Panorama

Zäher Kampf um Beweise Im Goldmünzen-Prozess müssen Indizien reichen

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Die gestohlene Goldmünze "Big Maple Leaf" wiegt 100 Kilogramm und hat einen Materialwert von 3,8 Millionen Euro.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der spektakuläre Diebstahl der "Big Maple Leaf"-Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum war ein Millionencoup. Alle Spuren führen zu einem polizeibekannten Clan. Doch vor Gericht entwickelt sich der Fall zu einem schwierigen Indizienprozess. Denn Hinweise gibt es viele, Beweise keine.

Es war ein schwieriger Prozess: Es gab Spuren, Aussagen, Vermutungen, Indizien, Tipps und Verdachtsmomente. Nur den großen und belastenden Beweis, den gab es nicht.

Und so wurde der Prozess um den Jahrhundert-Diebstahl der Goldmünze "Big Maple Leaf" aus dem Bode-Museum zu einem zähen Ringen. Erfahrene Staatsanwälte gegen namhafte Strafverteidiger. Aber es war auch ein Kampf der deutschen Rechtsprechung gegen Mitglieder eines libanesischen Clans, die mutmaßlich hinter der spektakulären Tat stecken. Dazwischen eine versierte Vorsitzende Richterin, die in einem schwierigen Prozess die Beweisführung auszuloten hatte. Daher ist die Spannung groß, wenn das Berliner Landgericht am Donnerstag im Goldmünzen-Diebstahl das Urteil verkünden wird.

Der Tag an dem diese Geschichte beginnt, ist der 27. März 2017. Ein Überwachungsvideo am Berliner S-Bahnhof Hackescher Markt zeichnet drei vermummte Gestalten auf. Schwarz gekleidet, die Kapuzen weit ins Gesicht gezogen, sind sie auf dem Weg zum Bode-Museum auf der Museumsinsel. Dort angekommen, nähern sie sich zielstrebig einem bestimmten Fenster. Denn dieses Fenster im Bereich der Umkleidekabinen, das hat ihnen ihr Informant gesteckt, soll einen Defekt haben und somit ungesichert sein.

Das Ziel der Diebe ist der Raum 243. Dort steht als Leihgabe eines privaten Sammlers die Münze "Big Maple Leaf". 100 Kilogramm reinstes Gold mit einem Reinheitsgrad von 99,999 Prozent, der sonst fast nur noch in der Raumfahrt vorkommt. Materialwert 3,8 Millionen.

Die drei Diebe zerschmettern die Vitrine - ohne dass ein Alarm ausgelöst wird. Der ist abgeschaltet, wenn der Nachtwächter seine Runde macht. In diesem Moment ist er im Keller unterwegs. Die Eindringlinge heben die Münze vom Sockel und auf ein Rollbrett und verlassen das Museum auf dem gleichen Weg, auf dem sie gekommen sind. 15 Minuten dauert der Coup, dann verschwinden 100 Kilogramm Gold in einer Mercedes-S-Klasse im Dunkel der Nacht.

Alle Spuren führen zum Remmo-Clan

Die Ermittler vermuten, dass es einen Insider gegeben haben muss. Also wird das Personal befragt. Schnell fällt der Verdacht auf Dennis W. Der damals 19 Jahre alte Wachmann ist seit 2017 im Museum beschäftigt. Bei einer Durchsuchung seines Wagens einige Tage vor dem Diebstahl, fanden die Beamten einen Plan vom Bode-Museum, was aber zu dem Zeitpunkt noch nicht auffällig war. Bemerkenswert ist auch: Die Umkleide von Dennis W. ist genau in dem Raum, in dem auch das defekte Fenster war.  "Der Wachmann hatte Kenntnisse zu den Tatörtlichkeiten und den Sicherheitsabläufen im Museum und er soll die Informationen an die anderen Angeklagten weitergegeben haben," sagt Lisa Jani, Pressesprecherin am Landgericht Berlin.

