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Corona-Zwischenbilanz "Haben Handbuch für die zweite Welle"

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Eine Kombination aus Abstandsgebot und Maskenpflicht hat zur Eindämmung der Pandemie beigetragen.

(Foto: imago images/blickwinkel)

Vor drei bis vier Monaten hat das Coronavirus von China aus die ganze Welt infiziert. Die Staaten haben - manche schneller als andere - viele verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Im Gespräch mit ntv.de erzählt Stefan Thurner, Physiker, Ökonom, Komplexitätsforscher und Leiter des Complexity Science Hub Vienna, mit welcher Methode die Stadt Wien großen Erfolg hatte und was wir aus der ersten Welle für die zweite lernen können.

ntv.de: Wie haben Sie die Maßnahmen der einzelnen Staaten miteinander verglichen?

Stefan Thurner: Wir haben direkt vom Start weg für 80 Staaten sämtliche Maßnahmen, die diese eingeführt haben, in eine Datenbank eingetragen. Insgesamt haben wir über 5000 Maßnahmen für fast 100 Länder registriert. Mithilfe von Machine-Learning-Algorithmen können wir in der Datenbank nach Mustern suchen. Welche Maßnahmenpakete haben zu welchem Zeitpunkt die Infektionszahlen runtergebracht, und wie stark sind die Zahlen jeweils gesunken?

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Stefan Thurner ist Komplexitätsforscher, Physiker und Ökonom.

(Foto: picture alliance / dpa)

Welche Maßnahmen waren besonders wirkungsvoll?

In Österreich und vor allem in Wien hat der sogenannte Ärztefunkdienst super funktioniert. Das Prinzip ist einfach: Wenn man Symptome hat, ruft man diesen Dienst an. Am Telefon wird man dann aufgefordert, zu Hause zu bleiben und bloß nicht ins Krankenhaus oder zum Arzt zu gehen. Dann kommt ein Rettungsteam und macht einen Corona-Test. Der Ärztefunkdienst hat ungefähr 60 Prozent aller Fälle in Wien gefunden. Dadurch ist im Schnitt jede infektiöse Person um einige Zeit früher in die Quarantäne gekommen.

Können Sie das mit Zahlen belegen?

Von Anfang März bis Ende April, also innerhalb von sieben Wochen, gab es in Wien knapp 2.400 Corona-Fälle. Davon hat der Ärztefunkdienst fast 1.500 ermittelt und mindestens genauso viele verhindert. Im schlimmsten Fall hätte es in Wien ohne Funkdienst Ende April 6.700 Corona-Infektionen geben können - also fast dreimal so viele, wie es stattdessen waren.

Dann wäre auch die Zahl der Toten dementsprechend höher gewesen.

Richtig. Wenn Infizierte sechs Stunden früher in Quarantäne gebracht werden, dann kann die Hälfte der Todesfälle reduziert werden. Wenn sie zwölf Stunden früher in Quarantäne gebracht werden, komme ich sogar auf einen Faktor drei, also dreimal weniger Tote durch diese Maßnahmen. In Wirklichkeit wird es irgendwo zwischen sechs und zwölf Stunden gewesen sein. Also hat es durch den Ärztefunkdienst ungefähr halb so viele bis ein Drittel weniger Todesfälle gegeben.

Welche Maßnahmen haben noch positiv zur Bekämpfung der Pandemie beigetragen?

Social Distancing hat einen Anteil, aber auch die Maskenpflicht und die Schulschließungen sind zentrale Punkte. Aber, und das ist wichtig, nur in Kombination konnten die Maßnahmen erfolgreich dazu beigetragen, dass man die Zahlen in den Griff bekommen hat. Das ist die Botschaft, aus der man jetzt lernen muss. Mit den Maßnahmen, die wenig bewirkt oder gar nichts bewirkt haben, braucht man die Bevölkerung dagegen nicht mehr zu belasten.

Welche Maßnahmen haben denn nichts bewirkt?

Einsätze des Militärs. Manche Staaten haben ihr Militär eingesetzt, um Leute zu bremsen und Menschenansammlungen zu unterbinden. Das hat laut unserer Studie überhaupt nichts gebracht. Genauso wenig wie viele Informationskampagnen. Die meisten sind eher wirkungslos.

Vor allem Schweden ist einen ganz anderen Weg gegangen. Wie ist der aus heutiger Sicht zu beurteilen?

Schweden ist gleich groß wie Österreich und hat fast zehnmal so viele Tote. Es stimmt zwar nicht, dass Schweden gar nichts gemacht hat, es hat sehr wohl Einschränkungen gegeben, und das schon relativ früh. Aber natürlich keine so starken wie in Österreich oder Deutschland. Und dieser Verzicht auf starkes Social Distancing und andere Maßnahmen wirkt sich jetzt eben mit dem Faktor zehn aus. Ich denke, den schwedischen Weg muss man als Fehler bezeichnen. Vielleicht auch einfach als Fehleinschätzung, die aber verständlich ist - man hat es ja nicht wissen können.

Welche Lehren können wir aus der ersten Corona-Welle für eine mögliche zweite Welle ziehen?

In einem Monat oder in zwei Monaten ist man hoffentlich so weit, dass man wirklich gute Handlungsanweisungen geben kann, die auf Tatsachen und auf Fakten beruhen und dadurch auch belastbar sind. Aktuell sind dutzende Forschungsgruppen dabei, ihre Ergebnisse zu veröffentlichen. Dann findet wie immer in der Wissenschaft ein Evaluierungsprozess statt. Wenn der abgeschlossen ist, wird man wissen, was hilft. Wir haben eine Welle erlebt und besitzen jetzt eine Art Handbuch für Maßnahmen für eine mögliche zweite Welle, das uns zeigt, wie wir mit der Corona-Pandemie viel besser umgehen können - hoffentlich ohne weitere Lockdowns.

Gut, dass nicht jeder Staat auf die gleichen Strategien gesetzt hat.

Genau. Jeder kann jetzt von jedem lernen. Das ist ziemlich cool. Wenn alle Staaten das Gleiche gemacht hätten, hätten wir wahrscheinlich sehr wenig gelernt.

Mit Stefan Thurner sprach Kevin Schulte

Quelle: ntv.de, sks