Panorama

Folgen der Corona-Krise Italiens Wucherer feiern in Viruszeiten

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Auch die Banken profitieren von den Notlagen der Kleinunternehmer.

(Foto: picture alliance/dpa)

Vielen italienischen Unternehmern geht in diesen Krisenzeiten das Geld aus, und die Banken gewähren nur spärlich Kredit. Jetzt schlägt die Stunde der Wucherer. Wer einmal in ihren Fängen ist, kommt nur schwer wieder heraus.

Die Corona-Krise hat in Italien vielen Ladenbesitzern, klein- und mittelständischen Unternehmern die letzten finanziellen Ressourcen genommen. In den Medien häufen sich die Berichte über Unternehmer, die Wucherern zum Opfer fallen. Die Notlage kommt angesichts des über zwei Monate langen Lockdowns nicht überraschend. Die Regierung hatte deshalb schon Anfang April das Dekret "Liquidità" verabschiedet, in dem auch Darlehen bis zu 25.000 Euro für diese Unternehmen vorgesehen waren. Die Kredite werden zu 100 Prozent vom Staat gedeckt.

Die Absicht war löblich, die Umsetzung weniger. Bis zum 13. Mai haben lediglich 6,2 Prozent der 165.000 Antragstellern davon profitiert, wie aus einer Studie der Stiftung Arbeitsberater hervorgeht. Das Problem ist, die Banken trauen den Politikern nicht. Zwar sieht das Dekret keine Sachverhaltsermittlung vor, die Institute befürchten aber der Staat könnte eines Tages im Fall von säumigen Unternehmern die Kreditgewährung beanstanden, weil der Kunde schon vor dem Coronavirus finanziell wacklig auf den Beinen war. "Und da würde auch ein mittlerweile beglichener Zahlungsverzug genügen", erklärt Paolo Bocedi, Gründer des Anti-Wucherverbands "Sos Italia Libera", ntv.de.

"Die Unternehmer brauchen aber das Geld dringend, damit die Firma überlebt. Und wenn von der Bank nichts kommt, dann wird man schnell leichtgläubig und vertraut sich dem Ersten an, der Hilfe verspricht". Bocedi weiß, wovon er spricht. Er selbst und sein Unternehmen, war in den 90er-Jahren in Saronno, einer Kleinstadt in der Mailänder Provinz, in die Fänge der Wucherer geraten. Deswegen hat er vor 25 Jahren den Verband gegründet. "Und alle die in Sos Italia Libera freiwillig arbeiten haben dieselbe Erfahrung gemacht", fügt er hinzu.

"Ich saß tief in der Klemme"

Der Leidensweg von Stefano Maiolis begann vor neun Jahren, mitten in der Wirtschaftskrise. Der 51-jährige Unternehmer aus der norditalienischen Region Emilia-Romagna hatte sich 1994 selbständig gemacht und in Castelnovo Monti sein Bauunternehmen für Wärmedämmung und energetische Sanierung gegründet. Die Geschäfte liefen jahrelang gut. Von April bis November konnte er bis zu 30 Saisonarbeiter anstellen. 2011 kam der erste heftige Rückschlag: "Drei große Kunden konnten die ausstehenden Rechnungen nicht mehr zahlen" erzählt Maioli ntv.de. Ein Alptraum, sein Firmenkonto war um 200.000 Euro überzogen, Arbeiter und Lieferanten mussten bezahlt werden.

Er ging zu seinen Banken. Doch trotz eines damaligen Jahresumsatzes von einer Million Euro, gewährten sie ihm erst nach langem Hin und Her einen Kredit. Und auch das nur zu einem Wucherzins, wie er im Nachhinein feststellte. Anstatt der üblichen 13 Prozent, berechnete man ihm 30 Prozent, sagt er.

Daraufhin beschloss er, die Kreditinstitute anzuzeigen. "Unicredit, Banca Popolare dell'Emilia Romagna und BNL, schreiben Sie die Namen ruhig, ich stehe dazu." Die Verfahren laufen noch immer, dafür sei er aber auf der schwarzen Liste der Banken gelandet und bekäme nun gar keinen Kredit mehr. "Was absurd ist, denn der Wert meiner Immobilien beträgt zwei Millionen Euro und als Einzelunternehmer hafte ich ja mit meinem ganzen Vermögen."

