Panorama

20 Jahre Sterbehilfe Als die Niederlande das Sterben erlaubten

218292378.jpg

Wie frei sollen Menschen über ihr eigenes Ende entscheiden dürfen? Eine schwierige ethische Frage.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wenn Menschen sterben wollen, etwa weil sie unheilbar krank sind und unerträglich leiden, sind Ärzte und Angehörige oft ratlos. In den Niederlanden erlaubt ein Gesetz Ärzten schon seit 20 Jahren, dem Todeswunsch zu entsprechen.

Akt der Nächstenliebe, Ausdruck von Selbstbestimmung oder beispielloser Tabubruch: Sterbehilfe ist weltweit ein höchst umstrittenes Thema. Vor 20 Jahren erlaubten die Niederlande als erstes Land der Welt die Tötung auf Verlangen. Doch mit der steigenden Zahl von Menschen, die diese Sterbehilfe in Anspruch nehmen, entstehen immer neue Fragen zu ihren ethischen und moralischen Grenzen.

Der Stichtag wirft auch ein Schlaglicht auf die deutsche Debatte: Hierzulande ist aktive Sterbehilfe strafbar. Erlaubt ist hingegen der Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen, wenn das dem Willen des Patienten entspricht, ebenso wie die indirekte Sterbehilfe. Von dieser wird gesprochen, wenn es um die Schmerzlinderung eines Patienten geht und die entsprechenden Medikamente zur Folge haben, dass er früher verstirbt. Auch die Beihilfe zur Selbsttötung ist straffrei - sie kann in der Beschaffung oder Bereitstellung eines tödlichen Mittels bestehen, das der Patient allerdings selbst einnimmt.

Um solche assistierten Suizide war hierzulande in den vergangenen Jahren eine Diskussion entbrannt: 2015 hatte ein Gesetz die "geschäftsmäßige Sterbehilfe" verboten, wogegen Betroffene, Sterbehilfe-Vereine und Ärzte klagten. 2020 erklärte das Bundesverfassungsgericht jenes Verbot für verfassungswidrig. In der Folge haben in Deutschland tätige Sterbehilfe-Organisationen 2021 bei fast 350 Suiziden geholfen, wie die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben, Dignitas Deutschland und Sterbehilfe Deutschland bei einer Pressekonferenz im Februar in Berlin berichteten. Die Vereine bewegen sich dabei noch in einer rechtlichen Grauzone, da die Sterbehilfe im Bundestag gesetzlich zunächst neu geregelt werden muss. Das ist bislang noch nicht passiert, bisher wurden verschiedene fraktionsübergreifende Entwürfe für eine Neuregelung eingebracht.

Aussichtsloser Zustand, unerträgliches Leiden

Das Verbot der aktiven Sterbehilfe steht in Deutschland nicht zur Diskussion. Diese ist derzeit lediglich in den Niederlanden, Spanien, Luxemburg, Belgien, Kanada, Neuseeland und Kolumbien erlaubt, wobei die Niederlande das erste Land der Welt waren, das jene Form der Sterbehilfe legalisierte. Dort trat am 1. April 2002 das "Gesetz über die Kontrolle der Lebensbeendigung auf Verlangen und der Hilfe bei der Selbsttötung" in Kraft.

In Artikel 2 sind die für die Sterbehilfe zu erfüllenden Sorgfaltskriterien ausgeführt: Ihnen zufolge muss der Arzt zu der Überzeugung gelangt sein, dass der Patient seinen Sterbewunsch freiwillig und nach reiflicher Überlegung geäußert hat, dass dessen Zustand aussichtslos und sein Leiden unerträglich ist. Der Arzt müsse den Patienten über seine Aussichten aufgeklärt haben und gemeinsam müssten sie zu der Überzeugung gekommen sein, dass es für die Situation des Patienten keine andere annehmbare Lösung gibt - ein Schluss, der durch die Stellungnahme eines weiteren, unabhängigen Arztes gestützt werden muss.

