Panorama

Opfer und Helfer zugleich "In Altenahr riecht es nach Tod"

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Andreas Ahaus vermisst professionelle und gut korrdinierte Hilfe.

(Foto: privat)

Andreas Ahaus wohnt im Katastrophengebiet an der Ahr. Hier berichtet der Bundespolizist über seine Eindrücke, Erfahrungen mit dem Katastrophenschutz und den Schock, den er beim Anblick seines Wohnortes erlitt. "Ich bin wie paralysiert rumgelaufen."

ntv.de: Herr Ahaus, zunächst einmal: Wie sind Sie selbst betroffen?

Andreas Ahaus: Ich hatte mehr Glück als Verstand. Ich hatte meine Wohnung in Altenahr gekündigt, weil ich mit meiner Freundin gerade zusammengezogen bin. Das Haus, in dem ich lebte, steht nah an einem Fels, weshalb es nicht ganz so stark betroffen ist. Die unterste Etage ist allerdings komplett zerstört und voller Schlick und Gerümpel, als hätte das Wasser beim Verlassen des Gebäudes die Tür hinter sich zugezogen. Der materielle Schaden, den ich persönlich erlitten habe, liegt bei wenigen tausend Euro und ist absolut verschmerzbar. Das liegt daran, dass die Wohnung schon leer ist und ich nur noch einige Sachen im Keller hatte. Viele andere hat es x-fach schlimmer erwischt, die haben alles verloren. Das Leid ist hier sicht- und greifbar.

Sie fuhren von Ihrem neuen Zuhause nach Altenahr, um zu helfen?

Der Zufall wollte es so, dass ich momentan Urlaub habe. Als ich die Bilder im Fernsehen sah, konnte ich gar nicht anders, als die Leute zu unterstützen, die noch wenige Tage zuvor meine Nachbarn waren. Nun bin ich jeden Tag hier und helfe, wo und wie ich kann. Nicht als Polizist, sondern als Privatperson.

Wie erging es Ihnen beim Wiedersehen des Ortes?

Ich hatte eine schlimme Vorahnung, aber die Realität war viel schlimmer, zumal ich die Bilder des Dorfes vor der Zerstörung im Kopf hatte. Ich war geschockt und bin die erste Viertelstunde wie paralysiert rumgelaufen. Mir liefen die Tränen, ich habe Rotz und Wasser geheult. Es sah und sieht aus wie nach einem Tsunami. Es gibt Stellen, wo Häuser standen, von denen nicht mal mehr das Fundament existiert. Mich hat das alles wahnsinnig traurig gemacht, da ich weiß, mit wie viel persönlichem Leid die Katastrophe hier und überall entlang der Ahr verbunden ist. Überall Schutt, Chaos und Verwesungsgestank.

Vermuten Sie noch Leichen in Häusern, unter dem Schutt und im Schlick?

Leider ja. In Altenahr riecht es nach Tod. Ich kenne den Geruch aus der Gerichtsmedizin. Die Flut hatte eine bisher unbekannte Zahl Fahrzeuge und Anhänger eines nahen Campingplatzes weggerissen, die hier an einer Brücke hängen geblieben sind, die im Gegensatz zu vielen anderen dem Druck des Wassers standhielt. Aus ihnen und den teils völlig verwüsteten Häusern, vor allem ihren Kellern, sind mit Sicherheit noch nicht alle Leichen geborgen worden.

Sie sind freiwillig dort. Die Hilfsbereitschaft ist offenbar wirklich riesig.

Das kann man wohl sagen. Ich weiß von Einwohnern, die Leben gerettet haben. Mein Vermieter hat alte Leute, die sich nicht aus dem Schlick befreien und nur mit Mühe und Not über Wasser halten konnten, geholfen, die Gefahr zu überstehen. Seine Frau hat spontan einen Imbisswagen besorgt und verteilt an Helfer Bratwürste und Getränke. Kostenlos. Sie bezahlt alles selbst. Wer es wagt, ihr Geld anzubieten, wird scharf zurückgewiesen. Dabei hat das Paar seine Existenz verloren, weil das Restaurant unten in dem Haus zerstört worden ist und vermutlich an Mieteinnahmen gerade nicht zu denken ist. Ein Baumarkt hat mir, nachdem ich sagte, wo ich helfe, ein Notstromaggregat geschenkt. Das hat mich tief berührt.