"Ich saß also tief in der Klemme und sprach darüber mit Freunden und Bekannten. Und irgendwann sagte mir einer, er kenne jemand, der helfen könnte", fährt Maioli fort. Wenn einmal der Kontakt hergestellt sei, gehe alles sehr schnell. "Man bekommt die 3000 Euro, die man dringend braucht, erstellt einen Scheck für 3600 Euro, der Ende des Monats beglichen werden muss. Wenn nicht, wird ein neuer Scheck ausgestellt. Die Zinsen verdoppeln sich natürlich jedes Mal." Trotzdem habe er es geschafft, seine Firma am Leben zu halten und seine Schulden bis zum letzten Cent zu begleichen. Die letzte Zahlung fand erst vor kurzem statt, wahrscheinlich ist das Geld an die neapolitanische Camorra gegangen. "Den eigentlichen Geldgeber bekommt man ja nie zu Gesicht, trifft sich immer nur mit dem Mittelsmann irgendwo zu später Stunde. Der Kontakt verläuft über Whatsapp. Die Nachrichten habe ich noch alle gespeichert." Jetzt hat er, von Sos Italia Libera unterstützt, gegen die Wucherer Anzeige erstattet, auch weil er endlich wieder zu normalen Bedingungen wirtschaften will.

Die Krediterstattung der Banken muss sich ändern

Als das Dekret "Liquidità" in Kraft trat, schöpfte Maioli Hoffnung. "Ich bin ja kein Versager, mein Unternehmen macht noch immer einen Umsatz von 300.000 Euro im Jahr. Und ich habe immer noch Aufträge, auch wenn im Moment alles still steht." Er ging also wieder zur Bank, um den Antrag zu stellen. Dort sagte man ihm, er müsse nur das Minus von 800 Euro auf dem Konto decken, dann würde einem Kredit nichts im Wege stehen. Das war der Moment, in dem sich Maioli an Sos Italia Libera wandte. So konnte er den Betrag einzahlen. Kurz darauf wurde er zur Bank bestellt und bekam die lapidare Auskunft: "Keine Chance, von uns bekommst du keinen Kredit."

Maioli versagt die Stimme, als er von diesem Tag erzählt. Eine Sache will er aber noch loswerden: "Ich habe vor der Camorra keine Angst. Was mich zerstört, ist das Wuchersystem der Banken. Die haben mich in ihre Arme getrieben. Mich wie Tausende andere Italiener. Schreiben Sie das, denn nur die Medien können uns helfen."

Die Zahl derjenigen, die sich aus Geldnot an andere Quellen wenden, wird in den kommenden Monaten zunehmen, dessen ist sich Bocedi sicher. Für die organisierte Kriminalität ist das jetzt eine ideale Situation. "Mafia, 'Ndrangheta und Camorra zeigen sich hilfsbereit, waschen so ihr Geld und können sich gleichzeitig viele Unternehmen unter den Nagel reißen." Der einzige Lichtblick ist, dass die Anzeigen gegen Wucherer rasant zunehmen. Laut Innenministerium sind sie allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres, um mehr als 10 Prozent gestiegen. "Und das nicht nur in Süditalien", fügt Bocedi hinzu. "Hier in Norditalien, dem Wirtschaftsmotor des Landes, ist das Problem genauso präsent."

Wer sich wehrt, dem wird auch geholfen. Diejenigen, die Wucherer anzeigen, bekommen über den Nationalen Fond für Wucher- und Erpressungsopfer ein zehnjähriges zinsfreies Darlehen und können sich so wieder eine Existenz aufzubauen. "Es ist wichtig, dass die Menschen den Mut finden, die Wucherer zu anzuzeigen, Mut ist nämlich der schlimmste Feind der Mafia", fügt Bocedi zum Schluss hinzu. Solange sich das Banksystem aber nicht ändere, werde es immer Verzweifelte geben, die anderswo Hilfe suchen.

Quelle: ntv.de