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"ntv Corona Spezial Frühstart" Frauen trifft Krise besonders hart

Sie betreuen Kinder, schmeißen den Haushalt und arbeiten oft in Pflegeberufen mit hohem Infektionsrisiko: Frauen sind in der Corona-Krise besonders belastet. Die Soziologin Jutta Allmendinger ruft zu einem Umdenken auf und fordert schnelle Konsequenzen für Kitas und Schulen.

Frauen - und vor allem Mütter - sind laut einer aktuellen Umfrage besonders stark durch die Corona-Krise belastet, weil sie sowohl im beruflichen als auch im privaten Umfeld beansprucht werden. Warum Frauen auch langfristig durch die Krise finanziell geschwächt werden können und wie man das vermeiden kann, erklärt die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, Jutta Allmendinger, bei ntv.

"Wir haben eine große Untersuchung gemacht mit über 7000 Befragten. Wenn man nach der Lebenszufriedenheit und der Arbeitszufriedenheit fragt, sind die jungen Mütter diejenigen, wo der Ausschlag am dramatischsten ist", erklärt Allmendinger im Interview. Laut der Soziologin gibt es in der aktuellen Krise drei Faktoren, die Frauen belasten und Unsicherheiten bringen: "Ich spreche immer von den drei großen S: das eine S ist finanzielle Sicherheit, das zweite gesundheitlicher Schutz und das dritte Schule oder Kindertagesstätten. Und man sieht: Frauen in den sogenannten systemrelevanten Berufen haben eine finanzielle Sicherheit, aber sie haben keinen Gesundheitsschutz."

Folgen der fehlenden Schul- und Kita-Monate

Darüber hinaus leiden Frauen besonders darunter, dass die Kitas lange geschlossen sind, weil sie immer noch die meiste unbezahlte Pflegearbeit leisten und aktuell die Kinder zu Hause betreuen. Allmendinger sagt bei ntv, dass die Kita-freie Zeit vielen Kindern bei der künftigen Entwicklung fehlen könnte. "Wir wissen, wann die Entwicklungsphasen von Kindern sind." Wenn man nicht mit jungen Kindern anfange zu arbeiten, ergebe sich oft keine zweite Chance mehr. "Die Kinder lernen in den ersten Monaten, in den ersten Jahren und da müssen wir anfangen."

Außerdem seien gerade Kinder aus bildungsfernen Familien benachteiligt, wenn Kitas und Schulen lange geschlossen sind: "Kinder aus bildungsarmen Familien brauchen die Beziehung zu anderen außerhalb der Familie viel stärker und genau die werden links liegen gelassen." Die Auswirkungen werde man so richtig in 10 oder sogar 20 Jahren sehen, "weil solche Bildungsdefizite nicht mehr aufgeholt werden können".

Die Wissenschaftlerin fordert deshalb, dass man beispielsweise mit Schulgebäuden kreativ umgehen müsse. "Wir können in Gruppen teilweise über den Tag verteilt schulen, das machen andere Länder auch. Dann können wir kleinere Gruppen bilden." Dafür müssten die Einrichtungen aber von der Einheitsbeschulung abrücken.

Krise als möglicher Karrierekiller

Aufgrund der schwierigen Betreuungslage in der Corona-Krise gibt es viele Frauen, die beruflich zurückstecken, um ihre Kinder zu betreuen. Für manche Frauen könnte das laut der Soziologen langfristige Folgen für ihre Karriere haben - auch nach der Krise. Man habe es zuvor verpasst, ein ausgeglichenes Maß zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen Männern und Frauen zu erzeugen, meint Allmendinger.

"Wir wissen, dass Frauen, wenn sie lange aus dem Arbeitsmarkt raus sind, es sehr schwer haben, wieder reinzukommen, und dass sich die Karriereentwicklung verzögert", erklärt die Wissenschaftlerin. Sie hofft deshalb auf Verbesserungen: "So wünsche ich mir in der Zusammenarbeit zwischen Virologen, Psychologen, Entwicklungspsychologen, Soziologen und Verkehrsexperten, dass man die unterschiedlichen Risiken, die unterschiedlichen Chancen übereinanderlegt und dann ein wissenschaftlich gestütztes, parlamentarisches Vorgehen wählt, um zu dem besten Weg in eine neue Normalität zu kommen."

Für die Soziologin ist es wichtig, dass Gesellschaft und Politik aus den Fehlern lernen und dafür sorgen, dass Frauen nicht mehr zurückstecken müssen: "Wenn wir irgendwas lernen, dann, dass wir - wenn die Krise vorbei ist - diese partnerschaftlichen Familien, wie es die Politik so schön sagt, viel stärker leben müssen."

Quelle: ntv.de, sgu