Panorama

Medienkompetenz im Unterricht "Kindern fehlt Rüstzeug gegen Fake News"

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Einer Umfrage zufolge fällt es jedem zweiten Jugendlichen schwer, Falschinformationen im Internet zu erkennen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Corona-Krise hat eine neue Dimension der Desinformationen im Internet ausgelöst. Soziale Medien, Messengerdienste oder Videoplattformen werden mit Verschwörungsmythen und Fake News geradezu überschwemmt. Besonders jungen Menschen fällt es schwer, wahre Informationen von falschen zu unterscheiden. Ihnen fehle die Medienkompetenz, sagt Martin Drechsler. Er sieht die Schulen in der Pflicht. Mit seinem Projekt Weitklick will er Lehrerinnen und Lehrern wichtige Werkzeuge an die Hand geben, damit sie den Umgang mit Medien in ihrem Unterricht besser vermitteln können. Welche Gefahren sonst für die Schüler drohen, erklärt der Experte für Jugendmedienschutz im Gespräch mit ntv.de.

ntv.de: Gerade in der Corona-Pandemie findet der Lebensalltag vieler Jugendlicher noch mehr als bisher im digitalen Raum statt. Doch sind sie ausreichend auf die vielen Desinformationen im Internet vorbereitet?

Martin Drechsler: Ganz klar nein! Eine Untersuchung hat ergeben, dass fast die Hälfte der jungen Menschen sich unsicher fühlt, wenn sie beurteilen muss, ob Informationen wahr oder falsch sind. Das Rüstzeug dafür ist noch nicht flächendeckend vorhanden. Gleichzeitig sind Kinder und Jugendliche besonders anfällig für Fake News. Das liegt vor allem an ihrer mangelnden Lebenserfahrung, aber auch an ihrer natürlichen Neugier. Die ist einerseits ein Risiko. Gleichzeitig aber auch eine tolle Chance, Kindern beizubringen, wie Fake News entlarvt werden können.

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Martin Drechsler ist Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM), die das Projekt Weitklick ins Leben rief.

(Foto: Thomas Trutschel/photothek.de)

Werden Kinder in der Corona-Krise mehr mit Fake News konfrontiert als vorher?

Wir sehen, dass Kinder und Jugendliche immer häufiger auf falsche und nicht vertrauenswürdige Informationen im Internet stoßen. Die Medienzeit hat sich auch bei ihnen in der Pandemie massiv verlängert. Gerade Krisen-Zeiten, wie wir sie gerade erleben, bringen besonders viele Verschwörungsmythen und Fake News hervor. Hinzu kommt die persönliche Betroffenheit. Die falschen Informationen, die jetzt verbreitet werden, betreffen unser aller Leben und somit auch das der Kinder direkt.

Welche Rolle spielen soziale Medien?

Vor allem junge Menschen nutzen soziale Medien überdurchschnittlich viel. Sie können eine hervorragende Plattform sein, um Informationen weiterzugeben und eine Vielzahl von Quellen zu erschließen. Doch gerade die Schnelligkeit der Nachrichtenweitergabe ist auch ein Problem. Denn die Anfälligkeit für Fake News ist viel höher.

Was sind die Gefahren, wenn man Kinder im Umgang mit Fake News alleinlässt?

Falschnachrichten können schon schlicht aus dem Jugendschutzaspekt ein Problem sein. Wir nennen das im Jugendmedienschutz "Entwicklungsbeeinträchtigung". Das sind beispielsweise Inhalte, die Kinder oder Jugendliche überfordern, ihnen ein falsches Weltbild vermitteln oder die gegen unsere freiheitliche demokratische Grundordnung verstoßen.

Die Art und Weise, wie wir als junge Menschen lernen, Medien zu konsumieren, legt den Grundstein dafür, wie wir das als Erwachsene tun werden. Deshalb ist es wichtig, frühzeitig darauf zu achten, dass ein verantwortungsbewusster Umgang mit Informationen auch schon bei jungen Menschen entwickelt wird.

