Panorama

Rassismus-Debatte Gut gemacht, WDR!

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Sie haben sich nicht mit Ruhm bekleckert: Steffen Hallaschka, Jürgen Milski, Micky Beisenherz, Janine Kunze und Thomas Gottschalk (v.l.)

(Foto: WDR)

Der Westdeutsche Rundfunk steht in der Kritik, weil er vier Leute unbedarft über Alltagsrassismus diskutieren ließ. Der Inhalt der Sendung war tatsächlich niveaulos. Grund für einen Kniefall des WDR gibt es trotzdem nicht. Die Sendung legte schließlich offen, wie es um unsere Gesellschaft steht.

Bemüht, die richtigen Worte zu finden, fragt der Moderator des "Kölner Treffs" Esther Bejarano, wie es ihr ergangen war damals in Auschwitz, der übelsten aller üblen Tötungsfabriken der Nationalsozialisten. Die Holocaust-Überlebende berichtet mit einer Klarheit, die ihre Schilderungen umso eindrücklicher machen. Der merklich berührte Fragesteller nennt es kurz nach der WDR-Sendung ein "Geschenk, noch mit Menschen reden zu können, die das dunkelste Kapitel Deutschlands miterleben mussten. Wir tun gut daran, zuzuhören. Danke, Esther Bejarano. Es war uns eine Ehre."

Das war im März 2019. Knapp zwei Jahre später sieht sich eben jener Moderator, Micky Beisenherz, dem Vorwurf ausgesetzt, rechtem Gedankengut Vorschub zu leisten. Ebenso wie die drei anderen Gäste der WDR-Talkrunde "Die letzte Instanz", die Schauspielerin Janine Kunze, Thomas Gottschalk sowie der Schlagersänger Jürgen Milski. Alle vier bekundeten öffentlich, die Umbenennung des "Zigeunerschnitzels" in "Schnitzel mit Paprikasoße ungarischer Art" abzulehnen.

Das Quartett hatte von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht und wurde von Mitmenschen, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung ausübten, kritisiert. So sollte es sein in einer Demokratie. Doch es kam, wie es kommen musste. In den a-sozialen Medien tobte ein Sturm, der jede Nuance verwischte. Kein Innehalten und Abwägen, kein Nachdenken über das Gesagte oder gar dessen Ursachen und Motive, sondern Beschimpfungen und Draufhauen. Die Viererbande wurde zu empathielosen Rassisten und Nazis in spe erklärt, gefolgt von Entschuldigungen des WDR und des Moderators der Sendung, Steffen Hallaschka.

"Gesellschaft verändert sich - und damit auch die Sprache"

In der Plauderrunde sollen "kontroverse Themen auf unterhaltsame Weise diskutiert werden", wie der WDR behauptet. Tatsächlich redeten die Gäste über Alltagsrassismus auf einem Niveau, dass der völlig spaßbefreite frühere ZDF-Angestellte Peter Hahne ("Rettet das Zigeunerschnitzel!") dazu gepasst hätte. Die Sendung war inhaltlich nicht unter der Gürtellinie, sondern der Kniekehle. Aber sie erfüllte - vielleicht auch deshalb - sehr wohl den erklärten Zweck des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, zur Meinungsbildung beizutragen. Denn nur über das, was ausgesprochen wird, kann diskutiert werden, nur das kann von der Gesellschaft beackert werden.

Tut sie es nicht und sorgt sie via Shitstorm dafür, dass (endgültig) nur noch das in der Glotze zu sehen ist, was eine bestimmte Klientel als politisch korrekt und gewünscht einstuft, führt genau das zur Spaltung der Gesellschaft. Alles oder möglichst viel unter den Teppich zu kehren, bedeutet ja nicht, dass es verschwindet - es ist dann eben nur nicht sichtbar. Die vier Gäste sind, soweit bekannt, erfolgreiche Mitglieder aus der Mitte unserer Gesellschaft, denen es auch in Corona-Zeiten gut geht. Und wenn die schon so reden, wie sie es taten, was sagt dann die Abgehängte oder derjenige, der gerade seine Existenz verliert?

"Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass wir diese ernsten Themen in einer so unpassenden Gästezusammenstellung produziert und ausgestrahlt haben", sagte WDR-Unterhaltungschefin Karin Kuhn später. Falsch. Perfekter geht es kaum. Die SPD-Politikerin Sawsan Chebli brachte es auf den Punkt: "Mir geht's nicht darum, dass weiße Menschen über Rassismus sprechen, es gibt viele, die Ahnung haben, sondern darum, was sie sagen und wie!"

Milski präsentierte sich als weißer Mann mittleren Alters an der Schwelle zum besorgten Wutbürger. Sein gestisches und verbales Zusammenspiel mit Kunze war ein Offenbarungseid zum Thema Alltagsrassismus, insbesondere zum Verständnis für die Befindlichkeiten von Minderheiten, auf die Beisenherz als Einziger verwies. "Wenn man sich über Sprache keine Gedanken macht, dann kann man auch sagen Spasti oder Krüppel. Weil: Gesellschaft verändert sich - und damit auch die Sprache."

