Panorama

Tagebuch aus der Ukraine Krieg - und Mutter brät erst mal Frikadellen

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In den ersten Tagen fühlt sich der Krieg noch völlig unwirklich an.

(Foto: imago images/NurPhoto)

Die Ukrainerin Julia Solska erzählt in ihrem Tagebuch, wie es ist, wenn sich ein Leben von heute auf morgen verändert und ein Mensch mit Todesängsten und der eigenen Ohnmacht klarkommen muss. Ein bewegendes Werk, das den Schrecken des Kriegs offenbart. Hier lesen Sie einen Auszug.

25. Februar - Tag zwei der Invasion

Ich weiß jetzt, was Geisterstunde bedeutet, obwohl ich weder verrückt bin noch an Gespenster glaube. Alles ist still und ruhig, aber man weiß, da ist irgendetwas, etwas Böses und Bedrohliches, es ist überall, am Boden, in den Seen und Bächen, in der Luft, es kraucht durch Wälder, wälzt sich über Felder und Wege, gleitet über Wasser und schwirrt durch die Lüfte. Man sieht und riecht es nicht, kann es nicht greifen, spürt es aber ständig. Es ist da, verbreitet Angst und Schrecken. Man kann dem Spuk nicht entkommen und fühlt die Gefahr.

In der Nacht ist es unheimlich still gewesen, gespenstisch still. Keine Sirenen, keine Explosionen, kein Garnichts. Die Stille ist mindestens genauso brutal wie der Lärm der Explosionen. Das Geräusch einer Detonation versteht man wenigstens. Man kann damit bewusst umgehen, es bewerten, einschätzen, Schlüsse ziehen. Ist es weit weg, ist auch die Gefahr weit weg. Aber die Stille ist ein einziger Betrug, ein fieses Täuschungsmanöver. Sonst ist sie die Sprache des Friedens, eines Idylls. Nun ist sie purer Fake, suggeriert, dass nichts ist. Aber da ist was. Nämlich der Krieg. Nur eben so weit weg, dass man ihn nicht hört.

Nun weiß ich es, wie sich der Krieg anfühlt, und kann zum ersten Mal nachempfinden, was meine Großmutter von den Nazis erzählte. […]

Die erste Kriegsnacht haben wir also heil überstanden, jedenfalls körperlich. Ich habe kaum die Augen auf, da ist sie wieder da, die alles beherrschende Angst vor dem Ende aller Tage, nicht nur meiner. Auch Anton geht es nicht gut. Wir reden miteinander, das vertreibt die Stille. Wir beratschlagen, was wir tun sollten. Die Spirale Kiew-Eltern-Westen kommt wieder in Gang, aber hat diesen Morgen keine Chance, sich tiefer in mich hineinzubohren. In der Ferne sind Explosionen zu hören. Aus den Nachrichten erfahren wir: Nicht weit von uns entfernt steht ein neunstöckiges Wohnhaus in Flammen. Ein abgeschossener russischer Kampfjet ist in das Gebäude gestürzt. Kiew ist nicht sicher! Wir entscheiden, nach Worsel (nahe Irpin und Butscha - die Red.) zu reisen, unsere Eltern einzupacken und mitzunehmen, dorthin, wo es besser ist, wo immer das sein mag und was immer "besser" bedeutet.

Wir packen nur wenige Sachen ein. Lebensmittel, Pullis, jeder eine Hose, Sportsachen, Socken, Unterwäsche, Dokumente, Laptops und ich meine Kamera. Vielleicht geschieht das Wunder und der Horror hat ein schnelles Ende. Dann komme ich mit einer Hose und zwei Pullovern gut hin. Entpuppt sich der Albtraum doch nicht als Halluzination, ist es egal, was ich an Klamotten bei mir habe. Dann ist eigentlich alles völlig egal.

Julia, konzentrier dich! Vergiss nichts! Ganz wichtig: Handy und Ladegerät.

Wir machen uns Sandwiches als Reiseproviant, wer weiß, wie lange wir nach Worsel brauchen, normalerweise sind es knapp 45 Minuten mit dem Auto.

(Mein Kater) Fran kommt in eine eigene Tasche. Ich mache das letzte Foto von ihm in unserer Kiewer Wohnung. Er inspiziert den kleinen Koffer, den ich gerade packe, als wolle er hinein. Es ist das einzige Mal an diesem Morgen, dass ich lächeln kann. Der Rest des Tages ist für Tränen vorgesehen.

