Panorama

Widerstand gegen Neapels Camorra Gino Sorbillo ist der Pizzabäcker der Legalität

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Gino Sorbillo führt den elterlichen Betrieb weiter.

(Foto: Andrea Affaticati)

Vor ein paar Wochen legte die Mafia eine Bombe vor der Pizzeria von Gino Sorbillo in Neapel. Es ist nicht das erste Mal, dass sie ihn im Visier hat. Doch Sorbillo macht unbeirrt weiter. Und mittlerweile folgen ihm auch andere.

Das erste Mal, als man sein Lokal in Neapels Altstadt in Brand setzte, war vor fünf Jahren. Damals beliefen sich die Schäden an der Pizzeria Sorbillo auf 75.000 Euro. Diesmal, Mitte Januar, warf man ihm eine Papierbombe vor das Fallgatter. Die daraus entstandenen Schäden waren viel geringer, insgesamt 2000 Euro. Das Gefühl der Bedrohung, des Schreckens und der Wut aber waren genauso groß wie damals.

"Warum ich im Visier der Camorra bin? Das weiß ich nicht" sagt Gino Sorbillo, ein schlaksiger, etwas hektischer Mittvierziger, den n-tv.de in seiner seit Kurzem wieder eröffneten Pizzeria trifft. Ein gepanzerter Geldtransporter ist vor das Lokal gefahren. Seine Mitarbeiter weist Sorbillo an, die Türe zum Hinterhof zu schließen. "Um das Einkommen vom Tag davor in die Bank zu bringen, brauchen wir einen Geldtransporter", erklärt er. Seit dem Anschlag habe er auch einen Nachtwächter.

Die Pizzeria Sorbillo gibt es seit 1935. Sie befindet sich in der Via dei Tribunali, der mittleren Hauptachse, die die Stadt genau in zwei Hälften teilt. Gino Sorbillo ist hier aufgewachsen, hat das Gymnasium schräg gegenüber von seinem Lokal besucht, kennt das Viertel also in- und auswendig. "Hier in unmittelbarer Nähe befinden sich einige der wichtigsten Kunstschätze Neapels", erzählt er. Angefangen beim Dom samt Schatz des Stadtpatrons San Gennaro und der Kapelle von San Severo mit der Skulptur des Cristo Velato (deutsch: verschleierter Jesus).

Doch bei allen Sehenswürdigkeiten - die Via dei Tribunali galt bis vor 10, 15 Jahren für Fremde besonders am Abend als äußerst gefährlich. "Ab 19 Uhr war hier Ausgangssperre", erzählt Sorbillo weiter. Denn in der Altstadt mit ihren zig verwinkelten kleinen Gassen hat die neapolitanische Mafia ihr Stammrevier. "Die Mafia heißt hier Camorra" erklärt Sorbillo.  "Und sie unterscheidet sich maßgeblich von der sizilianischen und der kalabrischen 'Ndrangheta." Die Camorra sei weitaus weniger an dem großen Geschäft interessiert und viel mehr am lokalen Machterhalt. "Die Mafia und die 'Ndrangheta versuchen so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen. Nicht so die Camorra. Daher kommt es hier immer wieder zu gewaltsamen Abrechnungen zwischen den Clans, die sich die Viertel aufteilen". Er wisse, wovon er rede, denn er selber sei eine Zeit lang bei der Polizei gewesen.

Schutzgeld habe er noch nie bezahlt

Vor 25 Jahren sattelte er um, folgte seinem Wunsch, das Familienunternehmen weiterzuführen. Viele Freunde hätten damals über diese Entscheidung den Kopf geschüttelt. Er sei doch irre, was wolle er in diesem Viertel. Viel besser wäre es doch, wegzuziehen, sich anderswo eine sichere Zukunft aufzubauen. "Ich wollte aber hierbleiben. Ich komme aus diesem Viertel und bin stolz darauf, genauso wie ich stolz darauf bin, Neapolitaner zu sein", sagt er mit Nachdruck. Neben dem schon von den Eltern geführten Lokal hat er ein weiteres, gleich daran angrenzendes gekauft und im Laufe der Jahre ausgebaut.