Es gibt Klagen, der Katastrophenschutz habe versagt. Können Sie etwas dazu sagen?

Ich will niemandem zu nahe treten und denke, dass die Behörden nicht mit einer Hochwasserkatastrophe dieses Ausmaßes rechnen und deshalb nicht für alle Eventualitäten gerüstet sein konnten. Ansonsten kann ich das Urteil und die Kritik leider nur bestätigen. Der Einsatz wirkt chaotisch. Es sind zu viele Köpfe, die das Sagen haben oder haben wollen. Es ist unklar, wer gerade wofür zuständig ist. Die Bundeswehr? Die Landes- oder die Bundespolizei? Der Katastrophenschutz? Die Feuerwehr? Das Rote Kreuz? Das THW? Es gibt keine übergeordnete Stelle, die koordinierend wirkt. Außerdem fehlte und fehlt es an professionellen Kräften.

Wen oder was vermissen Sie denn?

Mir scheint, dass den Orten, aus denen sehr viel berichtet worden ist und die von Politikern besucht werden, schneller und professioneller geholfen worden ist. Wir private Helfer waren - abgesehen von der Freiwilligen Feuerwehr - bis Anfang der Woche auf uns allein gestellt.

Aber Bundeswehr, Polizei, THW und Feuerwehr sind doch in Altenahr jetzt im Einsatz, wie Sie selbst sagen.

Das schon. Aber es sind nach wie vor fast nur Privatleute, unterstützt von privaten Unternehmen, die mit schwerem Gerät helfen und immer wieder auf Tote stoßen. Diese Woche hatte ein 25 Jahre alter Baggerfahrer die Leiche eines kleinen Mädchens auf der Schaufel. Er konnte danach nicht weiter machen, weil er ständig tote Kinder gesehen hat. Da müssten professionelle Bergungskräfte ran, die dafür geschult und auf so ein Ereignis vorbereitet sind, statt dass sich ganz normale Leute nach traumatischen Erlebnissen wie dem Fund einer Kinderleiche die Psyche versauen.

Sind die Behörden - auch aus Mangel an Erfahrung - nicht schlicht und einfach überfordert?

Für die vor Ort würde ich das gelten lassen. Ich kann auch verstehen, dass niemand weiß, wo man anfangen soll bei all dem Chaos. Trotzdem meine ich: Die übergeordneten Stellen haben versagt. Die staatlichen Helfer sind teils frustriert, weil sie immer nur auf Befehle warten. Ich frage mich auch permanent: Was tut ihr da?

Was meinen Sie damit?

Ein Beispiel: Am Dienstag war ein THW-Mitarbeiter in Altenahr, der prüfen wollte, ob der Ortsteil Kreuzberg zeitnah wieder an den Strom geschlossen werden kann. Da habe ich fast einen Lachkrampf gekriegt. Die Stromleitungen sind zusammen mit der Kanalisation aus der Erde gerissen und das THW schickt jemanden, um zu schauen, ob das Dorf wieder ans Netz gehen kann. Wir brauchen Aggregate noch und nöcher. Ich frage mich auch, warum die Bundesrepublik nicht das Ausland um Hilfe bittet, wie es auch geschieht, wenn es irgendwo ein Erdbeben gibt.

Was sagen Sie zu den Politikern im Katastrophengebiet?

Ich finde es absurd, dass Armin Laschet und Malu Dreyer jetzt über Klimaschutz reden und Kraftwerke abschalten wollen, statt dafür zu sorgen, dass wir hier wieder Anschluss an die Zivilisation bekommen.

Mit Andreas Ahaus sprach Thomas Schmoll

Quelle: ntv.de

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