Die Hinweise verdichten sich. Einige sollen von Dennis W. kommen, andere von einer bisher unbekannten Quelle, vielleicht einem V-Mann. Aber alle gehen in ein und dieselbe Richtung: Remmo. Es ist der größte libanesische Clan in Deutschland. Rapper Bushido ging beispielsweise eine Zeitlang ein und aus im Hause Remmo. In Polizeikreisen hingegen ist der Clan eher wegen seiner kriminellen Geschäfte bekannt. Der Verdacht fällt auf die Brüder Wayci und Ahmed und ihren Cousin Wissam Remmo. Sie werden vorläufig festgenommen. Am 10. Januar 2019 startet der Prozess.

Die Verteidigung der Angeklagten ist hochkarätig: Dr. Thoralf Nöding hat unter anderem einen der KaDeWe-Räuber erfolgreich verteidigt, die 2014 im Berliner Luxuskaufhaus Schmuck im Wert von 800.000 Euro erbeutet hatten. Marcel Kelz ist Strafrechtler und anerkannter Revisionsspezialist.

Auch die Vorsitzende Richterin Dorothee Prüfer ist sehr erfahren, wenn es um menschliche Abgründe geht. Mörder, Vergewaltiger, Kinderschänder, Räuber - ihre Palette ist groß. Nun liegt der Jahrhundert-Diebstahl auf Ihrem Tisch. Gleich zu Beginn macht die Verteidigung klar, dass die Mandanten sich nicht äußern werden. Und naturgemäß halten sie auch die Indizien für alles andere als belastbar. Nicht ganz zu Unrecht, so die Vorsitzende Richterin.

Staatsanwaltschaft legt Puzzlestücke zusammen

Da wäre zum einen die Telefonüberwachung. Als der Remmo Clan ins Visier der Ermittler geriet, wurden Telefone und Handys angezapft. Aber Hinweise auf die Tat gab es nicht. Aber wer redet schon über einen Millionenraub am Telefon? Das andere Indiz ist die S-Klasse der Remmo-Familie. Mit ihr soll die Münze wegtransportiert worden sein. Und tatsächlich wurde auch Goldstaub darin gefunden. Ein Ass im Ärmel der Staatsanwaltschaft. Aber wer hat ihn gefahren? Im Hause Remmo heißt es, jeder hätte sich den Wagen nehmen können. Kein Fahrer, kein Täter. Das Ass sticht nicht.

Aber die Staatsanwaltschaft legt weitere Puzzlestücke zusammen: Wissam hatte auf sein Handy eine App zur Goldpreisberechnung heruntergeladen. Wer braucht so eine App, wenn er gar kein Gold besitzt? Zudem verriet seine Google-Suche, dass er sich für Materialien zum Einschmelzen von Gold interessierte. Aber ist beides strafbar? Nein. Ein Indiz? Durchaus.

Und was ist mit der Aussage von Dennis W., die zum Clan führte? Der schweigt plötzlich eisern. Wurde er gekauft, bedroht? Niemand weiß es. Zwar fand die Polizei bei ihm einen Betrag von über 100.000 Euro. Außerdem interessierte er sich in der Zeit nach dem Diebstahl für Immobilien. Doch Familienmitglieder sprangen ihm zur Seite und behaupteten steif und fest, dass sei Geld aus einer Erbschaft gewesen.

Weitere Instanzen wahrscheinlich

Selbst wenn sehr viele Indizien eine Täterschaft der vier Angeklagten nahelegen, eindeutig sind sie nicht. Es sind Indizien, keine Beweise. Nun wird das Gericht nach 41 Verhandlungstagen entscheiden müssen. Die Verteidiger fordern Freispruch, die Staatsanwaltschaft hohe Haftstrafen für alle.

Doch zu Ende ist der Prozess damit vermutlich noch lange nicht. Ist das Urteil ein Freispruch, wird die Staatsanwaltschaft die Revision beantragen. Ist es zu hoch, die Verteidigung. "Dann muss das Urteil noch einmal auf Verfahrensfehler überprüft werden. Danach kann dann nur noch der Bundesgerichtshof entscheiden", so Gerichtssprecherin Jani. Wo die Münze ist, bleibt allerdings bis heute ein Rätsel.

Quelle: ntv.de

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