Politik

Games, Podcasts und Social Media Rechtsextreme "ködern" Nachwuchs im Netz

Selbstdarstellung, Propaganda - und nun auch Rekrutierung von Nachwuchs: Rechtsextreme nutzen das Internet immer mehr für ihre Zwecke. Auf Online-Plattformen rekrutieren Extremisten Jugendliche, um sie auf ihre Seite zu ziehen, warnt der Verfassungsschutz Brandenburg.

Mit erhobenem rechtem Arm und einer Art Glorienschein aus SS-Symbolen hinter seinem Kopf prangt Adolf Hitler auf dem Profilbild eines Accounts im sozialen Netzwerk "gab". Darunter: Unzählige Postings mit eindeutig rechtsextremistischen, antisemitischen und den Nationalsozialismus verherrlichenden Inhalten. Auf der Twitter-Alternative "gab" tummeln sich Hunderte solcher Profile mit Tausenden von Anhängern. Und ihre Zahl steigt, stellt der Verfassungsschutz Brandenburg in seinem Bericht zu Cyber-Extremismus fest, der der Redaktion von ntv vorliegt.

Dass sich Rechtsextreme im Internet ihre Informationen suchen, Propagandavideos anschauen und in einer eigenen Filterblase surfen, ist nicht neu. Beunruhigend sei vielmehr, dass sie verstärkt das Netz nutzten, um neue Anhänger zu rekrutieren, sagt Brandenburgs Verfassungsschutzpräsident Jörg Müller im Gespräch mit ntv. "Extremisten haben erkannt, dass sie hemmungslos junge Menschen über Videoplattformen und digitale Foren ködern können", sagt Müller. "Das war früher nicht so."

Betreiber von rechten und rechtsextremistischen Seiten "köderten" Jugendliche oft über Videospiele, Musik, Podcasts und Social Media, erklärt der Verfassungsschutzpräsident. Man tausche sich zunächst auf einer unpolitischen Plattform aus, wie man zum Beispiel ein Videospiel absolvieren könne. "Dann wird aber gesagt, lass uns doch mal in Ruhe unterhalten über die reale Welt in einer geschlossenen Gruppe." Dort werde dann für rechtsextremistische Inhalte geworben, sagt Müller.

Alternative Plattformen als Filterblase und Echokammer

Alternative Plattformen bieten dafür den idealen Raum. Denn große Anbieter wie Facebook, Twitter und Youtube haben nach politischem und gesellschaftlichem Druck zunehmend Accounts von Rechtsextremisten gesperrt. Verschwunden sind sie von den Plattformen dennoch nicht. Sie haben vielmehr ihre Propaganda angepasst, sind vorsichtiger geworden. Denn Extremisten benötigen diese zur Kontaktaufnahme, um Interessierte dann "möglichst schnell auf die Alternativplattformen zu locken", heißt es im Bericht.

In dem in Russland betriebenen Netzwerk "vk" oder der in den USA gegründeten Twitter-Alternative "gab" können Extremisten ihrem Hass dann freien Lauf lassen. Dort ist auch unter anderen die der AfD nahestehende Identitäre Bewegung zu finden. Unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung werden menschenverachtende und gewaltverherrlichende Positionen ungefiltert verbreitet. Diese Ausweichplattformen wirken wie eine Filterblase und Echokammer: Extremistischen Äußerungen wird dort nicht mehr widersprochen.

"Third Reich" und "Atomwaffen Division" auf Discord

Um ein junges Publikum zu erreichen, das in Online-Spielen aktiv ist, sind die Rechtsextremisten auch auf dem Sprach- und Videochatprogramm "Discord" aktiv. Der Verfassungsschutz warnt: "Das insbesondere bei Videospielern beliebte Chatprogramm Discord ist derzeit eine der meistgenutzten Alternativplattformen von Rechtsextremisten." In offenen Chats angelockte User werden privat in geschlossene Chats eingeladen, die eigentlich für Teams in Online-Spielen gedacht sind. Den Rechtsextremisten aber "dient der geschützte Kommunikationsraum für die gezielte Vermittlung ihrer verfassungsfeindlichen Agenda".

Die geschlossenen Gruppen machen aus ihrer Gesinnung kein Geheimnis: Die Gruppe "Third Reich" heißt etwa "alle Nazis und Faschisten willkommen, um sich über 'Untermenschen' lustig zu machen und in Strategiespielen als Deutsches Reich die Weltherrschaft zu übernehmen". Der deutsche Ableger der US-Nazigruppe "Atomwaffen Division" schreibt auf "Discord", wer bei ihr nicht erwünscht ist: "Neger, Juden, Asylanten, Antifa-Mitglieder, Schwule, Linke".

Die Gefahr der Nachwuchsrekrutierung in diesen geschlossenen Gruppen sei sehr hoch, sagt Müller. "Es sind verdeckte Räume, in die der Verfassungsschutz oder die Sicherheitsbehörde nicht sofort reinkommt." Aus Sicht des Verfassungsschutzes müssen Kinder und Jugendliche in ihrer Medienkompetenz gestärkt und über rechtsextremistische Rekrutierungsstrategien im Internet aufgeklärt werden. Und ihnen müssen die Gefahren solcher Netzwerke aufgezeigt werden, "um sie damit vor den Fängen der Extremisten zu schützen".

Quelle: ntv.de