Welche Möglichkeiten gibt es, Jugendliche für Falschinformationen zu sensibilisieren?

Man kann sehr gut bei ihrer natürlichen Neugier ansetzen. So kann man junge Menschen anleiten und ihnen beibringen, wie man Informationen beschafft und einordnet. Für die Bildung solcher Kompetenzen ist die Schule ein ganz wichtiger Ort. Eigentlich gehört es bereits zu den dort zu vermittelnden Inhalten, aber in der Tiefe funktioniert es bisher nicht. Die Entwicklung der Nachrichtenwelt ist in der Schule so noch nicht angekommen - zum Beispiel soziale Medien als Nachrichtenquelle. Doch genau die spielen in der Lebensrealität eine große Rolle.

Mit Ihrem Projekt Weitklick wollen sie Lehrerinnen und Lehrer unterstützen, das Thema nachhaltig in den Unterricht zu integrieren. Wie sieht das aus?

Lehrkräfte spielen eine zentrale Rolle in der Vermittlung von Medienkompetenz. Doch viele von ihnen sehen bei sich selbst noch Defizite. Daher wollen wir ihnen mithilfe eines Fortbildungsprogramms das Werkzeug an die Hand geben, das Thema Falschinformationen besser in ihren Unterricht einzubinden. Wir stellen Online-Kurse zum Selbstlernen und Webinare zur Verfügung - auch Journalistinnen und Journalisten spielen da eine große Rolle. Eine Sammlung an Unterrichtsmaterialen hilft dabei, die Themen dann direkt in den Schulunterricht zu integrieren.

Warum Journalisten?

Lehrende sind Didaktik-Profis. Sie sind in der Lage, Inhalte verständlich aufzubereiten und jungen Menschen zu vermitteln. Journalistinnen und Journalisten sind hingegen Nachrichten-Profis. Sie haben gelernt, wie man Informationen zusammenstellt, aufbereitet und der Zielgruppe vermittelt. Sie wissen, wie Nachrichten gemacht werden und auch, wie leicht man auf Falschinformationen hereinfallen kann. Zudem können sie von ihren eigenen Erfahrungen berichten - wie beispielsweise versucht wurde, sie selbst oder ihre Informationen zu manipulieren.

Wir wollen bei Weitklick beide Fähigkeiten kombinieren, um Kindern und Jugendlichen zu zeigen, wie spannend und interessant Nachrichten sein können und dass es wichtig ist, Dingen auf den Grund zu gehen und nicht gleich der erstbesten Nachricht zu vertrauen.

Ab welcher Klassenstufe ist denn die mediale Bildung sinnvoll und nötig?

Sinnvoll ist Medienbildung immer - schon im Kindergarten. Mit unserem Projekt unterstützen wir aber vor allem Lehrende an weiterführenden Schulen und der Berufsbildung, da bei etwas älteren Jugendlichen mehr Fertigkeiten bereits vorhanden sind und das Interesse höher ist. Sie haben bereits ein besseres Verständnis für die Komplexität der Welt.

Sollte ein eigenes Unterrichtsfach für Medienbildung geschaffen werden?

Seit Jahren wird diskutiert, ob wir ein Unterrichtsfach mit dem Namen Medienkompetenz brauchen. Es gibt wahrscheinlich genauso viele Befürworter wie Gegner. Ich glaube, dass es wichtig ist, den Umgang mit Medien in der gesamten Schullaufbahn zu verankern, weil es überall eine Rolle spielt. Zudem sollten Lehrerinnen und Lehrer nicht glauben, die Verantwortung auf die jeweils andere Kollegin oder den anderen Kollegen abschieben zu können. Jeder ist dazu aufgerufen, Medienkompetenz in seinem Unterricht zu berücksichtigen und in den eigenen Stoff zu integrieren.

Mit Martin Drechsler sprach Hedviga Nyarsik

Quelle: ntv.de