Sterbehilfe-Meldungen seit Legalisierung kontinuierlich gestiegen

Seither prüfen die "Regionalen Kontrollkommissionen für Sterbehilfe" (RTE) jeden Fall darauf, ob die jeweiligen Mediziner rechtskonform gehandelt haben, und erstellen jährliche Berichte. Aus diesen Berichten entsteht ein Bild über die Entwicklung der Fallzahlen, welche Erkrankung zum Todeswunsch der Patienten führte und wie dieser erfüllt wurde. Dabei zeigt sich, dass die Sterbehilfe-Meldungen seit der Legalisierung kontinuierlich gestiegen sind. Wurden 2003 noch 1885 Fälle gezählt, waren es 2013 schon 4829. Im jüngsten Report für 2020 sind 6938 Sterbehilfefälle verzeichnet. Dies entspreche 4,1 Prozent aller Todesfälle, die in den Niederlanden im gleichen Jahr erfasst wurden.

Wie auch in den Jahren zuvor war das Verhältnis der Sterbehilfe-Meldungen zwischen den Geschlechtern nahezu ausgeglichen. Die meisten Fälle fanden sich in der Altersgruppe zwischen 70 und 80 Jahren (2320 Fälle), gefolgt von der zwischen 80 und 90 Jahren (1722 Fälle). Dabei wurde die Sterbehilfe mit Abstand am häufigsten beim Patienten daheim (81,8 Prozent) und vom Hausarzt durchgeführt (82,4 Prozent).

Ebenfalls wie in den Vorjahren war eine nicht oder nicht mehr heilbare Krebserkrankung der häufigste Grund für die Sterbehilfe: 4480 Menschen entschieden sich laut RTE-Report 2020 deswegen, aus dem Leben zu scheiden. Außerdem wurden 458 Fälle von Erkrankungen des Nervensystems wie Morbus Parkinson oder Multiple Sklerose, 286 Fälle von Herz- und Gefäßerkrankungen sowie 209 Fälle von Lungenerkrankungen gezählt. Hinzu kamen 856 Fälle sogenannter Mehrfacherkrankungen, 235 Fälle kumulierter Altersbeschwerden und 170 Fälle von Demenz, darunter 168 im Anfangsstadium und zwei im (weit) fortgeschrittenen Stadium.

Schafft Angebot Nachfrage?

Obschon die Zahl der Demenz-Patienten unter den Meldungen noch gering ist, verzeichnen die Berichte der vergangenen Jahre doch einen kontinuierlichen Zuwachs. Damit stellen sich allerdings auch neue Fragen, etwa wie lange ein Patientenwille gilt und wie dieser erfasst werden soll, wenn der Patient nicht mehr kommunizieren kann.

Das zeigte sich 2016 im Fall einer schwer an Alzheimer erkrankten Frau, bei der eine Ärztin aktive Sterbehilfe leistete. Die 74-Jährige hatte zwar schriftlich erklärt, dass sie sterben wollte, sollte sie aufgrund der Demenz unerträglich leiden, war aber zum Zeitpunkt der Sterbehilfe nicht mehr ansprechbar. Während des Vorgangs erwachte die Frau und schien sich gegen die Spritze zu wehren, sodass Angehörige helfen mussten, damit die Ärztin die Verabreichung der Medikamente zu Ende bringen konnte. In der Folge kam es zum ersten Strafprozess gegen eine Ärztin seit Inkrafttreten des Sterbehilfe-Gesetzes. 2019 wurde die Medizinerin vom Vorwurf des Mordes freigesprochen - ein Urteil, das der Hohe Rat in Den Haag 2020 bestätigte: Eine schriftliche Patientenfügung werde auch dann anerkannt, wenn der Patient nicht mehr ansprechbar sei.

