Panorama

Jahrelange Kostenexplosion "Gorch Fock": "Neubau wäre besser gewesen"

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Die "Gorch Fock" ist mit einigen Unterbrechungen seit 1958 im Dienst der Deutschen Marine.

(Foto: imago images/TheYachtPhoto.com)

Fast sechs Jahre lang wird die "Gorch Fock" saniert. Die Kosten explodieren, die Staatsanwaltschaft ermittelt zwischenzeitlich wegen Korruptionsverdachts. Ein Neubau des Segelschulschiffs wäre deutlich günstiger gewesen, ist ein Schiffbauer überzeugt.

Ende August ist die "Gorch Fock" zum ersten Mal seit fast sechs Jahren wieder in See gestochen. Eher schlecht als recht, die Probefahrt des Segelschulschiffs von Bremerhaven nach Helgoland wurde nach kurzer Zeit abgebrochen. Ein Ventil im Motor war kaputt. Immerhin: Der Termin für die Übergabe an die Marine am 30. September ist offenbar nicht in Gefahr. "Jetzt sehe ich keine Schwierigkeiten, den vielfach verschobenen Termin nun tatsächlich zu halten", sagt Detlev Löll im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Der Schiffbauer ist Inhaber eines auf Großsegler spezialisierten Ingenieurbüros und war in der Vergangenheit auch an mehreren Sanierungen der "Gorch Fock" beteiligt. "Wir haben auch an der 'Gorch Fock I' gearbeitet, aber vor allem die 'Gorch Fock II' kennen wir bis zur letzten Schraube, wir haben das Schiff mehrfach zerlegt."

Detlev Löll ist nicht nur Schiffbauingenieur, sondern auch sogenannter Großtakelagen-Gutachter, der einzige in Deutschland. Nach Beginn der Sanierungsarbeiten wurde er von der Bundeswehr auch als Gutachter für die Gorch Fock II eingesetzt. Sein Ergebnis: Die Takelage hatte nur ein paar kleinere Schäden, hätte weiterverwendet werden können. Doch weder auf das Gutachten von Löll noch auf das ähnlich lautende Gutachten vom Germanischen Lloyd, dem "Schiffs-TÜV", habe die Bundeswehr gehört, berichtet der Experte. Das Marineunterstützungskommando habe stattdessen empfohlen, die Takelage auszutauschen. Und so seien die Gutachten vom "Schiffs-TÜV" und von Detlev Löll ignoriert worden.

135 Millionen Euro Sanierungskosten

Die Sanierungsarbeiten an der "Gorch Fock" dauern mittlerweile seit fast sechs Jahren an. "Das liegt bei der Bundeswehr im Wesentlichen daran, dass die eine eigene Prüforganisation haben und diese sehr seltsam an Schiffsprüfungen rangeht. Im kommerziellen Bereich ist es üblicherweise so, dass ich genau weiß, was ich machen will, bevor ich einen Auftrag vergebe. Das heißt, ich schicke ein Ingenieurbüro da durch, die gucken sich das genau an, machen eine Arbeitsspezifikation." Danach gebe es eine Ausschreibung bei verschiedenen Werften und eine bekomme schließlich einen sogenannten Festpreisauftrag, erklärt Löll.

"Die Marine macht das anders. Das mag daran liegen, dass die Budgetprobleme haben oder über die letzten 30 Jahre hinweg auch nicht gelernt haben, wie man kommerziell arbeitet." Bei der Bundeswehr werde im Falle notwendiger Arbeiten zunächst nur "ein kleiner Teil beauftragt", erklärt Löll. "Und alles, was dann noch anfällt, wird nachgeschoben."

Die endlos wirkende Sanierung der "Gorch Fock" beginnt im November 2015. Das Segelschulschiff wird der Elsflether Werft, die den Auftrag für die Sanierung erhalten hatte, übergeben. Eigentlich sind nur kleinere Instandsetzungsarbeiten vorgesehen. Die Reparaturen sollen zehn Millionen Euro kosten. Doch die Werft stellt nach und nach immer größere Schäden fest, die Kosten schießen in die Höhe. Zwischenzeitlich werden Baustopps verhängt. Der Bundesrechnungshof schaltet sich ein, prüft den Vorgang. Es kommt raus, dass die Bundeswehr vor Beginn der Sanierungsarbeiten gar nicht genau überprüft hat, ob eine Reparatur überhaupt noch wirtschaftlich ist.

