 148. Zugleich wurden 769 neue Infektionsfälle bestätigt, insgesamt sind es in Italien nun 3858. Für den Kampf gegen das Virus und zur Wiederankurbelung der Wirtschaft stellt die Regierung in Rom 7,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Das Geld solle vor allem genutzt werden, "um die Ressourcen der Gesundheitsdienste, des Zivilschutzes und der Ordnungskräfte zu verstärken", sagte Wirtschaftsminister Roberto Gualtieri. Zudem sollten betroffene Familien und Unternehmen unterstützt werden.

Aus Frankreich wurden 432 Infektionen gemeldet - 138 mehr als am Vortag. Bislang sind sieben Menschen an einer Ansteckung gestorben. Präsident Emmanuel Macron erklärte, es sei unvermeidbar, dass sich die Ansteckungswelle in Frankreich zu einer Epidemie ausweite. Inzwischen sind Großveranstaltungen mit mehr als 5000 Personen verboten. In Großbritannien meldet der Gesundheitsdienst den ersten Corona-Toten. In den Niederlanden steigt die Zahl der Infizierten um mehr als das Doppelte auf 82, wie das Nationale Institut für öffentliche Gesundheit mitteilte.

Südafrika bestätigte den ersten Infektionsfall - betroffen ist ein Italien-Reisender. Er war in mit einer neun anderen Menschen in dem Land. Nach der Diagnose isoliert er sich selbst, auch sein Arzt verordnete sich Quarantäne. Nach Verhängung strenger Einreisebestimmungen befinden sich nach Medienberichten rund 100.000 Israelis in Heimquarantäne. Menschen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich und Spanien dürfen nach einer Entscheidung des Gesundheitsministeriums außerdem nicht mehr einreisen - es sei denn, sie können glaubhaft versichern, dass sie eine zweiwöchige häusliche Quarantäne einhalten können.

Im Iran ist die Zahl der Toten durch das Coronavirus um 15 auf insgesamt 107 gestiegen. In den vergangenen 24 Stunden seien zudem 591 weitere Personen positiv auf das Virus getestet worden, teilt ein Sprecher des Gesundheitsministeriums mit. Somit gebe es insgesamt 3513 Infizierte. Alle Schulen und Universitäten blieben bis zum 20. März geschlossen, kündigt Gesundheitsminister Saeed Namaki an. In den USA stieg die Zahl der Todesfälle auf elf. Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom rief den Notstand aus, nachdem dort der erste nachweislich von dem Erreger verursachte Todesfall aufgetreten war.

Weltweit wurden bislang mehr als 97.000 Infektionsfälle mit dem Coronavirus in mehr als 80 Staaten bestätigt, davon 4200 in der EU. Mehr als 3300 Menschen starben an der durch das Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19.

Krisentreffen in Brüssel

Am morgigen Freitag kommen in Brüssel die Gesundheitsminister der EU-Länder zu einem außerordentlichen Krisentreffen zusammen. Neben einer Bestandsaufnahme der aktuellen Situation und bereits ergriffener Maßnahmen sollen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und seine Kollegen vor allem an koordinierten Reaktionen auf die Epidemie arbeiten. Zur Debatte steht etwa die gemeinsame Beschaffung medizinischer Materialien.

Derweil überlegt das RKI Bewegungsdaten aus dem Mobiltelefon Infizierter auszulesen. Dies wäre eine gute Möglichkeit, um Kontaktpersonen von Infizierten aufzuspüren und so die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. "Wir wissen inzwischen, dass das technisch möglich ist", sagt RKI-Chef Wieler. Ein kleines Team des RKI habe mit Mitarbeitern anderer Institutionen in den vergangenen beiden Tagen eine entsprechende "Skizze" erstellt: "Das sind erste Überlegungen." Es werde in Ruhe besprochen, ob das für die Gesellschaft akzeptabel wäre. Für ihn sei klar, dass das nur möglich wäre, "wenn der einzelne seine Daten auch spenden würde".

Immer spürbarer werden auch die Folgen für die Wirtschaft. Die deutsche Tourismusbranche will bei einem Treffen mit der Bundesregierung am Montag um Hilfen bitten. Deutschlands größte Airline Lufthansa streicht bis zum Ende des Winterflugplans am 28. März rund 7000 Flüge. Das entspricht der Leistungsfähigkeit von 150 Maschinen. Allein die Luftverkehrsvereinigung Iata erwartet Umsatzeinbußen für die Branche im laufenden Jahr von 113 Milliarden Dollar.

An den Aktienmärkten waren die Vorzeichen nach einer kurzen Erholungsepisode in den vergangenen Tagen wieder tiefrot. Ein milliardenschweres Notfallpaket der US-Regierung gegen das Coronavirus half genauso wenig wie die Erklärung des Internationalen Währungsfonds (IWF), dass seine Kreditprogramme jederzeit für Maßnahmen gegen das Coronavirus genutzt werden können. Konjunktursensible Werte verloren teils zweistellig.

Gesucht waren dagegen "Stay at Home"-Aktien. "Man sucht sich gerade Unternehmen zusammen, die davon profitieren, dass Menschen in Zukunft häufiger im Haus bleiben", sagte ein Händler. So gehörten dann auch der Essenlieferant Hellofresh zu den Gewinnern. Auch für Teamviewer, ein Anbieter von Videokonferenzen, ging es aufwärts.

Quelle: ntv.de, jwu/dpa/rts/AFP