Nicht nur dieses Beispiel sorgte für Kontroversen, regelmäßig wird auch über die Sterbehilfe bei psychischen Erkrankungen diskutiert. Internationales Aufsehen erregte etwa der Fall von Aurelia Brouwers. Die 29-Jährige litt schon lange an schweren Depressionen, dem Borderline-Syndrom, Halluzinationen und Psychosen. Sie hatte ihren Wunsch, nach Jahren erfolgloser Behandlungen Sterbehilfe zu erhalten, mehrfach öffentlich geäußert. 2018 wurde dem entsprochen - eine Entscheidung, die bis heute heftig diskutiert wird. Viele Kritiker argumentierten, dass der Zustand der Patientin nicht unheilbar gewesen wäre oder dass ihr Todeswunsch ein Symptom ihrer psychischen Erkrankungen sei. Andere kritisierten ihr junges Alter. Möglich ist Sterbehilfe in den Niederlanden schon für Kinder ab 12 Jahren, bis zum 15. Lebensjahr müssen die Eltern oder Erziehungsberechtigten zustimmen, bei 16- bis 17-Jährigen müssen sie in die Entscheidungsfindung miteinbezogen werden.

Noch liberaler ist das Sterbehilfegesetz in Belgien: 2014 wurde hier die Altersbeschränkung komplett aufgehoben. Wie die zuständige Kommission berichtete, nahmen seither und bis 2019 vier Minderjährige aktive Sterbehilfe in Anspruch, die an unterschiedlichen unheilbaren Krankheiten litten. Aus Belgien stammt auch eine Studie, welche die Entwicklung der Nachfrage untersucht hat. Wie die Autoren im Fachblatt "JAMA Internal Medicine" 2015 berichteten, stieg nicht nur die Zahl der Sterbehilfe-Wünsche von 2007 auf 2013 deutlich, sondern auch die Quote der Genehmigungen - ein Befund, der von Kritikern als Beleg dafür gesehen wird, dass das Angebot die Nachfrage schaffe. Zudem stellten die Forscher fest, dass Krebspatienten zwar immer noch den größten Anteil der Fälle ausmachten, gleichzeitig aber die Zahl derjenigen mit anderen Krankheiten stiege, ebenso wie die der Menschen über 80 Jahren und solcher, die in Altenheimen lebten.

Beziehungen als Alternative zum Sterben

Das passt zu Bestrebungen in den Niederlanden, Sterbehilfe auch für ältere Menschen zu ermöglichen, die zwar nicht todkrank sind, aber keinen Lebenswillen mehr haben. Um jene Gruppe zu verstehen, gab das Gesundheitsministerium eine repräsentative Studie in Auftrag, deren Ergebnisse 2020 in "BMC Geriatrics" veröffentlicht wurden. Darin gaben etwa 10.000 Niederländer an, nicht mehr leben zu wollen, obwohl bei ihnen keine ernsthafte Erkrankung vorlag. Fast die Hälfte war zwischen 55 und 65 Jahren alt, zwei Drittel waren Frauen und viele niedrig gebildet.

Bei der Hälfte der Befragten schwankte der Todeswunsch, in manchen Fällen abhängig von der Jahreszeit. Zu den Faktoren, die diesen verstärkten, gehörten Einsamkeit, das Gefühl, anderen zur Last zu fallen, und Geldsorgen. Insgesamt wurden die Befragungsresultate als Rückschlag für die Befürworter einer Sterbehilfe-Ausweitung gesehen. Statt dieser sollte eher eine Verbesserung der Lebensbedingungen älterer Menschen angestrebt werden, so der Tenor der Debatte.

Auch Palliativmedizinerin Diane Meier von der US-amerikanischen Icahn School of Medicine at Mount Sinai sieht Faktoren wie Einsamkeit, Angst vor Schmerzen und sozialer Isolation als Indikatoren für Sterbehilfe kritisch, wie sie in einem Kommentar in "JAMA Internal Medicine" schreibt: "Die wachsende Bedeutung der Geriatrie und der Palliativmedizin besteht gerade darin, das Leiden zu lindern, Gesundheit zu erhalten und die Kontrolle über das Leben wiederherzustellen, um den Patienten und ihren Angehörigen zu helfen, eine bessere Lebensqualität zu erreichen." Der Verzweiflung und dem Leid der Patienten sollte vor allem mit menschlicher Zuwendung und Unterstützung begegnet werden: "Bedeutsame und ernsthafte menschliche Beziehungen - nicht 2 Gramm Secobarbital - sind das richtige Rezept."

(Dieser Artikel wurde am Freitag, 01. April 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de, Alice Lanzke, dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen