Politik

Wer und was ist systemrelevant? Was uns die Krise lehren kann

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Eine brandenburgische Familie spielt für die Nachbarn die "Ode an die Freude".

(Foto: picture alliance/dpa)

Systemrelevant - 2008 waren das große Banken, heute sind es Krankenpfleger und Kassiererinnen. Sind wir nur gerade pragmatisch oder bringt uns die schreckliche Krise dazu, unsere Maßstäbe auch für die Zukunft anders zu setzen? Warum der Weg zurück keine Option ist, erklärt Jutta Allmendinger, Direktorin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung.

ntv.de: In der Finanzkrise 2008 waren in unseren Augen große Banken systemrelevant. In diesen Tagen sind wir abhängig von Krankenschwestern und denjenigen, die im Supermarkt leere Regale wieder füllen. Was können, was müssen wir für unser Zusammenleben aus dieser Krise lernen?

Jutta Allmendinger: Bei mir in Berlin-Mitte sind um 19 Uhr alle auf dem Balkon und klatschen, für die Krankenpfleger, für die Ärztinnen, für die Erzieherinnen im Notbetrieb. Wenn ich einkaufen gehe, sagen mir die Kassiererinnen, dass sie selten so gern zur Arbeit gegangen sind, obgleich sie sich selbst besonders gefährdet sehen. Sie fühlen sich anerkannt. Seit Langem reden wir über die niedrigen Löhne in diesen Frauen-Berufen, über Einkommensunterschiede und Rentenlücken zwischen Frauen und Männern, die sich daraus ergeben. Nun nennen wir diese Berufe systemrelevant, glorifizieren sie geradezu - zu Recht. Ich hoffe sehr, dass diese Anerkennung bleibt, sich in zeitnahen Zahlungen zeigt und zu deutlich höheren Tarifabschlüssen führen wird.

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Die Soziologin Jutta Allmendinger ist seit 2007 Präsidentin des renommierten Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Die Harvard-Stipendiatin wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes.

Stichwort Frauen und Männer: Gibt es da noch andere Lehren? Ich führe mein Institut gerade von zu Hause aus, in Quarantäne, telefoniere daher sehr viel und beginne immer mit einem Blitzlicht: Wie geht es? Wie kommen Sie zurecht? Insbesondere die Väter sagen mir dann, wie herausfordernd die Situation ist. Denn anders als sonst sind die Kinder nicht in den Kitas und werden in den Randstunden durch die halbtags arbeitenden Mütter betreut. Nein, jetzt sind Väter wie Mütter in Heimarbeit und müssen sich den gesamten Tag mit ihren Kindern aufteilen. Die Väter verbringen nun mehr Zeit mit ihren Kindern, wahrscheinlich auch mit Hausarbeit. Und auch hier hoffe ich, dass bleibt, was wir seit Langem fordern: nämlich eine partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbstätigkeit, Hausarbeit und Kinderbetreuung.

Was sehen Sie an guter Politik, die auch für die Zukunft nach der Krise taugen könnte?

Schon vor der Krise haben wir in vielen Bereichen Risse im Vertrauen zwischen den Menschen gesehen, auch zwischen dem Staat und den Menschen. In unserem gerade erschienenen Buch fordern Jan Wetzel und ich, dass wir eine Politik des Vertrauens aufbauen müssen, mit weniger Misstrauen und Kontrolle. Und genau jetzt, in dieser verheerenden Krise, sehen wir kleine Ansätze einer solchen Politik. Der Sozialstaat gibt nun Leistungen, ohne dass er kontrolliert, ob man tatsächlich erwerbswillig ist, ob man wirklich keine anderen Einkünfte hat. Der Kündigungsschutz bei Wohnungen erhöht sich, weil man weiß, dass die Leute mit ihrer Wohnung in einer solchen Situation ihre Existenz verlieren würden. Mancherorts wird die Vertrauensarbeitszeit eingeführt. Ich würde mir wünschen, dass man später diese Bereiche überprüft und schaut, wo man die Politik in der Krise in eine Politik nach der Krise überführen kann.

Sie selbst arbeiten nun auch im Homeoffice. Wie sehen Sie die digitale Entwicklung?

Gemischt. Wir brauchen die Nähe zu anderen Menschen. Die fehlt. Digital zu führen, ist schwierig, die Vorgaben müssen noch klarer sein. Andererseits wissen wir aus unseren Studien auch, dass viele Menschen über sich selbst sagen, für technologischen Wandel aufgeschlossen zu sein, dies ihren Mitmenschen aber absprechen. Dies wiederum führt oft zu der Reaktion: "Dann mache ich das auch nicht." In diesen Wochen haben jene, die den Luxus von Heimarbeit erleben und nicht ohne Job zu Hause sitzen, keine Wahl. Alle arbeiten digital, selbst jene, die noch nie in einer Videokonferenz waren, die noch nie mit entsprechenden Plattformen gearbeitet haben, sondern ohne elektronische Ablagen, immer mit viel Papier, immer im Flieger.

