Panorama

Auch schottische Heime betroffen "Misshandelt und gegen die Wand geworfen"

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Die in Irland entdeckten 796 Kinderleichen schockieren die Nation.

(Foto: REUTERS)

John McGurk war ein Kind, als seine Mutter weglief. Als er ins Kinderheim kam, herrschten dort Angst und Feindseligkeit. Seine Schwester brachte sich später um, denn das Heim war ein Ort, an dem Kinder missbraucht und erniedrigt wurden. Wie zuvor in Irland wird nun in Schottland an der Aufarbeitung der Umstände gearbeitet.

John McGurk wuchs in der Armut des Glasgower Ghettos auf. In die Schule konnte er nicht gehen, weil er keine Kleidung hatte. "Wir waren abgemagert und bekamen Krankheiten", sagt der 59-Jährige, der heute in Osnabrück lebt. Nach einigem Hin und Her landete er schließlich, getrennt von seinen Geschwistern, in einem Kinderheim im schottischen Dumfries. Es ist eines der Heime, die nun von der Kommission "Untersuchung von schottischem Kindesmissbrauch" analysiert werden.

Dabei werden Menschen zu den Lebensumständen in, meist katholischen, schottischen Kinderheimen zwischen 1930 und 1980 befragt. Laut eines Zwischenberichts im Jahr 2019 wurden Tausende Kinder, die in den Heimen der Nazarethschwestern lebten, Opfer von Demütigung, Misshandlung und sexueller Gewalt.

"Die Nazareth-Häuser in Schottland waren für viele Kinder Orte der Angst, Feindseligkeit und Verwirrung, Orte, an denen Kinder körperlich missbraucht und seelisch ungestraft missbraucht und emotional erniedrigt wurden", heißt es in einem der Berichte. "Es gab sexuellen Missbrauch von Kindern, der in einigen Fällen einen Grad von äußerster Verderbtheit erreichte."

Obwohl McGurks Kinderheim nicht zu den katholischen Institutionen gehörte, sondern eine kommunale Einrichtung war, erlebte auch er, was in den Berichten der Kommission beschrieben ist. "Ich wurde misshandelt, vom Heimvater gegen die Wand geworfen", erinnert er sich. Später erfuhr er, dass seine jüngste Schwester, die in einem Heim des Nonnenordens untergebracht war, das gleiche Schicksal erlitt. Sie beging schließlich Selbstmord. "Es bricht mir das Herz, dass meine kleine Schwester Jean sich wegen der Kindesmisshandlungen erhängte", sagt McGurk.

Unehelich gezeugt = Schande

Woran die schottische Untersuchungskommission derzeit noch arbeitet, hat in Irland erst kürzlich seinen Abschluss gefunden. Der Bericht umfasst die Erfahrungen von Müttern und Kindern, die von 1922 bis 1998 in 18 Mutter-Kind-Heimen in Irland lebten. Mindestens 9000 Kindern starben demnach in den katholischen Einrichtungen. Die Ursachen waren meist Mangelernährung, Krankheiten oder unbekannt.

Zu dieser Zeit wurden unverheiratete, schwangere Frauen in Heime gebracht, um zu gebären. Ihre Kinder galten als Schande, weil sie unehelich gezeugt wurden. Entweder wurden sie als Waisen im Heim großgezogen oder zur Adoption freigegeben - oft ohne Einverständnis der Eltern.

Auf die Geschehnisse in den Heimen wurde jedoch erst 2011 die Lokalhistorikerin Catherine Corless aufmerksam. Sie recherchierte zum Mutter-Kind-Heim "St. Mary's" in Tuam in der Grafschaft Galway, weil sie einen Artikel für eine historische Zeitschrift schrieb. Im Zuge dessen erfuhr sie, dass 1975 zwei spielende Jungs auf eine Platte auf dem ehemaligen Gelände der Einrichtung stießen, unter der sie "zahlreiche Skelettreste von Säuglingen und Kleinkindern" fanden, so Corless.

Obwohl sie sowohl die Kommunalbehörde als auch Polizei zu der Fundstelle riefen, der Bischof und Schwestern des Nonnenordens informiert wurden, wurde laut Corless Recherchen das Loch einfach wieder verschlossen und ein Gebet gesprochen.

Versuchte Vertuschung und taube Ohren

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Catherine Corless spricht im Webinar mit dem zuständigen Minister vor der Veröffentlichung des Berichts.

(Foto: REUTERS)

Zunächst wurde angenommen, die Überreste stammten aus der großen Hungersnot, die zwischen 1845 und 1849 in Irland herrschte. Doch Corless wusste, dass das mit dem Fundort nicht übereinstimmte und recherchierte weiter. "Ich präsentierte meine Fakten der lokalen Behörde, dem Nonnenorden, der Polizei und dem Erzbischof, aber meine Worte stießen auf taube Ohren, niemand wollte etwas wissen oder darauf reagieren", sagt die Irin.

Erst als sie im Mai 2014 Medien in der ganzen Republik kontaktierte, setzte sich etwas in Bewegung: "Die Menschen fingen an zuzuhören." Als die Geschichte dann weltweit bekannt wurde, setzte das die irische Regierung laut Corless extrem unter Druck.