Ob die Camorra ihn je unter Druck gesetzt, von ihm den Pizzo, also Schutzgeld verlangt habe, möchte man wissen. Nein, antwortet er prompt, er sei noch nie von der Camorra belästigt worden. "Das mag mit meinem strammen, noch aus der Carabinieri-Zeit stammenden Auftreten zu tun haben. Außerdem meide ich gewisse Bekanntschaften. Ich merke sofort, wenn bei jemandem etwas nicht stimmt". Und was ist mit den anderen Geschäftsleuten hier in der Straße? Genaues darüber könne er nicht sagen, doch er sei sich ziemlich sicher, dass es welche gebe, die den Pizzo bezahlen. Wobei es sich nicht immer um Bargeld handelt.  Manche Geschäftsleute werden gezwungen, bei bestimmten Lieferanten einzukaufen.

Was ihn betrifft, habe er alles darauf gesetzt, seine Arbeit gut und professionell zu erledigen. "Ich habe mich nicht auf die Straße gestellt und mit dem Pizzateig wie ein Straßenkünstler herumgewirbelt". So habe man einst die Besucher angezogen. Qualität, Legalität und ehrbare Arbeit, das seien seine Leitbilder gewesen. "Und das versuche ich auch meinen jungen Mitarbeitern zu vermitteln: Es geht nicht nur darum, eine gute Pizza zu backen, es geht um eine Lebenseinstellung, die auch außerhalb des Arbeitsplatzes gelten muss."

In den Netzwerken angegriffen

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Sorbillo macht die Bedrohung öffentlich.

(Foto: Andrea Affaticati)

Und so wurde er im Laufe der Jahre als der "Pizzaiolo della legalità" - der Pizzabäcker der Legalität - bekannt. Dementsprechend zahlreich waren die Solidaritätsbekundungen nach dem Sprengstoffanschlag, nicht nur der Neapolitaner, sondern aus ganz Italien und sogar aus dem Ausland. Zwar musste man bei Sorbillo schon immer mit einer langen Schlange rechnen, gleich ob am Abend oder zur Mittagszeit. Doch als die Pizzeria zwei Wochen nach dem Attentat wieder aufmachte, waren es hunderte von Menschen, die vor dem Eingang warteten.

"Na ja, es hat aber auch welche gegeben, denen die mediale Aufmerksamkeit überhaupt nicht gefallen hat" fügt er hinzu. Besonders in den sozialen Netzwerken gab und gibt es noch immer den einen oder den anderen, der meint, er hätte aus einer Provokation eine Staatsaffäre gemacht, um sich wieder einmal ins Rampenlicht zu stellen. Das sei unverschämt, halte ihn aber nicht davon ab, weiterzumachen. Außerdem habe gerade die mediale Aufmerksamkeit einigen Geschäftsinhabern den Mut gegeben, öffentlich zuzugeben, dass sie selbst schon Opfer solcher Einschüchterungen geworden sind.

Unlängst verkündete der Vorsitzende des Oberlandesgerichts von Neapel, Giuseppe De Carolis di Prossedi, die Kriminalität in der Stadt sei noch immer besorgniserregend, obwohl die Zahl der Morde seitens der Camorra zurückgegangen ist. Besorgniserregend sei, dass sich zunehmend junge Clanmitglieder das Sagen im Drogenhandel in den Gassen erkämpften. Nichtsdestotrotz möchte er positiv in die Zukunft blicken.

Sorbillo ist verheiratet und hat drei Kinder, 15, 11 und 5 Jahre alt. Was er sich für sie wünscht? "Es kommt darauf an. Wenn sich das Viertel, besser gesagt die Stadt, positiv entwickelt, dann würde ich mich freuen, wenn sie in Neapel bleiben. Wenn nicht, wäre es besser, sie gehen."

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Quelle: n-tv.de

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