Wird es das nicht mehr geben?

Ich hoffe, dass wir auch hier nach der Krise immer wieder fragen: Braucht es die Dienstreise, müssen wir so viel drucken? Wie funktioniert die neue Technik? Wie können wir sie in Zukunft nutzen, um mehr Zeit für andere Dinge zu haben? Wie können wir unsere Verwaltung digitalisieren und die Schlangen vor den Bürgerämtern abbauen?

Wird sich unser Gemeinschaftsgefühl verändern?

In dieser Krise zeigt sich eine hohe Solidarität der Jungen gegenüber den Alten. Mein Sohn verzichtet darauf, Freunde zu sehen, er verzichtet darauf, sein Examen zu machen. Kinder verzichten darauf, in die Schule zu gehen, draußen zu spielen. Die Jungen, die mit einer wesentlich geringeren Wahrscheinlichkeit als Ältere gefährlich krank werden, verzichten zugunsten der Älteren. Das ist ein riesiger Vertrauensvorschuss, der zukünftig eingelöst werden muss. Die Jungen wollen, dass sie bei der generationengerechten Ausrichtung des Rentensystems, bei Klimafragen und vielem anderem gehört werden. Das ist eine Frage der Fairness.

Solidarität scheint ja das Gebot der Stunde zu sein, ohne die es keine Chance gibt, das Virus unter Kontrolle zu kriegen.

Ich hoffe es. Mein Kollege Ruud Koopmans weist darauf hin, dass Covid-19 im Moment besonders bei relativ wohlhabenden Personen auftritt. Das hat damit zu tun, dass die Kontaktnetze von Politikern, international tätigen Menschen oder auch Fußballern viel größer sind als bei Menschen mit kleinen lokalen Netzwerken. Jene, die ein geringeres Risiko haben, weil sie gering vernetzt sind, zeigen Solidarität mit denjenigen, die mehr Geld und Sicherheit haben. Auch hier hoffe ich, dass sich diese Solidarität bei den Privilegierten hält, wenn die Schwächeren Hilfe brauchen.

Könnte man das auch gesetzlich festschreiben?

Solidarität lässt sich schlecht verordnen. Wir könnten gegebenenfalls finanzielle Regelungen einbauen, eine Art Soli ab einem bestimmten Einkommen zugunsten jener, die die großen Krisenverlierer sind, weil sie in ungesicherten Jobs gearbeitet haben oder in Unternehmen, die sich nach dieser Krise nicht mehr halten können. Oder einem Bürgergeld, wie es schon vor der Krise diskutiert wurde. Die solidarischen Normen müssen weiter Bestand haben.

Und falls nicht?

Sollte die Solidarität bröckeln, wenn die Gutsituierten, die Gutgebildeten das haben, was sie brauchen, nämlich ihre Gesundheit, dann mache ich mir Sorgen. Dann befürchte ich einen Vertrauensriss, die Wut auf die Elite wird steigen, die Gesellschaft ganz schnell umkippen. Radikale Kreise werden gewinnen, auch wieder die AfD.

Was können wir für unser Gesundheitssystem lernen, außer, dass es für uns überlebenswichtig ist und darum auch Geld kosten darf?

Wir lassen bei diesem Virus eine enorme Präventionsmaschine laufen: Wir bleiben zu Hause, meiden Kontakte, soweit es geht. Das ist sehr, sehr wichtig. Vergleichen Sie das mit anderen präventiven Maßnahmen, die nicht ausreichend verfolgt werden: etwa einem Organspendeausweis oder Impfungen. Ich hoffe also, dass wir auch hier aus der Krise lernen und Prävention stärker in unserem Gesundheitssystem und in unserem Verhalten verankern.

*Datenschutz

Vor dieser globalen Krise hatten viele Krankenhäuser auf dem Land einen schweren Stand - "unrentabel" hieß es dann.

Corona lehrt uns, auf unser Gesundheitssystem zu achten. Nicht vorschnell zu privatisieren, nicht Krankenhäuser dann zu schließen, wenn sie keine schwarzen Zahlen schreiben. Medizin und Krankenhäuser nicht weiter unter einen hohen Kostendruck zu stellen. Es erweist sich als großes Glück, dass wir im Vergleich zu anderen Ländern noch eine einigermaßen gute Infrastruktur haben. Nicht alles läuft besser, wenn der Staat es in private Hände gibt.

Das Bild des Staates scheint sich überhaupt gerade zu wandeln.

Der Staat selbst wandelt sich. Wir sehen in diesen Zeiten, dass er schnell reagieren kann, dass er Bürokratie abbauen kann. Wir sehen, dass Parteien zu den Fragen, die wir heute zu bearbeiten haben, übergreifend Zusammenhalt zeigen. Das finde ich für eine Demokratie ein extrem wichtiges Zeichen.

Mit Jutta Allmendinger sprach Frauke Niemeyer.

Quelle: ntv.de