Panorama

Mutter-Kind-Heime in Irland "Gott will dich nicht … du bist Dreck"

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Am Friedhof von Tuam hängen Babysocken, sie erinnern an die 796 Babys, deren Überreste hier gefunden wurden.

(Foto: REUTERS)

Gedemütigte und gequälte Mütter, ungewollte und nicht geschützte Kinder - der Abschlussbericht zu den Zuständen in Irlands Mutter-Kind-Heimen zeigt ein erschreckendes Bild. Mindestens 9000 Kinder kostete dies das Leben.

Massengräber, unterernährte Kinder, Mütter, deren Babys ihnen kurz nach der Geburt weggenommen wurden - jahrzehntelang ist verschleiert worden, was in irischen Mutter-Kind-Heimen geschah. Erst nach einem zufälligen Skelettfund im Jahr 2014 fing eine Lokalhistorikerin an, den katholischen Institutionen auf die Spur zu gehen. Es folgten jahrelange Untersuchungen mit erschreckenden Ergebnissen. Am Dienstag wurde mit fast 3000 Seiten der endgültige Bericht veröffentlicht. Er umfasst die Erfahrungen von Müttern und Kindern, die von 1922 bis 1998 in18 Heimen in ganz Irland lebten.

"Eine Nonne sagte mir: 'Gott will dich nicht … du bist Dreck'" und "Man konnte fast die Tränen in den Wänden fühlen" sind nur zwei der Zeugenaussagen von mehreren 100 ehemaligen Bewohnern der Mutter-Kind-Heime. Auf fast 180 Seiten beschreiben Betroffene beispielsweise, wie sie auf Knien den Boden schrubbten, während sie "verbal über ihren Status als 'gefallene Frau' beleidigt wurden".

Unverheiratete Frauen, die schwanger wurden, wurden zu der Zeit häufig von ihren Familien in die sogenannten Mutter-Kind-Heime gebracht, um zu gebären. Denn "uneheliche" Kinder galten in dem streng katholischen Land als eine Schande. Die Neugeborenen wurden dann entweder als Waisen im Heim gelassen und von den Nonnen großgezogen oder, oft ohne das Einverständnis der Eltern, zur Adoption freigegeben.

Loch voller Kinderskelette

Das Mutter-Kind-Heim in Tuam war das erste von 18 Einrichtungen in ganz Irland, das Einwohner in dem kleinen Ort der Grafschaft Galway aufhorchen ließ. Von 1925 bis 1961 leitete der Nonnenorden "Bon Secours Sisters" die Institution "St. Mary's", die im Ort als "Das Heim" bekannt war. Erst 1975, 14 Jahre nachdem die Einrichtung geschlossen worden war, fanden zwei Jungen beim Spielen auf dem Gelände, wo damals das Gebäude stand, ein Loch "voll mit Kinderskeletten". Laut einem Artikel der irischen Nachrichten-Webseite thejournal.ie hielt der Priester dort eine Messe und schloss das Grab wieder.

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Catherine Corless ließ mit ihren Nachfragen nicht locker.

(Foto: REUTERS)

Erst als die Lokalhistorikerin Catherine Corless Wind von den Gräbern bekam, begannen die Nachforschungen. Die Irin gelangte an Dokumente der in "St. Mary" gestorbenen Kinder und kam auf knapp 800 in 36 Jahren. Darunter waren Säuglinge bis Neunjährige. Der neueste Bericht korrigiert das auf knapp 1000 Tote. Die Ursachen waren demnach oft ungeklärt, Mangelernährung oder Krankheiten. Der Durchschnitt von 27 Kindern im Jahr lag damit deutlich über der damaligen Sterblichkeitsrate.

Die 2015 gegründete "Untersuchungskommission für Mutter-und-Kind-Heime und bestimmte damit verbundene Angelegenheiten" wurde schnell auf weitere Einrichtungen in ganz Irland aufmerksam. Laut des aktuellen Berichts erreichte beispielsweise die Kindersterblichkeit im Heim Bessborough mit 75 Prozent im Jahr 1943 ihre Spitze. "Von 100 Babys, die in diesem Jahr in Bessborough geboren oder dort aufgenommen wurden, starben 75 noch im Kindesalter."

Mehr als 900 Kinder starben in dem Heim oder im Krankenhaus, nachdem sie von Bessborough eingeliefert wurden. "Trotz intensiver Nachforschungen und Suche konnte die Kommission nur die Grabstätte von 64 Kindern ausfindig machen", heißt es in einem der vorherigen Berichte.

Unzählige Schicksale

Er ist nur eines von sieben Gutachten, die über einen Zeitraum von fünf Jahren erstellt wurden. Immer wieder wurden Zwischenberichte veröffentlicht, Verlängerungen beantragt. Das ganze Ausmaß wurde auch den Ermittlern erst während ihrer Untersuchungen bewusst.

Nun veröffentlichte die Regierung den endgültigen Bericht der Untersuchungskommission. In den knapp 3000 Seiten ist von insgesamt 9000 Kindern die Rede, die in den 18 untersuchten Heimen in ganz Irland gestorben sind. Demnach lebten 56.000 unverheiratete Mütter und 57.000 Kinder in den Einrichtungen. Hinzu kommt eine fünfstellige Dunkelziffer. Damit war die Anzahl unverheirateter Mütter, die im 20. Jahrhundert in Irland in Mutter-Kind-Heime gebracht wurden, proportional gesehen die wahrscheinlich höchste weltweit.

"Selbst in den 60ern wurden Mädchen und Frauen noch immer schwanger, ohne zu verstehen, wie und warum", heißt es in dem Bericht. Das sei auf die fehlende sexuelle Aufklärung und strenge katholische Erziehung zurückzuführen. Häufig seien demnach auch Schwangerschaften als Resultat einer Vergewaltigung. Eine Zeugin, die in einem der Heime geboren worden war, erzählte, ihre Mutter sei schwanger geworden, nachdem ein Priester sie vergewaltigt hatte.

Als sie selbst gerade einmal 15 Jahre alt war, so erzählte die Zeugin der Kommission, kam sie von einem Jahrmarkt zurück, wo ein "Junge um die 17 oder 18 Jahre mich gegriffen und Sex mit mir hatte". Erst als eine Nonne in der Schule sie zum Arzt brachte, kam heraus, dass sie im siebten Monat schwanger war. "Als ihr das gesagt wurde, habe sie nicht verstanden, was das bedeutet - und als es erklärt wurde, konnte sie sich nicht erklären, wie das passiert war", erzählte sie der Untersuchungskommission.

Neben Zeugenaussagen wie dieser, gesammelter Daten, einer staatlichen Entschuldigung und Wiedergutmachung, fordert der Bericht außerdem, die Betroffenen sollen Zugang zu ihren Geburtsurkunden bekommen.

Erdrückende und frauenfeindliche Kultur

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In einem Statement sagte Roderic O'Gorman, irischer Minister für Kinder, Gleichstellung, Behinderte, Integration und Jugend: "Die Untersuchungskommission enthüllt die Wahrheit darüber, was innerhalb der Mauern der Mutter-Kind-Heime und darüber hinaus mit vielen Tausenden von Frauen und Kindern geschah." Das Gutachten mache eine jahrzehntelange erdrückende und frauenfeindliche Kultur des Landes deutlich.

In den kommenden Wochen und Monaten werde der Bericht laut der irischen Regierung "sehr sorgfältig und detailliert geprüft." Ziele seien unter anderem eine Entschuldigung, Zugang zu persönlichen Informationen für Betroffene, Gedenkstättenarbeit und würdige Bestattungen.

Quelle: ntv.de

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