Gäste als "Schrottmenschen" beleidigt

Kunze meinte: "Hier sitzt eine blonde Frau mit relativ großer Brust. Was meinst du denn, was wir uns anhören?" Das verriet sie nicht. Dafür aber: "Wenn ich mich jetzt für jeden Mist beleidigt fühle, Leute, dann habe ich ein echt bescheidenes Leben. Vielleicht fangen wir mal an, lockerer zu werden." Das beschriebene Problem ist Sexismus und kein Alltagsrassismus, weil weiße blonde Frauen mit mehr oder weniger großem Busen keine Minderheit in Deutschland sind.

Hallaschka kam auf die angedachte Umbenennung des Berliner U-Bahnhofs Mohrenstraße in Glinkastraße zu sprechen, die wohl deshalb abgesagt wurde, weil von dem russischen Komponisten Michail Glinka antisemitische Äußerungen bekannt sind. Nun durfte man von Kunze - oder Milski, immerhin Sänger von Beruf - keinen humorvollen Vortrag über den Antisemitismus im 19. Jahrhundert im Allgemeinen und einen Vergleich der antijüdischen Ansichten von Richard Wagner und Glinka im Speziellen erwarten. Aber ein unsinniger Hinweis ließ tief blicken - und zwar nicht in ihren Ausschnitt, sondern in die Gedankenwelt einer Endvierzigerin zu Rassismus und Sprache. Die Schauspielerin erklärte, einen Freund mit Nachnamen Mohr zu haben, der frage: "Soll ich mich jetzt hier umbenennen?" Ihre Antwort: "Das ist doch alles lächerlich."

Ungewollt lenkte Kunze, die Mozart - man höre seine "Entführung aus dem Serail" - noch ungestraft "Blondchen" genannt hätte, auf einen wichtigen Aspekt. Sprache ist ein Abbild ihrer Zeit. Jeder Versuch, sie aus noch so gut gemeinter Absicht, gar vom hohen Ross der Moral aus, durch kollektiven Zwang zu ändern, wird fehlschlagen. Das Schwingen der Nazi-Keule führt nur zu Verdruss und Rückzug. Hallaschka beklagte sich darüber, dass seine Gäste als "Schrottmenschen" abgeurteilt oder sexistisch beleidigt worden seien. "In diesem Tonfall können wir nicht über Diskriminierung reden." Stimmt. Der Begriff der "Schrottmenschen" passt in der Tat zu Rassismus und Ausgrenzung, aber nicht zu einer fairen und fruchtbaren Debatte.

"Fakt ist: Du hast mich damit verletzt"

Gottschalk gab einen wichtigen Hinweis auf die Vermittlung eines "Grundwertekatalogs" in seiner Kindheit mittels des Buchs vom "Struwwelpeter", das in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand. Die Figur des Nikolas befördert Kinder in ein großes Tintenfass, damit sie lernen: "Lasst den Mohren hübsch in Ruh'! - Was kann denn dieser Mohr dafür - dass er so weiß nicht ist wie ihr?" Der Gast sagte: "Wir wussten, dass wir uns nicht lustig zu machen haben über andere Menschen, und dass wir das berücksichtigen für den Rest unseres Lebens." Entscheidend war allerdings, dass Gottschalk jemanden hatte, der ihm das beibrachte.

Einen Schwarzen "Mohr" zu nennen, habe nicht "ansatzweise" mit Respektlosigkeit zu tun, glaubt Gottschalk. Er wird es sicher so empfinden. Nur: Sieht das "der Mohr" auch so? Das ist nämlich der zentrale Punkt der Debatte. Die Journalistin Anna Dushime sagt: "Es ist mir egal, ob du mich dabei nicht verletzten wolltest. Fakt ist: Du hast mich aber damit verletzt." Und Alice Hasters möchte, dass endlich zur Kenntnis genommen wird, "dass die Menschen, die davon betroffen sind, schon seit Jahren sagen, dass sie es rassistisch finden".

Kunze erklärte in ihrer Entschuldigung "als privilegierte weiße Frau": "Es tut mir unendlich leid und ich habe festgestellt, dass ich nicht ausreichend aufgeklärt bin." Auch wenn das Statement wie von einer PR -Agentur formuliert klang und der Wandel über Nacht merkwürdig erscheint, könnte dahinter sehr wohl Erkenntnis stehen. Chebli twitterte: "Bin sicher, dass Kunze es nie wieder so sagen wird und vielleicht sogar einschreitet, wenn andere es tun." Genau das wäre ohne diese Sendung nie passiert. Schon deshalb gibt es keinen Grund für einen Kniefall in der Form, wie ihn der WDR hinlegte. Solche Sendungen sind nicht leicht auszuhalten, aber wichtig.

Quelle: ntv.de

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