Wir verlassen unser gemeinsames Zuhause und schließen hinter uns die Tür. Der Schlüssel verrichtet sein Werk. Ich schließe einen Teil meines Lebens ab und verabschiede mich im Stillen von meiner Wohnung. Mir ist bewusst, dass ich sie vielleicht nie wieder betreten werde. Ich kneife die Augen zu, um nicht zu weinen. Ich schlucke die Tränen runter, weil Heulen nichts besser macht. Der Entschluss steht fest: weg aus Kiew. Denn seit gestern ist sicher: Kiew ist nicht sicher. […]

Wir steigen ins Auto, einen Volkswagen Scirocco, dunkelblau. Deutsche Wertarbeit, wie die Deutschen stolz über ihre Autos sagen. Es geht los. Eigentlich ist es wie sonst auch, als würden wir ins Grüne zum Picknick oder zu unseren Eltern nach Worsel fahren. Wäre da nicht die nie abebbende Angst, die ständige Unruhe, das permanente Zittern. Ich beiße in ein Sandwich, aber der Happen bleibt mir im Halse stecken, ich kriege nichts runter. (…)

Ich staune über meinen Mut. Ich habe Angst und bin zugleich ruhig und entschlossen. Die Einsicht, nicht jedes Risiko ausschließen zu können, eine Bombe auf den Schädel zu kriegen, hat befreiende Wirkung. Die Schockstarre löst sich. […]

Nach einer halben Stunde halten wir vor dem Haus meiner Eltern. Wir haben genauso lange gebraucht wie in Friedenszeiten. Das verstärkt nur das Gefühl des Surrealen.

Der Krieg ist ein einziges Durcheinander. Seine perversen Logiken hat er trotzdem. Die Russen rücken von der belarussischen Grenze auf Kiew vor, sie kommen von Norden. Dort liegt die Front. Niemand, der kein Soldat ist, fährt in Richtung Front. Nur Anton und ich.

Und hier soll es sicher sein?

Anton lässt mich raus und fährt weiter zu seiner Mutter.

Ich bin glücklich, meine Mama zu sehen, sie zu umarmen, ihre Wange an meiner zu spüren. Auch sie freut sich, ihre Julia bei sich zu haben, heil und unversehrt. Seltsam, sie ist wie immer, kein bisschen aufgeregt, stark und voller Energie. Wenn sie jetzt sagte, Julia, ich bin gleich fertig mit der Wäsche und dem Holzhacken, warte noch die paar Minuten, dann bin ich bei dir und mach uns Kaffee - es würde mich nicht wundern.

Verrückt! Wie alles in diesem Krieg. Seit gestern Morgen mache ich mir Sorgen um meine Mama, dass sie im Krieg umkommt. Jetzt mache ich mir Sorgen, weil sie sich überhaupt keine Sorgen macht. Mama scheint überhaupt keine Angst zu haben, sie wirkt wie immer. Fast möchte ich sie rütteln und laut schreien: Mama, es ist Krieg! Wir müssen weg, ganz schnell! […]

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"Was macht ihr jetzt? Bleibt ihr hier und wartet einfach, bis eine Rakete in euer Haus einschlägt oder die russischen Panzer kommen, alles kurz und klein hauen und auf alles schießen, was sich bewegt?" Mama versucht, mich zu beruhigen, dass nichts Schlimmes passieren kann. Ich traue meinen Ohren nicht, als sie sagt: "Es gab auch schon früher Kriege und wir sind nicht geflohen. Deine Großeltern sind auch nicht weg, als die Nazis hier waren, und haben es überlebt. Wir bleiben."

Ich bin verzweifelt, wütend, ohnmächtig, auch weil ich weiß, dass ich sie nicht werde überreden können. Wenn sie sanft, aber bestimmt redet wie eben, ist Mama nicht umzustimmen. Ich gerate regelrecht in Rage. Denn jetzt macht sie das Radio an und fängt an, Frikadellen zu braten. "Mittag", sagt sie. Waaas? Hilfe! Mama, die Russen kommen! Ich bin am Durchdrehen, könnte die Wand hinauflaufen, in den Tisch beißen vor Wut oder schreien vor Verzweiflung. Oder alles zusammen. Aufgelöst sage ich: "Es ist Krieg, und du brätst Frikadellen. Hast du die Explosionen nicht gehört?" Hat sie. Aber die Frikadellen sind ihr momentan wichtiger. Man muss ja was essen - auch im Krieg. […]

Ich bin todtraurig und niedergeschlagen. Ich fühle mich, als wäre ich auf einen Schlag um fünfzig Jahre gealtert, schlapp und gebrechlich. Oder besser: zerbrechlich, wie eine Figur aus Glas. Ich weiß, ich kann sie nicht umstimmen, zumal mein Stiefvater auch nicht weg möchte. Beide sind fest entschlossen, in Mychajliwka-Rubeschiwka zu bleiben. Während wir zu dritt diskutieren und ich schon wieder dabei bin, den Verstand zu verlieren, sehe ich einen Militärhubschrauber mit einem roten Sternchen am Rumpf: Russen! Ich habe unglaubliche Angst, mehr noch als gestern in Kiew, als ich allein in der Wohnung war, und sage: "Nein, hier bleibe ich nicht, auf gar keinen Fall. Hier sterbe ich nur vor Angst!" […]

Anmerkung der Redaktion: Die Eltern von Julia Solska haben das Dorf einige Tage später verlassen, nachdem es die russische Armee besetzt hatte.

Quelle: ntv.de

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