Panorama

Unklare Studienlage Johnson setzt auf Arthritismittel

6ccdfc2c655cdd2a2e4ddf3f8ff21c0e.jpg

Johnson setzt bei schweren Corona-Fällen Hoffnung in neue Medikamente.

(Foto: dpa)

Großbritannien hat die Kontrolle in der Corona-Pandemie verloren. Das Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps. Täglich erreichen die Infektionszahlen neue Höchststände. Nun will das Land neue Medikamente bei schweren Fällen einsetzen. Deren Nutzen allerdings ist unklar. Es ist ein Zeichen der Not.

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie will Großbritannien bei schwer an Covid-19 erkrankten Patienten neue Medikamente einsetzen. Man werde ab sofort die "lebensrettenden" Medikamente Tocilizumab (Actemra) and Sarilumab (Kevzara) einsetzen, kündigte Premier Boris Johnson an. Dies könne die Todesrate von Covid-19-Patienten signifikant senken sowie ihre Aufenthaltsdauer im Krankenhaus verkürzen. Üblicherweise werden die Medikamente der britischen Nachrichtenagentur PA zufolge bei rheumatischer Arthritis eingesetzt. Sie sollen bei Covid-Patienten eine überschießende Immunantwort unterdrücken.

Laut einer Studie steigen durch die Mittel von Roche und Sanofi die Überlebenschancen schwer erkrankter Covid-19-Patienten. Die noch nicht begutachteten Ergebnissen der Studie des Imperial College London zeigten, dass sich die Sterblichkeitsrate dank der die körpereigene Abwehr unterdrückenden Arzneien um 8,5 Prozentpunkte reduzierte.

Der französische Hersteller Sanofi hatte sich Anfang September nach einer Studie zur Wirksamkeit von Sarilumab bei schweren Corona-Fällen enttäuscht gezeigt. Es hätten sich keine statistisch signifikanten Unterschiede zur Behandlung mit Placebos gezeigt, hieß es. Ähnlich fasst die "Pharmazeutische Zeitung" Ende November Studien zu Tocilizumab zusammen. Effekte auf die Sterblichkeit, künstliche Beatmung oder Verlegung auf die Intensivstation seien moderat bis nicht nachweisbar. "Das Fazit: Der Nutzen einer Tocilizimab-Therapie bei schwer kranken Covid-19-Patienten bleibt unklar", heißt es. Zum Ergebnis einer vierten Studie zitiert die Zeitung einen Wissenschaftler mit dem Satz: "Ein gewisser Nutzen oder Schaden kann jedoch nicht ausgeschlossen werden."

*Datenschutz

Darüber hinaus setzt Großbritannien - wie der Rest der Welt - große Hoffnungen auf schnelle Fortschritte bei der Impfkampagne. Bislang seien rund 1,5 Millionen Menschen in Großbritannien gegen Corona geimpft worden. Bis Mitte Januar sollten "Hunderttausende Impfungen" pro Tag stattfinden, bis Mitte Februar die gefährdetsten Gruppen - dazu zählen rund 15 Millionen Menschen im Land - einen ersten Impftermin angeboten bekommen haben. Dies könne einen großen Teil der Todesfälle verhindern, erklärte der Chef des staatlichen Gesundheitsdienstes, Simon Stevens.

Mehr zum Thema

88 Prozent der bisherigen Covid-19-Todesfälle gehörten der Gruppe an, die nun beim Impfen oberste Priorität genießt. Großbritannien zählt bereits mehr als 82.000 Menschen mit Covid-19 auf dem Totenschein. In den vergangenen Tagen wurden jeweils mehr als 1000 Todesfälle pro Tag gemeldet.

Krankenhäuser insbesondere in London und im Süden Englands stoßen an ihre Belastungsgrenzen. Insgesamt würden in den britischen Krankenhäusern 50 Prozent mehr Menschen mit Covid-19 behandelt als in der ersten Corona-Welle im April. Für die eskalierende Situation machen Regierung und Mediziner die in Großbritannien entdeckte, wohl deutlich ansteckendere neue Coronavirus-Variante verantwortlich.

Quelle: ntv.de, jwu/dpa/rts