Es folgten fünf Jahre, in denen die 2015 gegründete "Untersuchungskommission für Mutter-und-Kind-Heime und bestimmte damit verbundene Angelegenheiten" - das Äquivalent zur schottischen Kommission - auch auf andere Heime in Irland aufmerksam wurden. Schnell wurde klar, dass es nicht bei den wenigen Kinderskeletten in Tuam blieb. Anhand verschiedener Dokumente, wie Sterbezertifikate, fand man heraus, dass es sich allein in diesem Heim um knapp 800 tote Kinder in 36 Jahren handelte. Eine Zahl deutlich über der damaligen Kindersterblichkeitsrate.

Bericht zum Abschluss der Untersuchungen

Mitte Januar veröffentlichte die Regierung schließlich den knapp 3000-seitigen, endgültigen Bericht. Mit 56.000 unverheirateten Müttern und 57.000 Kindern in den Einrichtungen, war die Anzahl unverheirateter Frauen, die im 20. Jahrhundert in Irland in Mutter-Kind-Heime gebracht wurden, proportional wahrscheinlich die höchste weltweit.

Eine davon war Carmel Larkins Mutter, über die sie nur wenig weiß. In einem Bericht heißt es, sie sei mit 18 Jahren in das Heim gekommen, laut eines anderen Reports sei sie schon 28 gewesen. "Die Informationen, die ich bekommen habe, sind sehr unterschiedlich", sagt Larkin. Was die Irin mittlerweile über sich selbst weiß, ist, dass sie 1949 im St. Marys Mutter-Kind-Heim in Tuam geboren wurde.

Als sie fünf Jahre alt war, wurde sie von einer Familie im Nachbarstaat adoptiert. Dort ging sie zur Schule und hatte eine gute Beziehung vor allem zu ihrem Pflegevater. "Meine Pflegemutter schien etwas kühl zu sein", sagt Larkin. Ihre Lebensbedingungen seien gut gewesen, nie erlebte sie Armut oder Gewalt.

Als ihre Pflegemutter an einem Schlaganfall starb, zog sie zu Verwandten nach England und hatte auch dort "12 sehr gute Jahre." Interesse für ihre leibliche Mutter kam erst auf, als die heute 71-Jährige heiraten wollte und ein Geburtszertifikat benötigte.

Also besuchte sie den Geburtsort ihrer Mutter. "Als ich runter nach Ballina kam, wollten die Leute in der Gegend nicht mit mir darüber sprechen", erinnert sich Larkin, "sie behandelten mich wie eine Aussätzige." Weil sie keinen anderen Weg wusste, gab sie auf.

Erst als Larkin von Catherine Corless und ihren Entdeckungen hörte, kam Hoffnung auf, doch noch etwas über ihre Vergangenheit herausfinden zu können. "Ich war erschüttert. Ich konnte es nicht glauben", sagt Larkin. Ihre Hoffnung sei nun, mehr Informationen über ihre leibliche Mutter zu bekommen und "Zugang zu all den Dokumenten zu bekommen, die irgendwo da draußen sind."

Betroffene brauchen mehr als einen Bericht

Mit dem kürzlich erschienenen endgültigen Bericht ist die Irin nicht zufrieden: "Ich bin nicht glücklich, weil die Ergebnisse nur für den Staat in Ordnung sind." Sie jedoch, und all die anderen Betroffenen, die als Kind oder Mutter in einem der Heime lebten, brauchen nicht nur Entschuldigungen. "Wir brauchen mentale und physische Unterstützung und die Kinder brauchen eine würdevolle Beerdigung."

Corless weiß auch von anderen Überlebenden und Betroffenen, dass sie sehr enttäuscht von den Untersuchungen sind. "Wir haben einen mitfühlenderen Bericht zugunsten all der Mütter und ihrer Babys erwartet, die so ungerecht behandelt wurden", sagt sie. Die Kommission erkläre außerdem, dass Misshandlungen oder Kinderhandel in den Institutionen nicht nachweisbar seien. "Und das, obwohl sie dafür viele Beweise von Müttern und ihren Kindern gesammelt hatten", weiß Corless.

Zwar sieht auch John McGurk, dass sich sowohl in Irland als auch in Schottland etwas tut. Er ist dankbar dafür, dass er sich nicht mehr für sein Schicksal schämen muss. "Jede Entschuldigung und jede ausgestreckte Hand ist ein wichtiges Signal", sagt der Schotte. Doch er weiß auch, dass noch mehr passieren muss.

Um weiter auf die Geschehnisse in Schottland aufmerksam zu machen, plant McGurk zurzeit einen Spendenlauf. Im April und Mai dieses Jahres, falls es Corona zulässt, will er von Osnabrück nach Tuam laufen. Dabei sammelt er Spenden für Kinder in Not. Mit auf die Reise kommen selbstgebaute Holzkreuze - für jedes in Tuam verstorbene Kind eines - mit Namen und Alter beschriftet. "Diese Kinder müssen würdevoll beerdigt werden", sagt McGurk. "Das ist mein Ziel."

Quelle: ntv.de