Und das sind noch nicht alle schlechten Nachrichten: Mitarbeiter der Marine sollen Bestechungsgeld von der Werft und weiteren Unternehmen angenommen haben, die an der Sanierung beteiligt waren. Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft Osnabrück - im Raum stehen Betrug, Untreue und Korruption.

Im Februar 2019 meldet die Elsflether Werft Insolvenz an, zu dem Zeitpunkt sind bereits über 70 Millionen Euro in die Sanierung der "Gorch Fock" geflossen. Ein paar Monate später übernimmt die Lürssen-Werft die Arbeiten. Es folgen weitere Verzögerungen, die Kosten liegen am Ende bei 135 Millionen Euro.

Neubau "hätte nicht mal die Hälfte gekostet"

"Die Marine hat eigentlich eigene Kassenprüfer. Aber wir wissen ja nun, dass das wohl nicht so richtig funktioniert hat. Mit der Kontrolle im kommerziellen Bereich läuft das völlig anders. Da schickt der Reeder seine Bauaufsicht zur Werft und sorgt dafür, dass die Arbeiten im Budget bleiben", so Löll im ntv-Podcast.

Der Experte ist überzeugt, dass unter diesen Umständen ein Neubau der "Gorch Fock" die bessere und günstigere Alternative gewesen wäre. "Ja, definitiv. Das hätte nicht mal die Hälfte gekostet." Ein Beispiel sei ein Segelschulschiff der indonesischen Marine, an dessen Bau Lölls Firma beteiligt war. "Das Schiff ist 110 Meter lang, also gut 20 Prozent länger als die 'Gorch Fock' und hat weniger als die Hälfte gekostet", sagt der Schiffbauer.

"Die Geldquelle ist bei der Marine eben unendlich, das ist das große Problem. Im kommerziellen Bereich ist die Geldquelle nicht unendlich. Da ist das Geld limitiert, es gibt ein festes Budget und darüber hinaus kann es nicht gehen. Oder wenn, dann nur mit einem riesigen Aufwand, dann müssen irgendwelche anderen Töpfe herangezogen oder Spender gesucht werden", analysiert Löll. Im militärischen Sektor scheine es diese Art der Kostenkontrolle nicht zu geben, sagt der Experte. "Nur deshalb kann man sich erklären, dass solche Sachen immer so brutal viel Geld kosten."

Das Image der "Gorch Fock" hat in den vergangenen Jahr enorm gelitten. In Medien ist die Rede vom "Schrottboot" oder "Skandalschiff". Und das liegt nicht nur an den Kosten der Sanierung. Die Umweltorganisation WWF vermeldete vor einigen Wochen, dass die "Gorch Fock" höchstwahrscheinlich mit illegalem Holz restauriert worden sei. Auf dem Deck des Schiffs sei Holz aus illegalem Anbau in Myanmar verbaut worden.

Außerdem gab es in den vergangenen Jahren mehrere Todesfälle auf dem Segelschulschiff. 2008 war eine 18-jährige Offiziersanwärterin über Bord gegangen. Die genauen Todesumstände sind bis heute ungeklärt. 2010 kam eine 25-jährige Offiziersanwärterin bei einem Sturz aus der Takelage ums Leben. Danach gab es viel Kritik an den Zuständen und Ausbildungsmethoden an Bord.

Hat das Konzept "Gorch Fock" Zukunft?

Braucht es eine "Gorch Fock" überhaupt noch als Segelschulschiff? Oder sollte man auf die Offiziersausbildung an Bord ganz verzichten und den Segler nur als Prestigeobjekt einsetzen? Für Detlev Löll hat das Schiff trotz der Skandale vergangener Jahre seine Daseinsberichtigung. "Das Ziel eines Segelschulschiffes ist es ja nicht, den Leuten Segeln beizubringen. Es geht im Wesentlichen darum, dass die Leute lernen, sich aufeinander zu verlassen. Das ist ein ganz wesentliches Schulungselement, das mit dem Ziel der Landesverteidigung nichts zu tun hat. So etwas kann man auf einem klassischen Militärschiff nicht machen. Deshalb betreiben alle größeren Marinen auf dieser Erde Segelschulschiffe."

Eins steht fest: Wenn die Marine nächste Woche die "Gorch Fock" endlich übergeben bekommt, braucht es einige Jahre ohne Skandale, um das ramponierte Image aufzupolieren. Zumindest sind die neuesten Probleme mittlerweile aus dem Weg geschafft: Das kaputte Motorenventil wurde ausgetauscht. Die zweite Probefahrt der "Gorch Fock" verlief reibungslos.

Quelle: ntv.de

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