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Viele Fragen umstritten Ethikrat: Freier Suizid-Entschluss muss respektiert werden

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Ethikratchefin Alena Buyx betonte, dass es innerhalb des Gremiums viele unterschiedliche Haltungen zu dem Thema gab.

(Foto: dpa)

Aufgabe des Deutschen Ethikrats ist es, sich zu heiklen Fragen zu äußern. Kaum ein Thema ist so heikel wie die Entscheidung eines Menschen, das eigene Leben zu beenden. In einer neuen Stellungnahme nähert sich das Gremium diesem Komplex an, verzichtet angesichts vieler Differenzen aber auf eine Empfehlung.

Die wirklich freiverantwortliche Entscheidung zum Suizid muss nach Überzeugung des Deutschen Ethikrates "als Ausdruck des Selbstbestimmungsrechts" akzeptiert und respektiert werden. Dies sagte die Ethikrats-Vorsitzende Alena Buyx bei der Vorstellung einer Stellungnahme zu dem Thema. Staat und Gesellschaft hätten kein Recht, die Menschen am Suizid zu hindern. Allerdings müsse Suizidprävention dennoch eine wichtige Rolle spielen.

Rat und Nothilfe bei Suizid-Gefahr und Depressionen
  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Deutschlandweites Info-Telefon Depression, kostenfrei: 0800 33 44 5 33

  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111)
  • Bei der Deutschen Depressionshilfe sind regionale Krisendienste und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der Deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige. Dort gibt es auch eine E-Mail-Beratung für Depressive.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

Weil die Entscheidung zum Suizid irreversibel sei, müssten freiverantwortliche Suizidentscheidungen jedoch einem besonders hohen Maß an Selbstbestimmung genügen, heißt es in der Stellungnahme mit dem Titel "Suizid - Verantwortung, Prävention und Freiverantwortlichkeit". Das setze die Fähigkeit voraus, alle Gesichtspunkte ausreichend und realitätsbezogen zu bewerten und gegeneinander abzuwägen.

Freiverantwortliche Suizidentscheidungen resultierten überwiegend aus Lebenslagen, in denen die Verwirklichung von Grundbedürfnissen massiv erschwert ist, betonte der Ethikrat in seiner Stellungnahme. Allerdings müssten Staat und Gesellschaft dafür sorgen, dass sich Menschen auch in solchen Situationen nicht genötigt sehen, "den Tod als vermeintlich kleineres Übel dem Leben vorzuziehen", sagte der Sprecher der ratsinternen Arbeitsgruppe, Helmut Frister.

Mehr als 9000 Suizide im Jahr 2021

Zu den strittigen Punkten innerhalb des Ethikrates gehöre die Frage, ob Suizidassistenz bei Minderjährigen in bestimmten Ausnahmefällen zulässig sein soll - und dafür dann ein bestimmtes Prozedere festgelegt werden soll. Uneins sind die Experten auch darüber, ob es die Möglichkeit einer sogenannten Vorausverfügung geben soll - für den Fall, dass der Betroffene zu einem späteren Zeitpunkt eine Krankheit erleidet, die eine selbstbestimmte Entscheidung unmöglich macht.

Strittig ist unter den Experten zudem, in welchem Umfang dem Sterbewilligen die Pflicht auferlegt werden soll, sich einer Aufklärung zu entziehen. Nach Angaben der Ethikrats-Vorsitzenden Buyx haben sich im vergangenen Jahr mehr als 9000 Menschen das Leben genommen. Die Zahl der versuchten Suizide und suizidalen Krisen liege um ein vielfaches höher.

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Buyx verwies darauf, dass das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2020 das Gesetz zur geschäftsmäßigen Förderung der Suizidbeihilfe gekippt hat. Das Gericht unterstreiche das Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Inzwischen berät der Bundestag über eine Nachfolgeregelung. Dazu gibt es drei verschiedene Gesetzentwürfe, die im Juni in erster Lesung beraten wurden. Wann es eine Entscheidung dazu geben wird, ist noch offen.

Der Ethikrat verzichtete nach Angaben von Buyx bewusst darauf, selbst Empfehlungen für eine Regelung abzugeben. Vielmehr sei es dem Gremium darum gegangen, ein "angemessenes Bewusstsein" für das Thema Suizid zu schaffen.

Quelle: ntv.de, jog/AFP

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